Aus der Amazon.de-Redaktion
Dieselbe Person macht Karriere im Terrorregime der Nazis und im rechtsstaatlichen System der Bundesrepublik? Wie das -- gab es nach dem Zusammenbruch des NS-Systems nicht umfassende Entnazifizierungsbemühungen? Die historische Realität sah allzu oft anders aus: Viele erfolgreiche Karrieren wurden nahezu nahtlos vom Dritten Reich ins Nachkriegsdeutschland überführt.
Dies ging meist einfacher als man es sich heute vorstellt. Der bekannte Historiker Norbert Frei (Der Führerstaat) beschreibt in Karrieren im Zwielicht "die Nachgeschichte des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik". Im Zentrum seiner ernüchternden Studie stehen fünf gesellschaftspolitisch relevante Gruppen und ihre berufliche Situation nach 1945: Mediziner, Offiziere, Juristen, Unternehmer und Publizisten. Sie hatten alle ihre ganz eigenen Wege der "Vergangenheitsbewältigung", selbstkritische Auseinandersetzung blieb dabei die Ausnahme. Die Regel war ein Geflecht aus Vertuschen, Totschweigen, Schönreden und angeblichem Befehlsnotstand. Dies sicherte angesichts einer halbgaren alliierten Entnazifizierungspolitik sowie langwährendem bundesrepublikanischen Justizstillstand Laufbahn inklusive Vermögen, etwa bei den Familien Krupp oder Neckermann.
Der Leser kann sich nur angewidert schütteln angesichts von Karrieren wie der eines bis 1960 unbehelligt arbeitenden Universitätsprofessors für Kinderheilkunde, der behinderte Patienten als "Monstren" oder "seelenlose Wesen" ansah. Frei und seine Mitautoren (nur das Schlusswort stammt von Frei selbst) öffnen den Giftschrank der deutschen Geschichte -- herausgekommen ist ein Buch, das den "Nachkriegskonsens der Schweigekartelle" endgültig brechen dürfte.
Eine große Leistung für einen Band, der "nur" Begleitmaterial einer TV-Dokumentation ist. Die Autoren vermieden jedoch das genretypische Anheften ihrer Erkenntnisse an wenige plakative Einzelschicksale, sie erstellten einen aussagekräftigen Gesamtüberblick. Dessen schieres Erscheinen belegt eine zentrale -- und ermutigende -- Aussage des Buches: "Trotz kollektiven Beschweigens und Vertuschens erfüllte sich die Hoffnung auf das große Vergessen nicht". --Joachim Hohwieler
Perlentaucher.de
Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 14.01.2002
"Wahrhaft aufregend" findet Franziska Augstein den vom Bochumer Ordinarius Norbert Frei herausgegebenen Sammelband mit sechs "vorzüglichen" Aufsätzen über Juristen, Mediziner, Offiziere und andere Angehörige der NS-Elite, die nach 1945 weitgehend unbehelligt ihre beruflichen Karrieren fortsetzen konnten. Die Rezensentin schafft ihrer Erleichterung Luft, dass das Buch, das als Begleitband zu einer Fernsehreihe in der ARD konzipiert wurde, zwar auch in seiner Übersichtlichkeit ans Fernsehpublikum gerichtet ist, aber trotzdem mit der simplifizierenden Massenware eines Guido Knopp wenig gemein habe. Doch Augstein äußert auch Bedauern: Die ostdeutsche Geschichte werde hier vernachlässigt und auch der in der Bundesrepublik präsente Antikommunismus hätte besser herausgearbeitet werden müssen, denn schließlich gründe auch auf dieser Haltung der versöhnlich-verdrängende Umgang mit der NS-Zeit. Trotzdem kann Augstein das "bewegende" und "faire" Buch nur empfehlen.
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Buchnotiz zu : Neue Zürcher Zeitung, 24.01.2002
Der Band des Bochumer Historikers Norbert Frei und fünf überwiegend junger Wissenschaftler deckt Kontinuitäten in den Karrieren nationalsozialistischer Juristen, Mediziner, Unternehmer, Offiziere und Journalisten auf, die den Rezensenten Michael Wildt in Erstaunen darüber versetzt haben, wie es der Bundesrepublik überhaupt gelingen konnte, sich zum demokratischen Rechtsstaat zu entwickeln. Dieses Begleitbuch zu einer Fernsehserie ist wissenschaftlich seriös, eingängig geschrieben und bebildert, lobt Wildt, kritisiert aber, dass die Autoren die NS-Vergangenheit der DDR weitgehend außen vor gelassen haben, obwohl die Quellen inzwischen zugänglich sind. Damit ignorierten sie, mäkelt der Rezensent, das ostdeutsche Publikum, außerdem hätte er einen Vergleich zwischen West- und Ostdeutschland äußerst spannend gefunden. An der Betrachtung der Eliten in der Bundesrepublik hat der Rezensent aber nichts auszusetzen. Es zeige sich ein differenziertes Bild, das weder die These von der "Stunde Null", noch die Unterstellung einer schier ungebrochenen Fortsetzung der Machenschaften der NS-Eliten unterstützt, sondern die Brüchigkeit der wackligen Entwicklung der Bundesrepublik offenbare.
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