Was braucht man, um seine Kultur in ein anderes Land zu bringen? Eine ausgefallene Plattensammlung und eine sozialistische Ghettoblaster-Antiquität. Dazu viele kulturelle Missverständnisse und falsche Erwartungen. Wladimir Kamininer klärt in seinem 2005er-Buch "Karaoke" restlos auf, wie nach der Wende Deutsche in Berlin zu falschen Russen mutierten und umgekehrt, wie man sich mit ihm als DJ in der "Russendisko" im Berliner Kaffee Burger zusammenfand und die Klischees um die trinkfreudigen, tiefbeseelten Russen wegfeierte. Dabei spannt er in seinen Geschichten immer wieder den Bogen in seine sowjetische (nicht russische!) Vergangenheit, erzählt von verordneter Weltmusik im Kommunismus, vom Punk, der gleichermaßen kulturübergreifend wirkt wie der Musikantenstadl und von Begegnungen als frisch assimilierter Promi mit den Untiefen der deutschen Medienwelt.
Kaminers Erfolgsrezept, das er auch hier konsequent verfolgt, liegt einmal in seiner Perspektive, die dem Deutschen den Spiegel der eigenen Kuriosität vorhält. Gleichzeitig ist er so selbstironisch wie einer sein muss, der den perfekten Blick für die Komik im Alltag hat. Da haben sogar die zahlreichen holprig übersetzten Liedausschnitte die gewollte Wirkung: Musik, das ist vor allem Energie, die sich irgendwie um Freiheit und Liebe dreht, aber vor allem ausgedrückt sein will. Und wenn der Russe den Deutschen wegen martialischer Ramstein-Texte in Schulbüchern wieder lieb hat, dann ist das Karaoke Level 2. Verbrüderung bleibt Verbrüderung, auch wenn sie nur auf Missverständnissen beruht.
Nichts neues von Kaminer, aber beneidenswert erlebt und bestgelaunt erzählt.