Der Buchtitel klingt zwar ein wenig nach hochwissenschaftlicher Abhandlung, aber wenn Karl Valentin im Spiel ist, dann braucht man keine Angst zu haben, denn wenn sich jemand einer konsequent in die Nichteinmischung mitten hineingemischt hat, dann der. Folgerichtig geht es Alfons Schweiggert vor allem darum, darzulegen, dass Karl Valentin, entgegen aller scheinbaren einschlägigen Beteuerungen, zeit seines Lebens so unpolitisch nicht war, wie es auf den allerersten Blick hin scheint. Konsequenterweise ist sein "Karl Valentin und die Politik" eine gut lesbare Biographie, in der der Schwerpunkt darauf liegt nachzuweisen, dass Karl Valentins Missmut an Drill und Militäranbetung im Allgemeinen und Nationalsozialismus im Besonderen stets präsent ist in seinem Werk, zwar nicht mit Pauken und Trompeten, aber deutlich genug, um die NS-Größen gründlich zu ärgern. Die Überlegungen am Ende des Buches, wie es Karl Valentin ergangen wäre, hätten sich die Nazis länger an der Macht gehalten, sind daher recht naheliegend. Lesenswert ist in diesem Zusammenhang auch das kurze Kapitel über Karl Valentins Brüder im Geiste Kurt Gerron, Werner Finck und Fritz Grünbaum.
Schweiggert weist mithilfe anschaulicher Quellen in allen Stationen von Karl Valentins Leben signifikante Beispiele für dessen Rebellion gegen jede Autorität nach, setzt den Schwerpunkt auf dessen nachgerade instinktive Anarchie gegen alle Anmaßung, geht kurz auf mögliche biographische Ursachen ein, die Karl Valentins Talent zusätzlich förderten. Er arbeitet auch Karl Valentin als den ewigen Kontrapunkt zu seiner Umwelt heraus: Karl Valentins für die wilhelminische Zeit untypische, skeptische Haltung gegenüber Hurra-Patriotismus und Kriegsbegeisterung zum Beispiel illustriert er anhand von dessen Zeitungsanzeige zum Thema "Verewigung der menschlichen Stimme" vom 11. Oktober 1914 -- als alle Welt noch ans Siegen dachte, dachte der ewige Skeptiker ans Naheliegende -- daran, dass viele Kriegsfreiwillige nicht mehr zurückkehren würden. Und es kommt noch schlimmer -- was die Welt betrifft. Und noch besser -- was Karl Valentins Werk betrifft. Schweiggert legt das alles akribisch dar, ohne je langweilig zu werden (Nur, dass ein so grandioser Sprachartist wie Karl Valentin eine sprachlich gelenkigere Monographie über Leben und Werk verdient gehabt hätte).
In sachlicher Hinsicht sind jedenfalls gerade jene Kapitel gelungen, in denen Schweiggert nachweist, wie Karl Valentin in zahlreichen Szenen das NS-Regime in scheinbar unpolitischen Szenen und Dialogen aufs Korn genommen hat, ohne dass ihm offene Kritik nachgewiesen werden konnte. Die Gemeinten dürften oft genug aufgeschrieen haben, während das Publikum begeistert war, wenn Karl Valentin Sprachakrobatik mit Regimekritik kombinierte, beispielsweise, aber nicht nur beim "Olympiabesuch", der "Deutschen Laugenbrezel" oder bei der Szene "Radfahrer und Verkehrschutzmann". Eine unglaubliche Niedagewesenheit, nicht nur seine "Unglaubliche Niedagewesenheit". Kennt man die Hintergründe, so liest bzw. sieht man "seinen" Karl Valentin nun auch ganz neu, obwohl man ihn bereits auswendig gekannt zu haben glaubte. Andererseits, Stichwort "es konnte nichts nachgewiesen werden": Schweiggert zitiert auch aus einem geharnischten Brief Karl Valentins an Hans Frank, den berüchtigten Generalgouverneur Polens. Am Ende steht der Satz "Ich habe auf dieser Welt nichts mehr zu lachen". Viel deutlicher geht's nicht.
Schweiggert nimmt auch Stellung zu jenen Vorwürfen, Karl Valentin hätte den Nazis gegenüber klein beigegeben, oder noch schlimmer: er habe sich ihnen angedient. Hier zeigen sich ebenfalls Schweiggerts Stärken, denn er stellt den historischen Kontext her und rückt einiges zurecht: Die automatische Aufnahme in die Reichskulturkammer dürfte 1933 kaum zu vermeiden gewesen sein. Umso bemerkenswerter, dass und wie Karl Valentin wenige Jahre später seinen Ausschluss provozierte. Schilderungen dieser Art gehören zu den Stärken dieser Biographie. Dass einige seiner besten Filme wegen "Elendstendenzen" verboten waren, dürfte bekannt sein -- wenn nicht: auch hierzu weiß Schweiggert Mitteilenswertes.
Man kann "Karl Valentin und die Politik" auch ohne politisches oder historisches "Sonderinteresse" einfach als solide Karl-Valentin-Biographie lesen, da Schweiggerts Buch weitgehend chronologisch aufgebaut ist und alle wichtigen Aspekte mehr oder weniger ausführlich darlegt. Grundlegendes fehlt nicht, soweit ich das feststellen kann. Tiefergehendes Vorwissen über die deutsche und bayerische Geschichte bzw. Kulturgeschichte ist für die Lektüre nicht notwendig, da Schweiggert jedes Kapitel mit einem Überblick über die allgemeine Situation einleitet. Diese Einleitungen sind meist gelungen, nur gelegentlich etwas trivial; mitunter schießt Schweiggert auch übers Ziel hinaus und spekuliert munter drauflos: "Als die gute Frau jedoch ihrem geliebten Sohn aus eigenem Antrieb unter die Arme griff [und ihn trotz eigener finanzieller Not kräftig unterstützte], mochte es ihr Valentin [!] dann doch nicht abschlagen". Da wüsste ich schon gern, woher der Autor das alles weiß... mal ganz abgesehen von ungelenkem Stil und Epithetenbarock, denen man leider oft genug im Buch begegnet. Wenn wir schon bei den Schwächen sind: Schweiggerts Kardinalfehler dürfte wohl seine Blauäugigkeit im Umgang mit den Quellen sein. Zumindest mir drängt sich der Verdacht auf, dass das Fazit bereits vor der Quelleninterpretation feststand; besonders in einem Fall wird's krass: Da mokiert sich Schweiggert über Eugen Roths Entsetzen angesichts von Karl Valentins "Panoptikum", der Karl Valentins Absicht nicht verstanden habe (im Gegensatz zu Schweiggert, vermute ich). Nun kann sich Roth selbstverständlich geirrt haben bei seinem Urteil, aber es ist nun einmal ein schlimmer Handwerksfehler in Geschichts- und Biographieschreibung, bei der Quelleninterpretation eine andere Interpretation als die eigene ohne logisch zwingende Argumentation auszuschließen. Schweiggert tut dies aber -- im Gegensatz zu Monika Dimpfl, die in ihrer Karl-Valentin-Biographie dieselbe Quelle ganz anders interpretiert, aber eben nicht ex cathedra spricht.
Auch scheint Schweiggert manchmal deutliche Anspielungen glatt übersehen zu haben ("Frau Braun"). Weiter im Text: Guido Knopps Gefasel über Emigration und Nicht-Emigration sollte man gnädig verschweigen, aber nicht pritschbreit zitieren. Sodann: Das auf den ersten Blick erfreuliche Literaturverzeichnis offenbart, hat man erst einmal angefangen mit der Lektüre, große Lücken. Viele Werke, aus denen ausgiebig zitiert wird, findet man hier nicht. Oft fehlen Quellenangaben sogar ganz, und zwar auch bei wichtigen, alles andere als trivialen Zitaten, deren Originaltexte nicht ohne weiteres eruierbar sind. Manchmal scheint auch die Recherche nicht recht geklappt zu haben: Terezín ist z.B. der tschechische Name von Theresienstadt. Peinlich, wenn Schweiggert mitteilt, Kurt Gerron sei vom "tschechischen [!] Lager Terezin" nach Theresienstadt verbracht worden. Und auch das ansprechende Layout könnte noch ansprechender sein ohne einen gewissen Erstsemester-Lapsus. Für einige der angemahnten Mängel kann freilich der Autor nichts; andere hätte seitens des Verlags beseitigt werden müssen (müssen!).
Wettgemacht werden solche und weitere Mängel durch die wohldosierte Einbettung passender Zitate aus Karl Valentins Werk, vor allem aber auch aus den Schriften von Zeitgenossen (auch wenn's mit der Quellenangabe hapert): Oskar Maria Graf, Werner Finck, Bert Brecht, Carl Zuckmayer, Max Herrmann-Neiße, Herbert Ihering, um nur einige zu nennen.
Vor allem ist Schweiggert seinem Ziel, Karl Valentin als alles andere als unpolitischen Wortakrobaten darzustellen, auf jeden Fall gerecht geworden. Seine Argumentation ist schlüssig und überzeugt, und leichtgemacht hat er es sich bestimmt nicht. Man merkt beim Lesen, dass er Karl Valentins Werk genau durchgeackert hat, dass er einen Blick hat für die entscheidenden Details. Er bezieht sich nicht nur auf die üblichen Verdächtigen, bezieht sich auf verschiedene Texte und Filmszenen, gleicht die Aussagen von Zeitzeugen miteinander ab, geht beispielsweise auch, wo es angebracht scheint, der Frage nach, inwieweit ein ungesichertes Zitat glaubwürdig überliefert ist.
Ich selber ziehe aus verschiedenen Gründen
Monika Dimpfls ausführlichere Karl-Valentin-Biographie vor. Das bedeutet nicht, dass Schweiggerts Biographie schlecht wäre, zumal darin Karl Valentins politische Haltung gut herausgearbeitet ist, berücksichtigt man den vergleichsweise geringen Raum. Sie könnte aber besser sein, denn sie wird unter Wert verkauft (siehe oben den Mängelbericht). Vielleicht ist ja die zweite Auflage besser... (Leider kann man nicht 3 1/2 Sterne vergeben)