Auch 100 Jahre nach seinem Tod ist Karl May nicht in Vergessenheit geraten - und die Helden seiner Bücher ohnehin nicht. Wer kennt nicht Old Shatterhand? Wer hat nicht beim Ansehen des Films oder der Lektüre des Buches um Winnetou getrauert? Und wer hat noch nie etwas von Kara Ben Nemsis und Hadschi Halef Omars Wüstenabenteuern gehört? Wahrscheinlich nur wenige.
Rüdiger Schaper hat eine gegenwartsorientierte May-Biographie geschrieben. Er begnügt sich nicht damit, den Schriftsteller als Kleinganoven und Hochstapler darzustellen, der nur vorgab, weite Reisen unternommen zu haben und in Wirklichkeit ein Leben führte, das ganz und gar nicht zu seinem literarischen Alter-Ego passte. Einerseits wird das Interesse an Karl May durch offensichtliche Kontraste geweckt. Wie kommt es, dass der Bestsellerautor, dem es um "Frieden auf Erden" ging, einer der Lieblingsautoren der Nazis wurde? Und wie ist jemand psychisch disponiert, dem der Schein wichtiger als das Sein ist?
Andererseits arbeitet Schaper auch Gründe für die ungebrochene Popularität des Sachsen heraus. Dies ist unter anderem auf die bekannten Verfilmungen mit Pierre Brice und Lex Barker zurückzuführen. Man kennt die Mayschen Helden, auch ohne die Bücher gelesen zu haben. Und wer sie tatsächlich gelesen hat, war eher ein Jugendlicher als Erwachsener - und damit in einem Alter, in dem erste komplexere Leseerfahrungen eine prägende Wirkung haben können. Schaper zeigt weiterhin auf, dass Mays Werke auch für heutige Leser aktuelle Themen behandeln. Sei es, dass sich der Radebeuler Autor als Wanderer zwischen der christlich-westlichen und der arabisch-östlichen Welt präsentiert und in seinem Büchern die Botschaft vom Frieden zwischen den Völkern propagiert; sei es, dass Winnetou als interkulturell geschulter Prototyp auftritt und den Schriftsteller in seinem Dominizil bei Dresden aufsucht. Zudem benutzt May literarische Konzepte, die auch heute alles andere als verstaubt sind. Sein Oeuvre basiert auf dem Gesetz der Serie, beleuchtet geschaffene Mythen in Rückblenden (so taucht Winnetou auch nach seinem literarischen Tod wieder auf!) und erschafft stellenweise sehr früh ein Szenario, dass wir mit dem heutigen Großstadtleben assoziieren.
Schaper hat also eine Biographie der etwas anderen Art geschrieben. So intelligent das Buch auch verfasst wurde - manches scheint doch eher auf Spekulation zu beruhen, was Schaper auch zugibt. Wenngleich manche intertextuellen Anspielungen (z. B. Karl Mays Einfluss auf den "Schuh des Manitou") sofort einleuchten, wirkt die spekulative Beeinflussung von Franz Kafka (z.B. Namensgebung seiner Romanfiguren) durch May bei allem Respekt weniger überzeugend.
Dennoch gelingt es der Biographie, ein überraschend modernes Bild von Winnetou & Co zu zeichnen, das fasziniert, neugierig macht und den Leser in seinen Bann zieht.