Sinns Buch zur Finanzkrise fand und findet zu Recht viel Anerkennung. Es ist nicht so voraussetzungslos verständlich wie die ebenfalls sehr empfehlenswerten Bücher von Münchau, Otte, Stiglitz usw., liefert aber viele Details, Daten, Fakten die helfen, sich in das Geschehen tiefer hineinzudenken.
Die Finanzwelt des IT-Zeitalters wird von Sinn umfänglich ausgeleuchtet. Kurz umrissen: Mit der Schnelligkeit der Transaktionen sowie der Komplexität moderner Finanzprodukte geht ein Transparenzverlust und eine Unberechenbarkeit einher, die uns bisher noch viel zu wenig beunruhigt. Verbriefungen verschleiern Risiken und machen es Kreditgebern möglich, Ausstände mit hoher Ausfallwahrscheinlichkeit mühelos in Kapital für andere Geschäfte am Markt zu verwandeln. Das CDS-Geschäft gaukelt Sicherheiten vor, die nicht bestehen. Außerdem setzt hierbei der Handel mit Versicherungen für Risiken, die gar nicht die eigenen sind, Anreize für Spekulanten, Kreditausfälle mit (Markt-)Macht herbei zu führen. Leerverkäufe setzen die gewünschten Markttrends mit denkbar günstigem Einsatz oft erst in Gang. Hedgefonds hebeln sich in schwindelerregende Gewinnzonen - oder aber ins haftungs- und verlustfreie Aus.
Angesichts all dessen agieren die Regierungen bisher relativ hilflos. Sie sorgen dafür, dass das System trotz Pleiten und weiteren Risiken in Gang bleibt. Man spielt auf Zeit, in der Hoffnung, dass Abschreibungen in kleinen Schritten realisiert werden können und Vertrauen in die Märkte zurück kehrt. Dass ist insgesamt nicht die schlechteste aller Strategien. Maßgebliche Systemänderungen sind bisher jedoch nicht in Sicht und somit auch keine Prophylaxe für ähnliche Entwicklungen in der Zukunft, die die Weltwirtschaft dann - immer vorausgesetzt es kommt überhaupt ein wirklich nachhaltiger Konsolidierungsprozess in Gang - auf noch viel wackligeren Füßen treffen wird..
Auch Sinn - in der Analyse oft brillant - steht in der Frage nach möglichen Lösungsansätzen vor dem Dilemma, dass in all den genannten Bereichen die Spreu schwer vom Weizen zu trennen ist. Termingeschäfte können ebenso sinnvolle Absicherungen darstellen wie CDSs oder Long/Short-Kombinationen der Hedgefonds. Private Equity kann Unternehmen retten oder zerstören. CDOs können Risiken auf mehrere Schultern verteilen und so Investitionsbereitschaften erhöhen usw. Ebenso janusköpfig ist die Haftungsbeschränkung, die nach Sinn wesentliche Voraussetzung für einen boomenden Kapitalismus war und ist, nun aber auch den Hasardeuren der Finanzmärkte ihr Spiel erleichtert.
Wer Sinn von seinen Fernsehauftritten kennt, ist angesichts der Marktgläubigkeit, für die er dort oft steht, dennoch positiv überrascht. Sein Denken geht zweifellos in die richtige Richtung, wenn es auf eine Personalisierung oder Institutionalisierung der Risiken auf Seiten der Finanzmarktakteure zielt. Zurücknahme der Haftungsbeschränkung, Zurückhaltung bei staatlichen Hilfen, die auf Steuergeschenke hinauslaufen, Verbesserung der Bankenaufsicht, Erhöhung der Transparenz und keine zusätzlichen Möglichkeiten geschönter Bilanzierungen (etwa in Form von Bad Banks), Erhöhung der Eigenkapitalquote der Banken.
Die Frage ist, ob nicht ein noch viel grundlegenderes Umdenken Gebot der Stunde wäre.
Dass der Markt über Unternehmensfinanzierung, Risikoabsicherung, Kreditwürdigkeit von Staaten usw. entscheidet, ist eine Möglichkeit, die bis zu einem gewissen Punkt hoch effizient ist. Sie geht aber auf der Basis gesellschaftlich legitimierter Profitgier mit großen Kollateralschäden einher. Solange der heiße Kern aller Wirtschaftsdynamik im freien Spiel der auf eigennützige Gewinnmaximierung gerichteten Marktakteure gesehen wird (auch wenn dies hier und dort politisch beschnitten, begrenzt und reguliert wird), wird man letztlich über Symptomkosmetik und -verschiebung nicht hinauskommen. Hier muss ein Umdenken stattfinden, denn der heiße Kern jeder positiven gesellschaftlichen Dynamik ist das Engagement verantwortlicher, nach möglichst hohen ethisch-moralischen Standards agierender Menschen.
Die Frage ist also, wen Politik und das System begünstigen will, welche Erwartungen und juristischen Flankierungen gesetzt werden. Und weit mehr noch, welche Werte auch und gerade für den Bereich der Wirtschaft in unserer Gesellschaft kultiviert werden. Smith, Ricardo und Friedman irren hier ebenso wie Marx oder Keynes. Weder kann der Markt, noch der Staat ethisch-moralische Defizite auf Seiten der vielen Einzelnen in ausreichendem Maße ausgleichen, wenn einmal eine kritische Grenze überschritten ist.
J. Stiglitz, Nobelpreisträger und ehem. Chefvolkswirt der Weltbank schreibt es in seinem Buch "Im freien Fall" so: "..wir haben eine Gesellschaft geschaffen, in der der Materialismus über moralische Bindungen obsiegte, in der das Wachstum, das wir erreicht haben, weder ökologisch nachhaltig noch langfristig gesellschaftlich tragfähig ist, in der wir nicht als Gemeinschaft handeln, um unsere gemeinsamen Bedürfnisse zu befriedigen -. unter anderem weil ein radikaler Individualismus und Marktfundamentalismus" jeglichen Gemeinschaftssinn unterhöhlt, zu einer rücksichtslosen Ausbeutung unvorsichtiger und ungeschützter Menschen und zu einer stetig wachsenden sozialen Spaltung geführt haben. Vertrauen - und nicht nur das Vertrauen in unsere Finanzinstitute - wurde untergraben. Noch ist es nicht zu spät, um diese Spaltungen zu überwinden."
"Wenn die Vereinigten Staaten [und nicht nur diese] ihre Wirtschaft erfolgreich reformieren wollen", so Stiglitz, "müssen sie möglicherweise mit einer Reform der Wirtschaftswissenschaften beginnen."