Aus der Amazon.de Redaktion
Uff! Eine Platte
Kapitulation zu nennen, das ist schon mutig. Vor allem nach den vierzehn Jahren, die die Ende 93 in Hamburg gegründeten Tocotronic nun schon dabei sind. Vor allem aber nach der großen Enttäuschung
Pure Vernunft darf niemals siegen. Auf dem kommerziell erstaunlich erfolgreichen Album hauten die Tocos mit Aber hier Leben, nein danke zwar wieder einen ihrer typischen Slogan raus, ansonsten quälen sie einen doch mit rätselhaften, mythischen Texten und schwacher Musik. Damals wie auch diesmal gingen die zum Quartett angewachsenen Tocotronic mit dem Produzenten Moses Schneider (Beatsteaks) in Berlin ins Studio. Man scheint sich richtig eingegroovt zu haben, denn wie gut diese Platte schon nach ein paar Sekunden tut, die mit dem polternden Mein Ruin nicht besser eröffnet hätte werden können. Den verschwurbelten Fantasy-Wald des Vorgängers haben Tocotronic verlassen, jetzt wird zu konkrete Texten gerockt, und so gelöst klang die Gruppe um Sänger und Songschreiber Dirk von Lowtzow noch nie.
Der totale Kontrast zum Titel Kapitulation, dem überragenden Werk ihrer Karriere, das den harten Momenten immer wieder eine intime Zartheit (Wir sind viele, Harmonie ist eine Strategie) gegenüber stellt. Geblieben ist die vertraute Nein-Sager-Haltung, die Oppositionsrolle, in die sich Tocotronic begeben. Es herrscht zwar gute Laune im Land, das vor kurzem noch in Jammertränen ersaufen zu schien. Nichts gegen Aufschwung und Stimmungshoch, aber ist der Preis wie Dauerdruck im Beruf, Verlust der Selbstfindung, angepasstes Funktionieren, der Zerfall einer Solidargemeinschaft in immer gleichgültigere Einzelteile, eine sich ausbreitende Ängstlichkeit allem Fremden gegenüber nicht viel zu hoch? Alles keine Gründe für eine Kapitulation, aber mindestens Grund zum Insichkehren und Luftholen. Oder wie es in Luft heißt: Ja, ich habe heute nichts gemacht. Ja meine Arbeit ist vollbracht.
--Sven Niechziol
pure.de
Nie waren sie so wertvoll wie heute. Achtes Album im 14ten Jahr, und Tocotronic hängen mal eben die Schrammelgitarren tiefer. Mit einem feinen Gespür für die Strömungen (und Gegenströmungen) des Zeitgeistes knallt uns die zum Quintett gewachsene Band demonstrative Slogans vor den Latz. "Mein Ruin ist mein Triumph" oder "Du musst nicht zeigen, was du kannst". Sänger und Texter Dirk von Lowtzow stellt die Verhältnisse auf den Kopf. "Kapitulation" als Chance. Er beschwört die hohe Kunst der Verweigerung. "Sag alles ab, wirf alles weg, halt die Maschine an, frag nicht nach dem Zweck." Für eine Popgruppe mögen das heftige (Anti-)Lyrics sein, doch eingebettet in filigrane Strukturen verweisen einige der zwölf Songs auf die großen Traditionen von The Smiths. Schönheit mit Tiefgang. Wenn etwa die Gitarrenläufe auf "Verschwör dich gegen dich" einer schnellen, anmutigen Melodie folgen oder im verhaltenen "Harmonie ist eine Strategie" ein Schmuckstück im deutschsprachigen Rocker-Chanson gelingt. Unter der Ägide von Produzent Moses Schneider (Beatsteaks) bleiben Tocotronic trotz aller Perfektion ungeschliffen und zerbrechlich. Mit einem Sound, der durch den Einstieg des Exil-Amerikaners Rick McPhail variantenreicher und zupackender geworden ist. Das munter daher polternde "Mein Ruin" stellt direkt zum Einstieg die Verhältnisse klar. All die Niederlagen können nur in einem rauen Umfeld erblühen. Im Titelsong singt Dirk von Lowtzow: "Und wenn du kurz davor bist, kurz vor dem Fall, und wenn du denkst, fuck it all, und wenn du nicht weißt, wie soll es weitergehen: Kapitulation". Dazu kecke Brit-Pop-Gitarren, ein hämmernder Beat und ein nachgeschobenes "Oh oh oh", das schließlich in ein mehrstimmiges kleines Finale mündet. Tocotronic verbinden nachdenkliche Liebeslieder ("Imitationen", "Wehrlos") mit einem aufmunternden Dagegenhalten ("Wir sind viele"). Ganz zum Schluss schraubt sich in "Explosion" aus einem Gitarrenakkord eine bedrohliche Klangwand hoch, die in einem mächtigen Soundgewitter mit dem Satz "Kein Wille triumphiert" endet. Ein perfekter Abgang für die Könige des anderen Popsongs.