Das Buch bietet keine Biographie des Dirigenten. Die biographischen Teile nehmen nur geringen Raum ein und sind anderorts (zuletzt Osborne, 1999) anschaulicher dargestellt. Der weit überwiegende Teil des Buches ist der Analyse des nachschaffenden, aufgenommenen(!) Werkes v. Karajans gewidmet. Das Buch kann dabei auch nicht als eine umfassende Darstellung des künstlerischen Schaffens des Dirigenten gelten; denn sowohl die Arbeit v. Karajans als legendärem Orchestererzieher als auch seine sich über Jahrzehnte erstreckende Aufführungspraxis vor lebendem Publikum werden nur ganz vereinzelt angesprochen. Treffender wäre also gewesen: Versuch einer Darstellung der musikalischen Entwicklung Herbert von Karajans anhand exemplarischer Tondokumente.
Der Ankündigung in der Einleitung, mit diesem Buch die interpretatorische Idee hinter der Kunst v. Karajans herausarbeiten zu wollen, wird Uehling durchaus gerecht. Diese sieht er mit guten Gründen in dem Ansatz v. Karajans, die von ihm interpretierte Musik zu transzendieren, sie in eine kunstautonome Sphäre reiner Musik zu heben, sie in einer Weise von allem Materiellen zu abstrahieren, dass ihre Teile im Ganzen aufgehen und die Musik zu einer Erscheinung des Geistes wird. Dies alles beschreibt Uehling im Ganzen sehr evident und mit Sachverstand. Der Autor hat ein Talent für die generell schwierige Beschreibung musikalischer Phänomene und Zusammenhänge. Mit dem Überspielen von Taktstrichen, der ausgeprägten Legato-Kultur, der gleich bleibenden Ruhe und Präzision und den zügigen Tempi, die Einzelheiten in den allgemeinen, durchstrukturierten Ablaufplan zwingen, nennt Uehling zutreffend auch die empirisch hör- und überprüfbaren technischen Bedingungen dieses Schaffensprozesses. Als grundlegendes interpretatorisches Moment erscheint Uehling das Prinzip der großrhythmischen Gestaltung, das ihm allerdings zu einer Art Steckenpferdchen gerät. Wenn Uehling bei seinen nachfolgenden Analysen mit diesem Gestaltungsprinzip auf Widerstände stößt, etwa weil es sich als mit einer von ihm analysierten Werkaufnahme inkompatibel erweist, meint er damit einer interpretatorischen Inkonsequenz oder gar Schwäche des Dirigenten auf die Schliche gekommen zu sein. An solchen Stellen wirken die Analysen Uehlings stets ein wenig schematisch forciert. Alles in allem machen diese Interpretationsanalysen aber wohl die besten Teile des Buches aus.
Negativ fallen die zum Teil grellen und unerklärlichen Wertungswidersprüche des Autors auf: Das Fazit Uehlings zu v. Karajans Lebenswerk fällt überaus anerkennend aus. So spricht Uehling davon, dass die Werke unter v. Karajan Stabführung eine Geschlossenheit erhielten, die sie aus der Welt heraushebt und darin sei der Dirigent unerreicht gewesen. Er attestiert ihm eine künstlerische Kraft, die ihresgleichen sucht und beschließt sein Buch mit der Feststellung, dass es sich um ein Lebenswerk von seltener ästhetischer Prägnanz und Konsequenz handele. An anderer Stelle aber beschreibt der Autor das Werk v. Karajans dann als Entspannungsmusik, Popmusik und emotionale Dienstleistung mit der ganzen Skala von Affekten, wie sie die Popmusik vermittelt. Eine Erklärung darüber, wie das alles zusammenpassen soll und welcher Musikbegriff hier zugrunde liegt, bleibt der Autor schuldig. Bezeichnend ist in diesem Zusammenhang das auffallende Unverständnis (Vorverständnis?), mit dem sich Uehling zitierten Aussagen des Dirigenten nähert. Wenn v. Karajan zur Eröffnung seiner Osterfestspiele in konventionellem Ton seinem Wunsch von einer großen [Festspiel-]Gemeinde, verbunden durch die Musik Ausdruck gibt, so ist dies Uehling hinreichender Anlass, von Vereinnahmungsphantasien des sich in eine große Zusammengehörigkeit hineinträumenden, im menschlichen Kontakt durch und durch gehemmten Dirigenten zu spekulieren. Man könnte diese laien-psychologische Exkursion belustigt überblättern, würde Uehling darauf nicht eine seiner (widersprüchlichen) Thesen von den angeblichen Hintergründen der musikalischen Motive des Dirigenten aufbauen wollen. So führt Uehling weiter aus: Ein Publikum, das nicht mehr getrennt ist vom Aufführenden, hört auf zu existieren und wo durch diese Vereinigung Sender und Empfänger verschwinden, verschwindet die Kunst. Daraus schließlich schlussfolgert Uehling: Der Eindruck, dass v. Karajan mit Kunst nichts sagen möchte, wird mit diesen naiven Äußerungen [gemeint sind die Eröffnungsworte] anschaulich bestätigt. Diese widersprüchlichen Wertungen sind für den Leser nicht nachvollziehbar. An solchen Stellen wirkt das Buch in seiner Aussage seltsam inkonsistent.
Letztlich muss der Leser den Eindruck gewinnen, dass Uehling der Musikästhetik v. Karajans innerlich fremd gegenübersteht. Immer wieder versucht er, den Interpretationen einseitig mit den erlernten Mitteln des Musikintellektuellen beizukommen, der die ästhetischen Konzepte von außen an die Musik heranträgt, statt anzuerkennen und nachzuvollziehen, dass sie sich nach der erklärten Auffassung des Dirigenten ausschließlich aus der Musik entwickeln lassen. Dass auch dieses Buch Beispiele einer rein geschmacksorientierten Interpretationsästhetik enthält (so etwa der pauschale Verriss der berühmten Cosi-Aufnahme, die mittlerweile Generationen von Musikkritikern zu Superlativen veranlasst hat), braucht heute leider kaum noch eigens angefügt zu werden.
Im Ganzen ein gleichwohl lesenswertes (aber verbesserungsfähiges) Buch für den fortgeschrittenen Musikinteressierten, das zur Auseinandersetzung anregt.