So scharf die Zunge, so akzentuiert die Lesungen -- dies als vorwegnehmendes Fazit für Eilige. Karl Kraus' Lesungen waren dermaßen akzentuiert, dass so mancher Ifflandring-Träger vor Neid erblasst sein dürfte. Er beherrscht sie, die charakteristischen Sprechweisen, schwadroniert salbungsvoll wie seine Eminenz beim Hochamt, zieht hornissengleich alle rhetorischen Register wie ein Staatsanwalt beim Schlussplädoyer, kommandiert im Feldwebelton, deklamiert schwärmerisch Gelegenheitslyrik wie beim Dienstjubiläum, doziert allwissend vom Katheder herab, dirigiert wie der Reiseleiter seine Herde -- allerdings durch die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges... Der große Helmut Qualtinger muss sich seine Finessen der Hohen Schule hier abgehört haben; woher aber auch sonst?!
Aber gemach. Es sind ja nicht viele Kraus-Lesungen aufgezeichnet worden in den 20er Jahren, und noch weniger sind erhalten. Die vielzitierte Tonqualität wird man sich vorstellen können, aber wen interessiert die schon, wenn er Karl Kraus im O-Ton zu hören bekommt? Sogar singen tut er übrigens, und zwar sein "Lied von der Presse" und das "Schoberlied".
Vor Karl Kraus ist bekanntlich keine Dummheit sicher, dem läuft kein sinnentleertes Geschwätz davon, "kein Verhässlichen der Sprache" (Polgar) wird geduldet, keine hohle Phrase, die mehr über den Absonderer verrät, als dem lieb sein kann. So schnell kann kein Wort davonrennen, dass es ein Karl Kraus nicht am Kragen zu fassen bekäme, mit unerbittlichem Griff. Und was fürs Schreiben gilt, das gilt erstrecht für seinen Vortrag. Nicht nur die Feder war scharf, das beweisen diese Tondokumente.
Hier hat dieser vielbesungene Wiener Akzent nichts Heurigenseliges an sich, sondern etwas Heimtückisches. Hinter jedem Wort lauert Karl Kraus seinen Zuhörern auf, da können die noch so sehr auf dem Quivive sein -- da hilft nichts. Karl Kraus legt los, zieht vom Leder, donnert vom Olymp herab, und seine Lesungen passt er seinen Texten an: Atemlos die vorgetragene Realsatire über die unanständig anständige Dochnicht-Dirne und die Begründung, warum das Tragen des Ehrenkreuzes im Freudenhause nur den Angehörigen des Offizierskorps zusteht. Kraus liest das in einem pointierten überscharfen Ton, keine einzige Silbe liest er verschliffen, sodass einem der Mund nimmer zugehen will. Man kommt mit dem Zuhören kaum mit, nicht beim ersten, nicht beim zweiten Mal. Beim dritten Hören traut man sich zum ersten Mal ganz zaghaft zu lachen über dieses Panoptikum des Absurden -- nicht, dass man's nicht schon vorher gar zu gern getan hätte, aber dann wär man endgültig dem Verstehen hinterhergehechelt. Die anderen Texte trägt er etwas langsamer vor, aber nicht minder pointiert, und in ebenso geschliffenem Ton. "Im Anfang war die Presse, und dann kam die Welt"... und dann kam Kraus mit seinem "schärfsten Blick für das Hässlichste der Gegenwart" (Polgar) und rührte ein scharfes Couplet aus Unbestechlichkeit und Korruption.
Aber dann vergeht ihm das Lachen, und mit ihm vergeht es dem Zuhörer: "Die Raben" zunächst (aus "Die letzten Tage der Menschheit"). Die Schilderung eines Schlachtfeldes nach der Weltkriegs-Schlacht aus Rrrrabensicht im Rrrrabenton, vorgetragen von Krrraus. Guten Appetit, wohlgenährte Raben! Und dann: Geht es noch brutaler als in den "Reklamefahrten zur Hölle"? Ein grausiger Überblick über die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges per Rundfahrt, bequem im Schnellzug-Wagen zweiter Klasse, "bei erstklassiger Verpflegung", gegen Aufpreis kann man auch die glorreichen Schlachtfelder von 1870/71 besichtigen... und zwischen zwei Leichenbergen gibt es Kaffee, Wein und Kuchen. Das verzweifelte Lachen bleibt einem im Halse stecken, will doch heraus ob der aberwitzigen Kollage und kann nicht, weil Karl Kraus Banalität und Brutalität kontrastiert, wie es zynischer nicht mehr möglich sein dürfte: Gegenüber den Gefallenen haben die Überlebenden nämlich den Vorteil der erstklassigen Verpflegung! Und eine Verdun-Besichtigung als touristischen Höhepunkt der Tagestour obendrein.
Als Einleitung spricht Alfred Polgar einen Nachruf auf Karl Kraus -- er windet keinen Heiligenkranz, strickt keine literarischen Pulswärmer, gockelt nicht mit irgendwelchen Anekdoten herum. Kein Weihrauch, da sei Karl Kraus vor. Weihrauch wäre ja nun wirklich die übelste Beleidigung, die man dem Gewürdigten zu Lebzeiten oder posthum hätte zufügen können.
Stattdessen liefert Polgar eine Studie in Sachen Karl Kraus' Person und Werk, die in knapp fünf Minuten mehr Inhalt unterbringt als andere auf x-100 Seiten: Als Einleitung eine Skizze über Karl Kraus, den Unerbittlichen mit seinem Talent, sich Feinde zu machen. Karl Kraus, der Ungnädige, "der Schwäche als Milderungsgrund ausschloss", mit seinem "Entzücken an der Sprache". Wehe dem, der sich an ihr verging!
Wie gesagt: Polgar kippt keine Zuckercouleur über Karl Kraus, und gerade das verleiht seinem Nachruf die Würde. Und Karl Kraus ebenfalls.
Anhang Trackliste:
Nachruf auf Karl Kraus (verfasst und gesprochen von Alfred Polgar, 1952)
Das Lied von der Presse (aus "Literatur oder: Man wird doch da sehn", Magische Operette in zwei Akten 1921)
Das Ehrenkreuz (die Fackel 272/273, 15.2.1909)
Bunte Begebenheiten (Die Fackel 622/631, Juni1923)
Jugend (Die Fackel 462/471, Okt.1917)
Das Schoberlied (aus "Die Unüberwindlichen", Nachkriegsdrama in vier Akten 1928)
Weg damit! (Die Fackel 743/750, Dez.1926)
Zum ewigen Frieden (Mit einem Motto von Immanuel Kant; "Die Fackel" 474/483, Mai 1918)
Die Raben (aus "Die letzten Tage der Menschheit")
Reklamefahrten zur Hölle (Die Fackel 577/582, Nov. 1921)
Todesfurcht (Die Fackel 577/582, Nov. 1921)