Es gibt ein paar Bücher, die hat jeder im Schrank stehen. Fast jeder, der sich etwas intensiver mit den nordamerikanischen Indianern befasst, hat eine Ausgabe der "Reise in das innere Nordamerika" von Prinz Maximilian zu Wied zu Hause. Die Zeichnungen, die Karl Bodmer für diesen Reisebericht geschaffen hat, kennt eigentlich "Jeder".
Prinz Maximilian zu Wied brachte auch zahlreiche Artefakte mit nach Europa. Da einige der indianischen Gruppen, von denen diese Stücke stammen, bald nach der Forschungsreise ausstarben, haben diese Stücke einen unschätzbaren Wert. Ihre ganze Bedeutung wird aber erst erkennbar, wenn man sie zusammen im Kontext mit den Zeichnungen Bodmers sieht. Im Gegenzug werden Bodmers Zeitzeugnisse im Kontext mit diesen Artefakten deutlich als wertvolle Beiträge zur nordamerikanischen Geschichte erkennbar.
Dem Züricher Museum ist es gelungen, Exponate, die noch nie zusammen gezeigt worden sind und die bisher auch nur äußerst selten ausgeliehen worden sind, in einer aussagekräftigen Ausstellung zu zeigen. Gemeinsam mit Bodmers Zeichnungen gewinnen sie noch mehr an Aussagekraft.
Für alle an nordamerikanischen Indianerkulturen Interessierten ist der zur Ausstellung erschienene Katalog eines der Bücher, die man im Schrank stehen haben muss.
So findet sich im Anhang eine Liste aller Bilder von Karl Bodmerin der Ausstellung. Diese Bilder werden vollzählig im Katalog gezeigt, entweder im Kontext mit den Beiträgen oder aber am Ende des Buches. Der Kurator der Ausstellung, Hartwig Isernhagen stellt in seinem einleitenden Beitrag "Bodmer - Wied - Amerika: eine Entdeckungsreise" nicht nur die Reise und ihre Ergebnisse vor. Seine Ausführungen vermitteln dem Leser die Bedeutung dieser Reise und des Reiseberichtes. Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Ergebnisse dieser Reise differenziert gesehen werden müssen, denn Bodmer tradiert unbewusst ein einseitiges Bild des Indianers in Europa! Denn die europäischen Männer begegnen auf ihrer Reise Männern: so sind die gesammelten und die abgebildeten Gegenstände fast ausschließlich Gegenstände aus dem Leben der Männer. Die Darstellung des Feldbaus oder des Sammelns von Beeren und Wurzeln (alles Tätigkeiten der Frauen) zeigt Bodmer in seinen Bildern nicht.
Sonja Schierle beschreibt in ihrem Beitrag über die Nordamerika-Sammlung des Prinzen Maximilian zu Wied, welche Wege die Teile der Sammlung genommen haben. So erfährt der Leser, wie einzelne Stücke ohne eindeutige Katalogisierung weitergegeben wurden oder welche Schäden unsachgemäße Lagerung anrichtete. So gesehen war die Überführung der Sammlung ins Museum ein Glücksfall, konnte doch damit eine fachgerechte konservatorische Betreuung erfolgen.
Peter Bolz vom Berliner Völkerkundemuseum hat zwei Beiträge für den Katalog verfasst. In seinem ersten geht er auf die Veränderung des Indianerbildes in Europa ein und bezieht sich dabei neben Karl Bodmer auch auf Heinrich Rudolf Schinz und dessen "Naturgeschichte und Abbildungen der Menschen und der Säugethiere".
Außerdem geht er kurz auf die Berliner Nordamerika-Sammlung des Prinzen zu Wied ein.
Dem Anspruch des Kurators, dass man den Katalog auch mit Nutzen lesen kann, wen man die Exponate der Ausstellung selbst nicht gesehen hat, wird dieses Buch voll gerecht. Aufgrund der Vielzahl und der Qualität der Abbildungen, zusammen mit den sehr aufschlussreichen Textbeiträgen ist dieses Buch ein Muss für jeden Indianerfreund.