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Kaspar Hausers Geschwister: Auf der Suche nach dem wilden Menschen
 
 
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Kaspar Hausers Geschwister: Auf der Suche nach dem wilden Menschen [Taschenbuch]

P.J. Blumenthal
4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 432 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch; Auflage: 1 (März 2005)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3492241018
  • ISBN-13: 978-3492241014
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 12 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.1 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (8 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 189.327 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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P. J. Blumenthal
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Produktbeschreibungen

Spektrum der Wissenschaft

Kaspar Hauser ist nur der prominenteste Mensch, der ohne Sozialisation durch Familie und Gesellschaft aufwuchs. Immer wieder einmal wird auch von anderen solchen Schicksalen berichtet; doch geraten sie schnell wieder in Vergessenheit. Wer hat sie je gezählt? Wie viele "Geschwister" hat Kaspar Hauser?

P. J. Blumenthal, Wissenschaftsjournalist und langjähriger Autor unter anderem bei "P.M.", stellt in seinem Buch an die hundert Fälle von Menschenkindern vor, die allem Anschein nach ohne normalen Kontakt zu anderen Menschen aufwuchsen oder zumindest über längere Zeit lebten. In akribischer Recherche durchforstete er die alten Mythen und Fabeln; Berichte aus heutiger Zeit fanden ebenfalls Eingang in die Fallbeschreibungen. Heraus kam die bis jetzt wahrscheinlich vollständigste Sammlung von Geschichten über "wilde Menschen" - oder solche, die dafür gehalten wurden.

Lassen Sie sich von dem Vorwort nicht abschrecken! Das hohle Wortgeklingel von Elfriede Jelinek ist nicht repräsentativ für das Buch. Vielmehr zeigt Blumenthal, wie spannend und fesselnd die Darstellung menschlicher Schicksale auch in sachlicher Berichtsform sein kann. Umfangreiche Zitate aus den Originalquellen vermitteln so viel vom jeweiligen Zeitgeist, dass manche Urteile und Ereignisse aus der Vergangenheit dadurch plötzlich verständlich werden; die Anmerkungen Blumenthals geben weitere Hilfestellung und Erläuterung. An der sauberen, überaus fleißigen Quellenarbeit zeigt sich der gelernte Altphilologe.

Vielleicht waren viele dieser vorgeblich wilden Menschen gar nicht ohne Kontakt mit anderen Menschen aufgewachsen, sondern schlicht ausgesetzt worden oder verloren gegangen, weil sie unter Autismus, Schwachsinn oder einer anderen psychischen Erkrankung litten. Wer diese Menschen fand und sich um sie kümmerte, konnte sich dann ihr befremdliches Verhalten nicht anders als durch eine "wilde" Vergangenheit erklären.

Es gibt auch "moderne" wilde Menschen, bei denen es gelang, die Vergangenheit zumindest in groben Zügen aufzuklären. Auch hier stellt sich die Frage, inwieweit ihr Zustand durch eine geistige Schwäche zumindest mitbegründet war. So wurde 1970 in Los Angeles ein 13-jähriges Mädchen entdeckt, das noch nie sein verdunkeltes Zimmer verlassen hatte. Die Tage verbrachte "Genie", wie sie später genannt wurde, fast bewegungslos gefesselt an ein Kindertöpfchen, die Nächte fest verschnürt in einem Schlafsack in einem vergitterten Kinderbett. Nach ihrer Befreiung wurde sie zu einem begehrten Forschungsobjekt; als sich jedoch keine neuen Erkenntnisse und Entwicklungsfortschritte mehr zeigten, verloren die meisten das Interesse an ihr. Sie geriet in Vergessenheit und wanderte zeitweise von Pflegestelle zu Pflegestelle. Nach vielen Auf und Abs lautete der letzte Kommentar über sie, "ein gestörter Mensch sei sie geblieben, doch immerhin munter ...". Bei Genie war im Alter von einem Jahr ein Kernikterus (Gehirnschädigung durch Bilirubin) diagnostiziert worden, wohl verursacht durch eine Rhesusfaktor-Unverträglichkeit zwischen Mutter und Kind. Auf diese Art geschädigte Kinder weisen im späteren Leben unterschiedlich schwere motorische und psychische Schäden auf. Wie sich Genie entwickelt hätte, wenn sich ihr normale Lebenschancen geboten hätten, wird man niemals wissen.

Welchem Zweck dient nun diese Sammlung von tragischen Geschichten? Ist es einfach nur ein Kaleidoskop seltsamer und emotional bewegender Biografien? Nicht nur, aber doch in hohem Maße. Blumenthal referiert am Anfang des Buches die Gedanken und Theorien, die berühmte und weniger berühmte Persönlichkeiten zu dem Phänomen "wilde Menschen" geäußert haben. Schlussfolgerungen überlässt er aber dem Leser, der sich dank der Materialfülle immerhin fundierte eigene Gedanken machen kann.

Die romantische Vorstellung eines Jean-Jacques Rousseau, frei vom Einfluss der menschlichen Gesellschaft komme die wahre (gute?) Natur des Menschen zum Vorschein und der "wilde Mensch" könne dafür als Beispiel dienen, wird allein durch die Fallbeschreibungen als irrig entlarvt: Zur Natur des Menschen gehört die menschliche Gesellschaft, und wer sie längere Zeit entbehren musste, ist in erster Linie ein schwer geschädigter Mensch.

Den Autor selbst bewegt die Frage, was den Menschen vom Tier unterscheidet und wo Parallelen zu finden sind. Von der Idee, die seine Untersuchung leitete, nämlich dass das Studium der wilden Menschen helfen könne, die Grenzen zwischen Mensch und Tier zu überbrücken oder wenigstens zu ergründen, nimmt Blumenthal am Schluss des Buches Abschied. "Man kann also getrost davon ausgehen, dass der Homo ferus in der Tat existiert, auch wenn er nur selten die strengen Kriterien der Wissenschaft auf Wiederholbarkeit ganz erfüllen wird. Ob er uns Auskunft geben kann über die Parallelen zwischen Mensch und Tier, ist aber zweifelhaft, auch wenn dies der tiefere Sinn unserer Studie sein soll."

Was aber ganz zweifelsfrei für Blumenthal ist: Er hat ihn im Laufe seiner Untersuchungen zumindest dann und wann gefunden, den wahrhaft wilden Menschen.

Rezensent: Elke Reinecke -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Pressestimmen

»Blumenthal zeigt, wie spannend und fesselnd die Darstellung menschlicher Schicksale auch in sachlicher Berichtsform sein kann.« Spektrum der Wissenschaft

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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von stefanw190 VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Gebundene Ausgabe
Menschen, die ohne andere Menschen aufwachsen - entweder allein in der Wildnis, oder unter Tieren wie Romulus und Remus, oder eingesperrt wie Kaspar Hauser - bilden ein klassisches Problem der Anthropologie.
Das vorliegende Buch besteht aus ein einem Vorwort von Elfriede Jelinek, über das man am besten hinwegblättert, einer Einführung in die Problematik, sowie einer sehr umfangreichen Sammlung von allen Fallbeispielen, von denen der Autor jemals erfahren hat. Am Ende steht ein kurzes Fazit.

Kernfrage des Buches ist, ob Kinder überhaupt allein oder unter Tieren aufwachsen können, und ob die überlieferten Eigenschaften solcher Kinder auf diesem Umstand beruhen (behindert, weil ausgesetzt oder ausgesetzt, weil behindert?) Dies ist in erster Linie eine Frage nach der Glaubwürdigkeit von Quellen. Andere Fragen (z.B. welche Methoden der Wiedereingliederung kommen in Frage?) müssen demgegenüber zurücktreten.
Obwohl der Autor am Ende keine Antwort auf seine Frage hat, ist die Fülle des präsentierten Materials beeindruckend, und das vorliegende Buch sicher das umfangreichste zu diesem Thema.

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12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
zu viel des Guten 23. Januar 2006
Format:Taschenbuch
Dieses Buch ist an und für sich hochinteressant, was mich jedoch sehr stört, ist die endlose Aneinanderreihung belegter, unbelegter und zum Teil absurder Fälle.
Es hätte dem Buch gut getan, wenn der Autor einfach - sagen wir mal - 20 bis 25 gut belegte Fälle genommen hätte und diese etwas genauer recherchiert hätte. Stattdessen nimmt er jeden kleinen Zeitungsfizzel und packt ihn ins Buch. Dadurch wird es leider mit der Zeit ermüdend, wenn man zum dritten Mal hintereinander über indische Wolfskinder liest, bei denen sich die Geschichte bis auf kleine Details fast gleicht. Es sind tragische Schicksale, die dahinter stecken, kein Zweifel, aber nichts desto trotz war es ein wenig zuviel des Guten.
Hochinteressant ist natürlich der Fall Kaspar Hauser, aber über dieses Schicksal gibt es andere - zum Teil auch bessere - Literatur. Der Fall, der mich persönlich am meisten berührt hat, ist die Geschichte des Mädchens "Genie", die Jahrelang vom Großvater eingesperrt wurde.
Alles in Allem ein interessantes und auch wichtiges Buch, aber ein leicht fader Nachgeschmack blieb bei mir zurück, weil es teilweise einfach langatmig geschrieben und mit z.T. flapsigen Kommentaren des Autors versehen war.
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5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Wolfsmenschen... 4. April 2007
Von RockBrasiliano TOP 500 REZENSENT VINE™-PRODUKTTESTER
Format:Taschenbuch
..oder Menschlichkeit unter Wölfen? Ist so etwas möglich? Gab es Fälle in denen Tiere, ob wild oder Haustier, sich Menschenkindern angenommen haben? Und was ist mit Menschen geschehen, die nach Jahren in der Wildnis doch wieder von der Zivilisation aufgegriffen wurden? - Interessante Fragen auf jeden Fall, die in diesem Buch anhand etlicher mehr oder weniger gut (meist eher weniger) belegter Fälle, erörtert werden sollen. Viele Geschichten von Wolfskindern in Indien, aber auch historische Fälle aus Europa, Afrika und Amerika kommen vor. Die Frage, ob Kinder tatsächlich von Tieren aufgezogen werden können, beantwortet sich nicht wirklich. Interessant zu lesen sind die Geschichten allerdings großteilig, auch wenn die Fülle dieses Buches gegen Ende hin etwas ermüdend wirkt. Der Autor hat auch meist noch seine Kommentare beigesteuert, die sich aber oft sehr gleichen. Teilweise wurden Geschichten mit hineingenommen, bei denen klar ist, das sie ausgedacht sind (Gazellenjunge).

Ganz klar: Wilde Kinder sind ein Mysterium, dessen Faszination man sich nur schwer entziehen kann. Hier spielt auch stark Folklore und moderne Sagen eine Rolle. Das Buch versammelt viele Bereiche, nicht nur das Leben in der Wildnis, sondern auch Formen häuslicher Vernachlässigung und das schöne alte Bild, dass Tiere manchmal menschlicher sein können als Menschen. Manchmal wird ein wenig leichtfertig mit Begriffen wie Schwachsinn oder Autismus umgegangen. Die Kommentare sind oft etwas lapidar und könnten ruhig etwas mehr in die Tiefe gehen. Sonst eine durchaus zum Nachdenken anregende, teilweise auch spannende Lektüre zur Geschichte des Homo ferus, des wilden Menschen.
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