Roger Willemsen versucht sich an Saint-Saens „Karneval der Tiere"
Vorausgeschickt sei, dass es sich bei Roger Willemsens „Karneval der Tiere" - Adaption um ein wirklich lesenswertes Buch handelt. Sicher, man liest keine Stunde daran und hat alle 14 Stücke nebst Vor-, Nach- und Widmungsworten verinnerlicht. Man lacht sicher das ein oder andere Mal. Auch öfter. Manchmal stolpert man und sucht nach einer sinnvollen Betonung für das gerade gelesene. Manchmal bricht das von Willemsen gewählte, sicher in hohe Tradition gestellte, sehr einfache Versmaß. Vermutlich wollte er, Willemsen, der Schreiber, auf bestimmte Pointen. Kommt er auch. Passt. In der Regel flüssig, manchmal holprig. Am besten liest man sich den Karneval laut vor. So stolpert man zwar auch, kommt aber in einen Heinz Ehrhardtschen Singsang und hat richtig Spaß, von lüsternen Plötzen und Löwen und Lurchen und und und, quasi selbst zu erzählen.
Dabei ist er, beileibe nicht der erste Schreiber, der sich um das ursprüngliche klassische Musikstück des französischen Komponisten Camille Saint-Saen kümmert. Loriot hat sich eingebracht, Peter Ustinov auch. Von beiden gibt es, ebenso von Willemsen, den Text als Hörbuch mit entsprechender Untermalung. Macht sicher mehr Sinn, sich dem Hörbuch und der entsprechenden Musik zu widmen, als nur zu lesen. Beides hat etwas für sich.
„Tiere sind die besseren Menschen," sagt Willemsen und Unrecht hat er sicher nicht damit. Menschen sind „nur die schlechte Hälfte der Natur." Menschen verstecken und schmücken sich mit fremden Federn. Echt und sie selbst sind sie nicht.
Wenn also die Tiere aufmarschieren und der Leser allerlei mit Eigenschaften versehenes Getier vor die Nase gesetzt bekommt, sieht er in einem kleinen Spiegel möglicherweise sich selbst. Trotzdem aber Willemsen sich um Sprachwitz müht, wirkt manches bemüht. Die Bremer - „Boygroup" - Musikanten, sich auf Antilopen reimende Synkopen und allerlei, nennen wir es neumodisches Gedöns oder einfach aktuelle Weltlage, wie Techno, Rave, Schönheitsoperationen, den „Schuh des Känguru" - Dinge mit Zeitbezug also, sind zwar possierlich und kurzzeitig belustigend, werden aber in naher Zukunft keine Springmaus mehr aus der Torte hüpfen lassen. Witzig? Ja. Bissig? Nein.
Roger Willemsen wird vom Verlag als „Sprachakrobat" beschrieben. Ein solcher ist er nicht. Er reimt, was passt - die Welt neu erfinden kann er nicht.
Erwähnenswert sind, denn durch diese lebt der „Karneval der Tiere" erst wirklich, die wunderbaren Illustrationen von Volker Kriegel. Jener starb kurz nach Vollendung der Arbeiten an diesem Buch. Er und Willemsen müssen viel Spaß gehabt haben und Freunde gewesen sein. Kriegel veröffentlichte in den vergangenen Jahren einige schöne Kinderbücher um den Elch Olaf. Der Zeichnungsstil hier ist derselbe. Im Gegensatz zu den Olaf Büchern ist der Karneval aber kein Kinderbuch. Zu zotig und anzüglich ist der Inhalt manchmal. Vielleicht ist das der Fehler. Das Originalmusikstück von Saint-Saen läuft im Regelfall unter „Klassik für Kinder," ein Buch für Kinder wäre passender gewesen. Zu vielfältig sind die Bearbeitungen, die es schon gibt. Willemsen kann schreiben, keine Frage. Die Mischung ist nicht perfekt.