(Märchen gibt es nicht nur im Märchen! )Es war einmal eine gotische Kathedrale, die wollte nach siebenhundert Jahren Dienst endlich einmal Urlaub machen. Sie machte sich auf den Weg zu ihren Verwandten im Ausland. Als die Kathedrale an die Grenze kam, fragte der Zöllner sie noch: "Haben Sie etwas zu verzollen?" Dann fiel er in Ohnmacht.
Es war einmal eine Kirchenmaus, die war schrecklich hungrig. Die Leute in der Kirche feierten zwar häufig das Abendmahl, aber sie achteten sehr darauf, daß keine Krümelchen auf den Boden fielen. Vor lauter Hunger fing sie an, das große Buch anzuknabbern, das da in der Kirche lag. Sie war froh, daß ein gewisser Paulus so viele Briefe geschrieben hatte, denn dadurch hatte sie wochenlang zu fressen. Und ganz begeistert war sie von der Buchseite, auf der geschrieben stand, daß man keine Ratten und Mäuse essen dürfte.
Ein kleiner Igel wollte endlich herausfinden, was Weihnachten ist, und verzichtete dafür sogar auf den Winterschlaf. Es ist aber gar nicht einfach, jemanden zu finden, der sich mit Weihnachten auskennt! Eine Waschmaschine wollte Lokomotivführer werden, oder Fallschirmspringer, oder wenigstens Fernsehstar. Dann war da der Balkon, der von einer Karriere als Fußballer träumte, und zwar nicht etwa als Torwart, sondern als Mittelfeldspieler mit der Rückennummer 10.
So haben sie alle ihre Sorgen und Träume, die Tiere und die anderen Hauptfiguren der Märchen, die der Kater erzählt. Die Gardine war erkältet und stritt sich mit dem Fenster. Der Pinsel hatte Maler werden wollen, statt nur Kuchenformen mit Fett einzuschmieren. Die Zeitung fühlte, wie sie jeden Tag älter wurde, und versuchte, ihre Falten zu verstecken.
Ob nun eine Giraffe, eine Zwiebel, eine Brücke oder ein paar Sternchennudeln - sie alle wollen Träume verwirklichen, die man ihnen auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Da hat es der Kater, der die Märchen erzählt, nicht leicht. Der Prinz hatte sich sogar schon beschwert: er wolle lieber bei den Brüdern Grimm mitmachen, als sich bei dem Kater mit verliebten Türklinken abzugeben...
Marec Béla Steffens wurde 1964 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Volkswirtschaft lebte er ein Jahr lang mit einem Forschungsstipendium in Ungarn. 1992 wurde er an der Universität Hamburg promoviert. Seit 1991 arbeitet er bei der Siemens AG, und zwar nach längeren Einsätzen in Shanghai und Budapest derzeit in Warschau. In Ungarn war er regelmäßig mit Opernkritiken in der deutschsprachigen Budapester Zeitung vertreten, in Polen ist er es im Warsaw Insider. Er schrieb schon als Kind gern Geschichten und hat nach seiner Heirat mit Krystyna geb. Bogucka wieder damit angefangen.