Das Buch stellt 23 mehr oder weniger ausführliche Biografien von NS-Täterinnen und -Tätern vor, die von 23 Autorinnen und Autoren verfasst wurden. Alle Autoren sind Geschichtswissenschaftler, manche auch Sozialwissenschaftler oder Soziologen, aus dem In- und Ausland. Die Aufsätze folgen strikt dem erreichbaren Belegmaterial, ausnahmsweise persönlichen Zeugnissen der Täter und der Literatur zum Themenkomplex.
Irritierend fand ich die Verwendung von rund 150 Abkürzungen, die im Abkürzungsverzeichnis erklärt werden und Begriffe wie 'AOK - Armeeoberkommando', 'OKW - Oberkommando Wehrmacht' ebenso enthalten, wie 'StAL - Staatsarchiv Ludwigsburg' und 'u. k. - unabkömmlich'. Diese erschweren nicht nur das Verständnis, zumal jegliche erläuternde Angaben zur Struktur der Institutionen, in denen die Täter organisiert waren fehlen, sondern greifen teilweise undistanziert auf den Jargon der verhüllenden NS- und Wehrmacht-Sprachreglung zurück, die unzweifelhaft ein wesentlicher Bestandteil des 'Systems' war. Von dieser Praxis setzt sich der Autor Konrad Kwiet ab, indem er genau diesen Sprachgebrauch herausstreicht, beispielsweise mit der Erläuterung von 'Kuschelgelände' (!) als einer Landschaft mit Gräben und Mulden, Schluchten und Hügeln, die als idealer und bevorzugter Tatort für Massenerschießungen galt, weil sie die Tötung und Einscharrung der Opfer erleichterte.
Die Biografien geben nicht nur Auskunft über Taten, die mir beim Lesen zu einer 'Bewusstseinserweiterung' verholfen haben, sondern auch über den oft genug kläglichen Umgang mit den Tätern nach dem Krieg seitens 'Entnazifizierungskommissionen', Gerichten, politischen Machthabern (dies wird mit der Erwähnung von Gesetzgebung nur gestreift) und Medien. In diesem Zusammenhang ist es lohnend, darauf hinzuweisen, dass die vorliegende Sammlung auch im Sinne des Mitherausgebers Gerhard Paul einen neueren Anlauf von Historikern darstellt, die Taten mit konkreten Personen in Verbindung zu bringen und damit aus der jahrzehntelang geübten verdünnenden Pauschalisierung als 'Nazis', die in den Medien ungebrochen im Schwange ist, auszubrechen. Daran zeigt sich, dass selbstverständlich auch Geschichtswissenschaft gesellschaftlich funktional ist und dass der Mut, sich den gesellschaftlichen Dimensionen der Täterschaft und Sympathisantenschaft ungezählter Deutscher zu stellen, auch in der Geschichtsschreibung jahrzehntelang nur marginal vorhanden war. Denn, auch wenn die Autorin Karin Orth das Gegenteil behaupten will ("viele NS-Täter stammten nicht aus (bildungs-)bürgerlichen Schichten"), so wird an den vorgestellten Täterbiografien uneingeschränkt deutlich, dass der nationalsozialistische Staat ein gesammtgesellschaftliches Phänomen war, das ausnahmslos alle Schichten betraf und auch den Klerus nicht ausschloss.
Diese Taten dürfen NIE vergessen werden!