Das Buch ist eine Sammlung verschiedener Beiträge von Soziologen, Philosophen, Ökonomen und Literaturwissenschaftlern. Zentrales Thema ist ein Fragment des Philosophen Walter Benjamin (1892 - 1940) mit dem Titel "Kapitalismus als Religion", das nach seinem Tod veröffentlicht worden ist. Es umfasst gerade einmal drei Buchseiten und beginnt mit dem Satz (S. 15): "Im Kapitalismus ist eine Religion zu erblicken, d.h. der Kapitalismus dient essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die sogenannten Religionen Antwort gaben." Und etwas weiter schreibt Benjamin (S. 16): "Darin liegt das historisch Unerhörte, dass Religion nicht mehr Reform des Seins sondern dessen Zertrümmerung ist." Die Autoren nehmen das Fragment unter verschiedenen Blickwinkeln unter die Lupe.
Manche Texte sind verständlich formuliert, andere ergehen sich in teilweise umständlichen Wendungen. Auf der Rückseite des Bucheinbandes steht zwar, dass Sammelbände meist eine mühsame Lektüre seien, aber mit diesem Buch ein fabelhaftes und spannendes Exemplar vorliegen würde. "Mühsame Lektüre" trifft teilweise zu. Hier ein paar Kostproben: "Leben ist schuldig am Leben, weil es zugleich seine Prokreation und seine Verminderung, zugleich Prokreation der Verminderung und Verminderung der Prokreation des Lebens ist. Leben ist schuldig, weil es zuviel zuwenig Leben erzeugt ..." (Literaturhistoriker W. Hamacher, S. 108), oder "... um das offenbarte Oszillieren von Immanenz und Transzendenz ... zu vermeiden, in dem Religion sich von ihrer ursprünglichen, immanenten Bedingung zu einer von einer Staatsautorität vermittelten, quasi transzendenten und schließlich zu einer absoluten Transzendenz bewegt, die quasi automatisch zurück in die ursprüngliche Immanenz der Götter und ihrer Allgegenwärtigkeit fällt - um all das zu vermeiden, würde die pure Katastrophe der göttlichen Gewalt notwendig erscheinen." (Philosoph W. Rasch, S. 262).
Aber es gibt auch Muscheln mit Perlen in dieser Aufsatzsammlung. Einmal ist es die Einleitung, geschrieben vom Herausgeber, dem Soziologen Dirk Baecker (*1955). Dann wäre der Beitrag des russischen Philosophen Mikhail Ryklin (*1948) zu erwähnen mit dem Titel: "Der Topos der Utopie. Kommunismus als Religion". Auch der Soziologe Christoph Deutschmann (*(1946) ist gut lesbar mit seinem Beitrag: "Die Verheißung absoluten Reichtums: Kapitalismus als Religion?". Und der Medien und Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz (*1953) formuliert auch (meist) unmittelbar verständlich in: "Der Kapitalismus - eine Erfindung der Theologen?". Wer von dieser Aufsatzsammlung eine verbindliche Definition von Religion und Kapitalismus erwartet, wird sie nicht finden. Es gibt auch keine knappe Übersicht der in diesen beiden Systemen analogen Rituale und Glaubenssätze. Es werden zwar viele Facetten betrachtet aber alle Autoren scheinen sich einig zu sein, dass es eben keine allgemein akzeptierten Definitionen gibt. Sie seien entweder zu eng oder zu weit gefasst.
Formal zu bemängeln ist einmal, dass es kein Sachregister gibt. Dann fehlt auch eine Kurzbiographie der Autoren dieses Sammelbandes. Für Insider ist das sicherlich nicht nötig. Der Nichtspezialist steht etwas verlassen da. Schnelle Hilfe bieten dann nur WIKIPEDIA oder Google. Aber möglicherweise wollte man mit diesem Band auch gar nicht den interessierten Laien ansprechen und unter sich bleiben. Aufschlussreich ist in jedem Fall, wie man aus einem knapp dreiseitigen Fragment ein Buch mit über dreihundert Seiten entstehen lässt. Ein Lehrbeispiel für intellektuelle Arbeitsbeschaffung. Dennoch: Wer den Mut hat, die schwergängigen Passagen einfach vorerst zu übergehen, der findet anregende An- und Einsichten zum Thema Kapitalismus und Religion.