Seit langem schon interessiert mich dir Frage, wie eigentlich die Musik der Antike geklungen haben mag. Rekonstruktionsversuche sind in den vergangenen Jahren immer wieder auf CD gepresst worden. Manchmal recht gelungen und manchmal irritierend. Dass im Kern der Folklore Georgiens Splitter antiker Musiktradition überliefert sind, ist ziemlich bekannt. Dem breiteren Publikum wird hingegen sehr wahrscheinlich das Stichwort "Gregorianik" als Synonym für die älteste Musik einfallen, die bis auf den heutigen Tag noch hörbar zu machen ist. Wenn es an die spezielle Frage von namentlich bekannten Komponisten und erst recht: von Komponistinnen(!) geht, wird es noch stiller. Hildegard von Bingen kennen inzwischen viele. Sie hat als hochmittelalterliches Universalgenie nicht nur nebenher Musik gemacht und sprengte dabei in origineller Weise mit ihren freien Kantilenen immer wieder den Formenkanon der Gregorianik auf. Was die Bewertung ihrer Musik angeht, irritiert das die gelehrte Welt bis heute: ist das so eine Art "hochmittelalterlicher Romantik?" oder mangelndes Können? Die frei schwebenden Melodien verbinden sich mit dem Minimalismus und der Atonalität neuer Musik. Vielleicht macht das ihren Reiz aus, den sie bis heute ausübt.
Nun hat das neu gegründete Ensemble VocaMe 18 Kompositionen der byzantinischen Heiligen Kassia aus dem 9. Jahrhundert vorgelegt. Sie stellen damit Musik einer Komponistin vor, die 3 Jahrhunderte vor Hildegard in der seinerzeit bedeutendsten Metropole Europas lebte: in Konstantinopel. Über ihre Biographie gibt das Booklet ausführlich Auskunft. Diane Touliatos hat die Einleitung geschrieben, die das Leben der Kassia vorstellt. Die Autorin transkribierte bereits 1997 für das Kronos Quartett (Early music)das Sticheron "O synapostatis tyrannos" der Kassia, einen Hymnus für die Liturgie der Karwoche, in dem der getaufte und dann vom Christentum zum "alten" heidnischen Glauben erneut konvertierte Kaiser Julian kritisch erinnert wird. Jetzt hat der musikalische Leiter des Ensembles, Michael Popp (Estampie, Qntal), zusammen mit 6 Sängerinnen, die allesamt aus Formationen alter Musik aber zugleich auch mit ihren Parallelprojekten als Diven der gothic scene sehr bekannt sind, 18 der ca. 50 erhaltenen, von Diane Touliatos edierten Kompositionen der Kassia wieder hörbar gemacht. Die CD stellt damit erstmals einer breiteren Öffentlichkeit damit die früheste, derzeit zugängliche Musik einer Komponistin Europas der Weltöffentlichkeit vor. Unter anderem präsentiert sie mit "i en polles amarties" den sogenannten Hymnus Kassiani. Dieser Hymnus gehört zu den Hauptwerken der Kassia. Er gilt als die einzige Komposition aus weiblicher Feder, die in die Liturgie der orthodoxen Kirche Eingang gefunden hat.
Kassias Musik hört sich sehr anders an als Hildegards frei schwingende, gelegentlich ekstatische Melodien. Einstimmig oder auch mehrstimmig gibt sie sich kompakter, gebundener, interpretiert kurze Gedichte, die natürlich ebenfalls von der Komponistin stammen, während Hildegard gelegentlich in epischer Breite ihre Gesänge in schwindelerregende Höhen schraubt (wie das über eine Non reichende "o vox angelorum"). Insgesamt reagierte die Presse bislang positiv auf die hier vorgestellte CD. Nur im Crescendo vom Oktober mosert der Rezensent über das "feministische" Booklet und beschwert sich, VocaMe habe zuwenig Rücksicht auf die bulgarisch-türkische Gesangstradition genommen. Er vergleicht die "Schlichtheit" der Kompositionen Kassias mit orientalischer Folklore. Nun gut. Ich bin kein Musikwissenschaftler. Aber auf das Quäken bulgarischer Frauenchöre, das durch gewisse Plattenläden der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gellte, kann ich gut verzichten. Kassias Kompositionen haben mit Folkore vielleicht etwas zu tun - dann aber doch ngefähr so viel wie Franz Schubert mit deutscher Volksmusik. Die gesangliche Qualität von Voca Me ist großartig. Sigrid Hausen und ihre Mitstreiterinnen als auch Michael Popp haben das, was sie bei Harnoncourt lernten, bei dieser Neu-Einspielung der 1100 Jahre alten Musik berücksichtigt. Der gelegentliche Einsatz eines Instruments sorgt dafür, dass dieses Konzert aus 18 Gesängen nicht allzu karg und spröde wird, aber den fragilen Kostbarkeiten mit dem nötigen Respekt begegnet. VocaMe ist es gelungen, die zeitlose Schönheit und Qualität der anmutig gealterten Musik dem Publikum des 21. Jahrhunderts nahezubringen. Wer sich an einem der nahenden Herbst- und Winterabende nach anstrengendem Arbeitstag auf eine gelassene Regression in das Grenzgebiet zum Verstummen aller Musik einlassen möchte, dem oder der ist diese CD wirklich sehr zu empfehlen.