Mystik und Politik
Katharina von Siena in Hanno Helblings Darstellung
Gemessen an der Kürze ihres bloss dreiunddreissig Jahre währenden Lebens (13471380) ist die Erfolgs- und Ruhmesgeschichte der 1461 von Papst Pius II. (dem Sienesen Aeneas Silvius Piccolomini) heilig gesprochenen Bussschwester des heiligen Dominikus, Katharina von Siena, von ausserordentlichem Gewicht. Katharina hat in Italien zusammen mit Franziskus von Assisi, mit dem sie die Gnade der Stigmatisierung teilt auf Grund ihrer Wirksamkeit als Prophetin und Wundertäterin den Ruf einer nationalen Schutzpatronin und geniesst Ruhm als Autorin eines ungewöhnlicherweise ausschliesslich im «Volgare», d. h. in der toskanischen Volkssprache, verfassten geistlichen Schrifttums mit weitestem Einflussbereich, das über 380 Briefe, ein umfangreiches theologisches Werk mit dem Titel «Libro della divina Provvidenza» (auch: «Libro della divina dottrina», «Dialogo» oder kurz «Il Libro» genannt) und zwei Dutzend ausgeformte «Gebete» umfasst.
Ihre Attraktion als religiös-spirituelles Vorbild der Mystik und als geschichtsmächtige Vertreterin eines kirchenpolitischen Engagements ist vergleichbar jener Meister Eckharts im deutschen Sprachraum: Neben Ähnlichkeiten in der Kompromisslosigkeit der denkerischen und religiösen Lebensfigur scheint bei beiden dieselbe dominikanische Ordensspiritualität innere Wegleitung ihrer weit ausgreifenden Unternehmungen zu sein, welche sich keinesfalls bloss im Kontext klösterlicher Kleinräumigkeit abspielen, sondern bei Katharina mehr noch als bei Eckhart die Öffentlichkeit kirchenpolitisch gewichtiger Äusserungen nicht scheuen. Dass Katharina als «eine der bedeutendsten Frauen der italienischen Geschichte» und als wichtige Figur der Geschichte der christlichen Mystik immer wieder Aufmerksamkeit erregen kann, lässt sich dem nicht ablassenden Interesse entnehmen, das ihre Gestalt in Historiker- und Gelehrtenkreisen bis heute hervorruft. Ein nüchternes und gleichzeitig faszinierendes Dokument solcher gelehrter Beschäftigung aus begründbarer Empathie mit der italienischen Nationalheiligen bietet Hanno Helblings eben erschienene monographische Darstellung «Katharina von Siena. Mystik und Politik».
Unter Aussparung aller legendenhaften Züge, die ihrem Erscheinungsbild noch heute anhaften mögen, zeichnet Helbling Biographie und geistige Gestalt der Heiligen im Kontext ihrer Versuche, sich bei den kirchlichen und weltlichen Würdeträgern mit ihren Ein- und Absichten Gehör zu verschaffen. Dass Helbling gerade nicht eine methodische Trennung der politisch engagierten von der mystisch (d. h. ekstatisch und enthusiastisch) bewegten Trägerin solcher Bestrebungen vornimmt, sondern die beiden Seiten an ihr ineinander zu spiegeln versucht, macht den hohen Reiz der Darstellung aus.
Mit andern Worten: Wenn bisher die profane Geschichtsschreibung sich am konkreten Erfolg der katharinischen Einflussnahme auf Papst und weltliche Würdenträger interessiert zeigte und dabei zu einer diesen Einfluss eher zurückstufenden Erkenntnis gelangte, kann Helbling unter Einbezug dieser Ergebnisse den Akzent auf das Funktionieren des Ineinanderspiels zwischen (kirchlich oder weltlich) amtlicher Macht und inspirierter Mahnung von Seiten einer Verantwortungsträgerin legen, die das Heil der Kirche immer schon als eines auch der profanen Welt erkannt hat. Es geht dabei weniger um das Fazit, wer wen beeinflusst habe, sondern um die Frage, wie überhaupt im schwierigen Zwischenbereich von Welt und Kirche integrierende Zusammenhänge entstehen können.
Katharina, das zeigt sich sehr bald, geht von einer integralen Schau aus: Sie beugt sich nicht einer Trennung zwischen Kirche und Welt und redet aus einer gesamtmenschlichen Verpflichtung auf das Reich Gottes heraus ihre Ansprechpartner an, indem sie sich ihrer Unwürdigkeit und Auserwählung gleichzeitig bewusst ist. Askese begründet in einem in der «Zelle der Selbsterkenntnis» erkannten grundsätzlichen Seinsdefizit: «Ich bin die, die nicht ist!» (weil Gott, ganz wie bei Eckhart, der einzige ist, der «ist») mit einem daraus erfliessenden «Selbsthass» (odio di sè) und begleitende Geduld, Gehorsam und Ausdauer (pazienzia, obedienzia, perseverenzia) machen sie fähig, selbstlos konzentriert auf das Heil der Kirche ohne Rücksicht auf Rang und Stand geistliche und weltliche Behörden ermahnend anzusprechen.
Ihre Ziele sind konkret die Erwirkung einer Rückkehr des Papstes aus Avignon nach Rom, der Kreuzzug ins Heilige Land (den rechtfertigen zu müssen sie keinerlei Notwendigkeit sieht, da ihr von allem Anfang an klar ist, dass das Heilige Land per ragione den Christen gehört) und die unbeendbare, aber immer anstehende innere Befriedung der salus Ecclesiae. Diese Ziele verfolgt sie zeit ihres Lebens und unterstützt von einer geistlichen und weltlichen famiglia, die ihr immer helfend beisteht, mit äusserster Zähigkeit und einem Impetus der Nachfolge Christi, der Bilder von Blut und Leiden nicht scheut. Der Zusammenhang zwischen Aktion und Kontemplation, Politik und Mystik erweist sich, wo immer ihr Leben und Wirken betrachtet wird, als die unabdingbare Vorbedingung ihrer ganzen Existenz.
Die einzelnen Wirkbereiche dieser im kierkegaardschen Sinne «gestikulierenden Existenz» schreitet Helbling in faszinierenden, vornehmlich mit Briefstellen belegten Essays aus. Die geistliche Strategie von Zuspruch und Ermahnung wird in einer breiten Dokumentation von Katharinas okkasionellen Seelsorgeunternehmungen gespiegelt: Adlige, reiche Händler und Juden, Damen der Sieneser Gesellschaft, Priester und Nonnen, aber auch Verbrecher (wie Nicolò di Toldo) insgesamt liegt der Akzent ihrer Seelsorgebemühungen sicherlich auf der grossbürgerlich-adligen Schicht erwecken den Eindruck einer der Hilfe bedürftigen Klientele, die zu Gläubigkeit und Selbsterkenntnis (was Gotteserkenntnis meint) zurückgeführt werden muss.
In Helblings Analyse des Briefwechsels mit ihrem Lehrer und Schüler Raimund von Capua (gestorben 1399), dem späteren Generalmagister des Dominikanerordens, dominieren die intimen Akzente einer ergreifenden Seelenfreundschaft, die ihr Zentrum in der gemeinsamen Gottesliebe, konkretisiert im Gedanken ans Martyrium, hat. Neben diesen eher weicheren Tönen nehmen sich Katharinas Botschaften an die in Streitigkeiten verfilzten Städte Siena, Mailand, Florenz, Bologna und ihre Aufrufe zum Kreuzzug bisweilen eher verbittert und grell aus, während ihre Briefe an die Päpste Gregor XI. und Urban VI. von einem unerhört starken Appellcharakter geprägt sind, in dem das Heil der Kirche von einer Befriedung des gesamten Universums abhängig gemacht wird, die ihrerseits in deren Armut, ihrer Lokalisierung in Rom und im aktiv unternommenen Kreuzzug abhängig sein soll.
Helblings biographischer Darstellung Katharinas von Siena gelingt es, in sensibler Weise die Substanz ihres Lebens unter Abstrich alles Legendären aus dem reichen Briefmaterial sichtbar zu machen. Damit geschieht eine Neubewertung von dessen Dokumentationsgehalt: Die Briefe gewinnen als Signale der theologischen Überzeugungen und mystischen Einsichten Katharinas einen neuen Stellenwert, der durch die Suggestion der Unmittelbarkeit und Lebendigkeit ihres Ursprungs dem bloss Theoretisch-Unverbindlichen entzogen bleibt. Das sichtbar gemacht zu haben, ist einer der entscheidenden Vorteile von Helblings unsentimentaler und doch engagierter relecture des Lebens der berühmten Sienesin.
Alois M. Haas
Pressenotiz zu : Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2000
Michael Borgolte nutzt die Buchbesprechung vor allem, um etwas über das Leben dieser Mystikerin aus dem 14. Jahrhundert zu erzählen, die einerseits Päpste beriet, andererseits durch Ekstasen, Visionen und Wunder von sich reden machte. Borgolte beschreibt eindrucksvoll, wie sie den zum Tode verurteilten Niccolo di Toldo, der sie liebte, zum Richtblock begleitete und seinen abgeschlagenen Kopf mit den Händen auffing. Von Helblings Buch ist Borgolte allerdings enttäuscht. Helbling wollte beweisen, dass Mystik und Politik bei Katharina zusammengehören. Die Basis seien 380 erhaltene Briefe, die Katharina, die nicht schreiben konnte, diktiert hatte. Besonders vermißt Borgolte einen Standpunkt des Autors: Der Versuch, Katharina aus ihrem eigenen Selbstverständnis heraus zu beschreiben, habe Helbling dazu verführt, auf jede Interpretation zu verzichten. Auch habe es der Autor versäumt, Katharina in ihre Geschichte zu stellen: Über die religiöse Frauenbewegung oder den Zustand der Papstkirche in dieser Zeit erfahre man nichts. Religiöse Erbauungsliteratur nennt Borgolte das.
© Perlentaucher Medien GmbH