Der wunderbare Einstieg in dieses Buch lautet: "Kommunikation gelingt erstaunlich oft". Jeder kann also mit Menschen auskommen, ohne zu wissen, warum. Interessant wird es, wenn uns die Autorin verrät, warum das so ist. Techniken und Regeln wirken, auch wenn wir sie nicht bewusst anwenden.
Bei der Arbeitsmarktfitness (Employability) geht es heute nicht nur um fachliche Qualifikation. Um zukunftssicher zu sein, werden Kernkompetenzen immer wichtiger: Offenheit, Lernbereitschaft, Kommunikationsfähigkeit. Sprechen kann jeder, aber Gespräche wirksam führen, Themen überzeugend präsentieren und mit Menschen achtsam umgehen, das will gelernt sein. Dann sind die Ergebnisse nicht beliebig, sondern zielgerichtet und situationsgerecht. Was bei Akquise, Präsentationen, Bewerbungen selbstverständlich ist - nämlich eine gute Vorbereitung und das Wissen um Zusammenhänge und Wirkungen -, wird bei beruflichen Gesprächen oft vernachlässigt.
Die Beschreibung gelungener Kommunikation zieht in das Buch hinein. Was so angenehm ist: Bekanntes Wissen wird hier interessant und anwendbar aufgeblättert. Das führt dazu, dass schlafendes Wissen wieder geweckt wird. Hier kommt es zu ständigen Aha-Effekten. Wie der Leser in die Anatomie der Kommunikation durch überzeugende Fallbeispiele geführt wird, ist spannend zu lesen. Gelungen ist es, wie konsequent die Senderperspektive (was mache ich) und die Empfängerperspektive (wie kommt das an) aufgezeigt werden. Selten klar wird auseinander genommen wie unterschiedlich beide Seiten funktionieren. Eine differenzierte Analyse verdeutlicht, wie und warum es zu Problemen in der Gesprächsführung kommt und wie bessere Lösungen aussehen können.
Einzelne Kapitel beschäftigen sich mit: Techniken zur Gesprächsführung, Werkzeuge, spezielle Gesprächssituationen, Arbeitsgespräche, Gruppengespräche, anforderungsreiche "heikle" Gespräche: Kritik, Geld, heikle Themen. Konkret steckt dahinter: Umgang mit Arbeitsanweisungen, Umgang mit gescheiterten, misslungenen Gesprächen. Wie entwickle ich meine Dialogfähigkeit? Will ich den Dialog öffnen oder schließen? Welche Fragen helfen mir, das zu erfahren, was mir weiterhilft? Wie vermeide ich Eskalationen oder Kränkungen bei schwierigen Themen?
Scharlau ermuntert gerade in komplizierten Situationen zum Nachfragen und Konzentration auf den Informationsfluss. "Sprechen Sie aus, was andere wissen müssen." Wenn ich für mich alles schon mehrfach durchdacht habe, kann ich nicht bei anderen, die es zum ersten Mal hören, voraussetzen, dass sie sofort wissen, was ich meine. Schweigsamkeit kann eine Kommunikationshürde sein - allerdings manchmal auch ein Erfolgsfaktor.
Der Klassiker für Führungskräfte: "Ich habe es doch deutlich gesagt, wieso macht es keiner?" Ja, dann wurde wohl eine der sechs Kommunikationshürden nicht genommen: Gedacht ist nicht gesagt - Gesagt ist nicht gehört - Gehört ist nicht verstanden - Verstanden ist nicht einverstanden - Einverstanden ist nicht ausgeführt - Ausgeführt ist nicht beibehalten. Das schöne Ergebnis danach: "Erstaunlich, dass andere tun, was ich sage."
Beim Lesen merkt man, dass Scharlau ein Vollprofi ist. Sie weiß, wovon sie spricht. Der achtsame Umgang mit Menschen wird nicht nur beschrieben, sondern auch praktiziert. Als Leser fühlt man sich immer auf gleicher Augenhöhe. Fast unmerklich wird man ermuntert, sich mit den Vermeidungsgesprächen zu beschäftigen (Geld, Kritik, Beschwerden, Verhandlungen, heikle Themen, Forderungen stellen, Karriereschritte besprechen, schwierige Emotionen). Und siehe da, es lässt sich alles meistern, sogar wenn ich z.B. einen Gesprächspartner mit Mundgeruch habe.
Ein zentrales Thema ist die innere Einstellung. Von ihr hängt es ab, was ich wahrnehme und höre. Welche Bedeutung ich dem gebe (oder nicht gebe). Was ich von anderen erfahre, hängt von mir selbst ab: "Sie sind verantwortlich für das, was Sie hören", sagt Scharlau. Aktives und akzeptierendes Zuhören ist eine soziale Kompetenz. Auch Zuhören ist eine Gesprächstechnik. Gerade bei emotional gefärbten Gesprächen ist das wichtig und möglich. Auch wenn ich es nicht teile, gibt es immer gute Gründe für andere, sich ganz anderes zu verhalten. Ich verbiege mich keineswegs, wenn ich eine andere Sichtweise akzeptiere. Ich kann Distanz bewahren und gerade dadurch Wertschätzung zeigen. Indem ich das fremde Anliegen würdige, heißt das noch lange nicht, dass ich inhaltlich zustimme.
Sehr hilfreich ist die beiliegende CD-Rom mit Aufgaben, Lösungen, Checklisten, Selbsttests, Zielorientierungen und Tabellen. Sämtliche Handouts lassen sich für die eigenen Bedürfnisse abwandeln. Kleiner Wermutstropfen: Die CD-Rom läuft nicht auf dem Mac.
Wer braucht dieses Buch?
Führungskräfte unbedingt.
Der Zusatztitel "Karrierefaktor" ist zutreffend, aber viel zu eng gegriffen. Auch Profis, Laien und Paare können von dem Wissen profitieren. Wie viel besser könnte manche Partnerschaft sein, wenn Gesprächstechniken beherrscht würden.
Das Buch könnte auch heißen: Handbuch für Kommunikation - es hat alle Qualitäten eines Handbuches: Klare Gliederung, guter Aufbau, einleuchtende Beispiele, hilfreiche Vignetten.
Dies Buch hilft jedem, der wirksam und authentisch kommunizieren will.
Praxiswert: exzellent.
Rosemarie Dypka