Ein guter Witz wird nicht unbedingt lustiger, je öfter und länger man ihn rumerzählt. Wo man beim ersten mal noch schallend gelacht hat, da bleibt beim nächsten Versuch meistens nur noch ein müden Lächeln übrig. Dieser etwas allgemeine Vergleich lässt sich in einigen Fällen auch auf Bands anwenden, die über die Jahre ein spezielles, stilistisch limitiertes Grundkonzept (z.B. rein instrumental, ohne Gesang) "gefahren" sind, ohne dem eigenen Sound mal eine reinigende, erweiternde Frischzellenkur zu unterziehen. Stillstand bedeutet oft Rückschritt! Und nicht selten findet sich so manch ambitionierte Rock/Metal-Combo nur allzu schnell in der stilistischen Einbahnstraße wieder - sich selbst fragend, was hier denn bitte schiefgelaufen ist.
Bei den süddeutschen Slo-Mo-Brutalos von OMEGA MASSIF hat die musikalische Langeweile bisher (zum Glück!) noch nicht Einzug gehalten. Denn der Würzburg-Vierer liefert auch auf seiner brandneuen Scheibe "Karpatia" ein klares Zeichen, dass überstürzte Experimente nicht unbedingt nötig sind - zumindest NOCH nicht!
Die Band knüpft mit den neuen 6 Songs hautnah an den genialen Vorgänger "Geisterstadt" an, und liefert dem Hörer eine geballte Ladung aus Postrock , Sludge und fiesem Doomcore. Das Ganze hat Stil und mach Spaß, keine Frage! Und alle Fans von NEUROSIS , ISIS , TOTENMOND oder uralten CROWBAR werden hier erneut allerbestens "verarztet". Doch trotzdem muss ich persönlich feststellen, dass OMEGA MASSIF größtenteils wohl zuuu sehr auf Nummer sicher gegangen sind. Denn man wandert einfach Schritt für Schritt (beinahe punktgenau!) in den eigenen Fußstapfen, ohne sich während der 47 Minuten mal befreiend umzuorientieren. Sound-Neuerungen sind komplett Fehlanzeige...vielmehr zeichnen die Kompositionen ein fast identisches Bild zum "Geisterstadt"-Vorgänger. In musikalischer bzw. spielerischer Hinsicht mag "Karpatia" sicherlich das reifere (vielleicht sogar bessere?) Album sein. Und dennoch wartet der Hörer an manchen Stellen auf eine Überraschung oder das gewisse i-Tüpfelchen. Doch die großen Aha-Erlebnisse bleiben leider im Verborgenen.
Natürlich ist meine Nörgelei nichts anderes als das berühmte "Klagen auf hohem Niveau". Denn "Karpatia" ist letztlich viel zu gut, um an dieser Stelle auch nur ansatzweise von einer Enttäuschung zu sprechen. Speziell in Punkto Atmosphäre heizen OMEGA MASSIF der internationalen Konkurrenz gewaltig ein...jedoch ohne dabei zu glänzen. Auf Songs wie den teils brachialen, teils sehnsüchtig-fließenden Ganzkörper-Schüttlern "Ursus arctos" , "Steinernes Meer" , "Im Karst" oder dem tollen Opener "Aura" (mäandert gefährlich zwischen den Extremen!) beweisen die Krawallköpfe ihr feines Gespür für musikgewordene Dramatik. Ohne Gesang, dafür mit enormer Durchschlagskraft! Meistens zerstörerisch, unaufhaltsam wie eine Elefantenherde...im nächsten Moment federleicht wie ein flatternder Kolibri. Mächtige Zeitlupen-Riffs preschen durch deine Gehörgänge...schrille Gitarren-Sirenen zerschneiden die Atmosphäre...bis dem lärmigen Sound-Bollwerk blitzartig "der Stecker gezogen wird", um den Hörer durch eine warmherzige Melodie einzulullen. Die feinen Laut/leise-Dynamics funktionieren immer wieder bestens, wenn auch etwas zuuu vorhersehbar. Mit dem kurz-ruppigen "Wölfe" feuern OMEGA MASSIF eine coole Hardcore-Granate ab, die erfrischend aus dem Rahmen fällt. Dafür weist das monotone Grundgerüst des Titelsongs "Karpatia" große Parallelen zu den Mülheimer Doom-Jazzern BOHREN & DER CLUB OF GORE auf, denen man sich jedoch in noisig-aufbrausender Art und Weise nähert.
Fazit: OMEGA MASSIF machen auf ihrem neuen 6-Tracker eine recht gute Figur, und beweisen erneut, dass sie zu den hungrigsten Underground-Bands der Republik zählen. Große Weiterentwicklungen zum ersten Full-lenght-Album "Geisterstadt" sind jedoch nicht auszumachen. Je nach Sichtweise kann man dies als Kritikpunkt werten - muss man aber nicht! Auch ohne neuerliche Sound-Einflüsse ist dieses Album eine große Empfehlung wert.