Wolfram Wette, im 1. Kapitel des Buches selber fest, so ist ihm der Zugang zum persönliche Nachlass Karl Jägers nicht ermöglicht worden. Dennoch ist das Buch durchaus sehr lesenswert, eine Mischung aus biographischer Skizze und Beschreibung der Ermordung der Litauischen Juden, ein weiteres Buch in der geschichtlichen Aufarbeitung des Holocaust.
Wolfram Wette versucht aus den spärlichen Information zur Person in Verbindung mit Zeitzeugenberichten und zahlreichen Quellen zur Ermordung der litauischen Juden ein Bild des Täters Karl Jägers zu generieren, um mit seiner Person einen Täter zu beschreiben, der so gar nicht in die Riege der intellektuell gebildeten Massenmörder der "Generation des Unbedingten (Michael Wildt) passt, aus denen sich die Führer der Einsatzkommandos überwiegend zusammensetzten. Dies gelingt ihm ganz gut, wenn man berücksichtigt, wie wenige Informationen vorliegen.
Jäger, ein musisch begabter Mensch, war deutlich lebensälter, im Kaiserreich aufgewachsen, Weltkriegsteilnehmer und frühzeitig in der NS-Bewegung aktiv, wird stets von Zeitzeugen als überaus korrekt und keineswegs als grausam oder brutal beschrieben. Er gehört zu der Reihe von scheinbar "normalen" Menschen die im III. Reich zu willigen Massenmördern wurden und von denen, auch hierauf geht Wette ausführlich ein, heute niemand mehr etwas hören möchte beziehungsweise die Darstellung ihres Lebens Anderen deutliches Unbehagen bereitet. Wette hat dies im Heimatort Karl Jägers aus dem er selbst auch stammt, deutlich festgestellt.
Neben den zahlreichen zitieren Augenzeugenberichten der Morde die den Leser in ihrer Offenheit erschrecken und schockierend vor Augen führen, mit welcher Brutalität die Täter vorgingen, ist der sogenannte "Jäger-Bericht", die Abschlussmeldung des für den Massenmord an den litauischen Juden verantwortlich zeichnenden SS-Offizier Karl Jäger, in all seinem sachlichen Zynismus ein erschreckendes Dokument der damaligen Zeit, dass einen heute immer wieder fragen lässt, was in den Köpfen der damaligen Täter vorgegangen sein mag, wenn man in der Lage ist ein solches Dokument über die Ermordung von mehr als 130000 Menschen zu verfassen.
Aus Respekt vor den leider zu häufig vergessenen Opfern, denen in dieser Darstellung durch Wette auch ein Gesicht gegeben wird, und für unser Gesamtverständnis des Holocaust ist die weitere Täterforschung notwendig, denn die damaligen Mörder waren keine gesichtslosen Kreaturen, sondern Menschen mit freiem Willen und Verstand. In diesem Buch wird zumindest einem dieser Täter ein Gesicht gegeben.