Sicherlich gibt es ausdrucksvollere Bruckner-Aufnahmen, abründigere und pathetischere. Aber an all dem mangelt es dieser Aufnahme, die Karajan in den 70er Jahren mit den Berliner Philharmonikern einspielte, nicht aus Unfähigkeit oder Flüchtigkeit. Karajan kam es vielmehr darauf an, Bruckners Musik der Sphäre menschlicher Leidenschaften zu entrücken. Seine Darstellung mag "glatt" wirken, denn in ungewöhnlicher Weise liegt Karajan an einem stabilen Tempo, das nicht bei jedem Übergang von einem Thema zum nächsten nachgibt. Statt glatt möchte ich die Wirkung jedoch eher als kühl bezeichnen, als klänge diese Musik aus eine Höhe, in der es menschliches Leben nicht gibt. Bruckners Sinfonien als kreisende Sphären ohne Subjektivität, ihre Formen als immer höhere Potenzierungen kleiner Proportionen, in spiraliger Aufwärtsbewegung entsteht aus einem Thema ein ganzer Satz. So hat das vor- und nachher niemand mehr dargestellt, und das macht diese Aufnahme zu einem Referenzpunkt der Bruckner-Interpretation, auch wenn sich die eine oder andere Sinfonie diesem Zugriff nicht wirklich öffnet (etwa die Neunte). Grandios gelingen Karajan die Vierte, Fünfte, Siebente und Achte, und auch die Sechste, die er nie im Konzert, sondern nur für diese Aufnahme dirigiert hat. Dass es ungeheuer schön klingt, sowohl rund im Fundament als auch leuchtend in den Oberstimmen, muss bei Karajan nicht eigens erwähnt werden.