Unter dem ironischen Titel "Kapitalismus - eine Liebesgeschichte" präsentiert Michael Moore einen wirklich guten Film über den Kapitalismus (euphemistisch: "Freie Marktwirtschaft") amerikanischer Ausprägung, und zeigt anhand einer Reihe schlimmer Beispiele, was in diesem System alles möglich ist.
Kritiker werden einwenden: Ja, stimmt alles, aber das sind doch bloß Auswüchse. Andere sagen: Nein, denn die Auswüchse SIND das System.
Ja, Moores Film IST einseitig. Aber das ERWARTE ich auch von ihm. Ich ERWARTE, daß der Filmemacher Partei ergreift, wenn er über ein System berichtet, daß sich NUR nach dem Recht des (wirtschaftlich) Stärkeren richtet, und der einzelne Mensch nicht mehr Staatsbürger ist, sondern der letzte Dreck, ein abzuzockendes, auszuplünderndes Etwas, und genau DEREN Partei ergreift Michael Moore, und er betreibt Aufklärung im besten Sinne. Was wäre denn die andere Seite? Behauptungen, daß das alles nicht so schlimm sei, wo gehobelt wird, da fallen Späne, also im Prinzip sei alles in Ordnung, denn das sei der Preis der Freiheit in freiesten der freien Länder der Welt? Danke, diese andere Ein-Seitigkeit wird von Konzernvertretern, Medien und Politikern auch in den USA genügend und bis zum Erbrechen besorgt. Moores Filme sorgen eher für ein lautstarkes und bitter notwendiges informatives Gegengewicht.
Inhaltlich spannt Moore einen Bogen vom alten Rom über seineHeimatstadt Flint in den 30ern, die Reagan-Ära und deren damaligen Machenschaften bis zur aktuellen Finanzmärkte-Krise, geht etwa der Frage nach, ob Jesus oder auch die amerikanischen Gründerväter wirklich wollten, daß die Menschen alleine von Superreichen und deren Helfershelfern beherrscht werden.
Er berichtet z. B. von einem korrupten Richter, der gegen Bakschisch absichtliche Falschurteile gegen Jugendliche fällte, nur um einen Privat-Knast zu füllen (wurde nicht auch bei uns unlängst das erste Privat-Gefängnis eröffnet?), von skrupellosen Banken und deren Vertretern, die nur um des Profites willen mithilfe seltsamster Kreditbedingungen die Menschen um ihren Besitz bringen und sie obdachlos machen, Bedingungen, die nur möglich sind, weil willfährige und korrupte Politiker vorher die entsprechenden Bestimmungen und Gesetze gemacht bzw. im Banken-Sinne verändert haben, und die als Gegenleistung dann Kredite zu GANZ BESONDEREN FREUNDSCHAFTS-Bedingungen bekommen, sowie von Konzernen, die allen Ernstes Lebensversicherungen auf ihre Mitarbeiter abschließen, nicht etwa, um nach deren Ableben die Hinterbliebenen zu unterstützen, sondern um Reibach zu machen. Dieses eiskalte, zynische Geschäftsgebahren kommt uns irgendwie bekannt vor? Richtig: Es erinnert an die perversen Spekulanten, die gerade z. Zt. etwa "Versicherungen" darauf abschließen, daß z. B. Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann - nichts anderes als brutale Wetten auf das Eintreten der Katastrophe - ob Menschenleben oder Staatsbankrott ist solchen Leuten sowas von sch...egal, Hauptsache, der Profit stimmt, as Verhaltensmuster dieser widerlichen Abzocker ist das gleiche, schließlich leben wir im Kapitalismus! Auch, wenn vieles im Film durch die Art der Präsentation recht unterhaltsam rüberkommt, ballt sich die Faust irgendwann nicht mehr nur in der Tasche, es entwickelt sich auch ein starkes Bedürfnis zuzuschlagen, und man möchte dem durch seine Bank zwangsgeräumten Arbeiter beipflichten, wenn er sagt:(Zitat)"Ich beginne zu verstehen, wenn Leute den Kopf verlieren, und um sich schießen. Ich sage nicht, daß ich sowas tun würde, aber ich kann verstehen, wenn sie die Leute soweit bringen, daß sie Bomben legen, alles in die Luft jagen. Wenn denen was passiert, dann haben sie es jedenfalls verdient. Ich hoffe, daß was passiert. Mehr kann ich nicht sagen." Erschreckend ist auch, wieviele Leute sich zu Bütteln der Banken machen, Behörden, Sherriffs, die gnadenlos deren Geschäfte verrichten, und am Ende bleiben restlos ruinierte Familien, verfallene Siedlungen, Dörfer, Vorstädte, alles für den Profit widerwärtiger Zocker!
Schöne und optimistische Momente hat der Film aber auch eine ganze Reihe, z. B. dann, wenn unter tätiger Mithilfe zahlreicher Demonstranten die Zwangsräumung einer Familie monatelang verhindert wird, bis die Bank schließlich sogar aufgibt, Moores Aktion, in der er eine Bank erst zu besetzen versucht, und dann zum Tatort erklärt, ein Sherriff, der kurzerhand alle Zwangsversteigerungen in seinem Distrikt für beendet erklärt, und sich weigert, weiterhin Leute auf die Straße zu schmeißen, oder auch eine gefeuerte Belegschaft, die gemeinsam und mit viel Unterstützung - u. a. des katholischen Bischofs - gegen einen übermächtigen Gegner hohe Abfindundungen ertrotzt.
Natürlich ist der Film auch von den Moore-typischen Stil-Mitteln durchsetzt wie satirischen Szenen, kommentierenden Schnitten, entlarvenden Montagen. Auch das Bonus-Material auf der DVD ist sehenswert.
Moore zeigt die amerikanische Ausformung des Kapitalismus, von der wir in Deutschland zum Glück (noch) weit entfernt sind. Aber man sollte sich auch bei uns nichts vormachen: Bagatell-Kündigungen langjähriger Mitarbeiter, Verdealen von Schrottpapieren durch gewissenlose Bank-Mitarbeiter vorzugsweise an Rentner und andere Bank-Kunden, die sich vermeintlich oder tatsächlich schwerer wehren können, irre Privatisierungs-Orgien von öffentlichem Eigentum, brutalstes Lohn-Dumping, übelste Hetze gegen Arme und Schwache sowie schwerwiegenste politische Entscheidungen im Sinne von Großbanken und Finanzdienstleistern zum Schaden von uns allen gehören zu Facetten eines Weges, den auch unsere Gesellschaft längst beschritten hat, und an deren Ende eine Gesellschaft steht, in der die wirtschaftlichen Interessen ALLES sind, und der einzelne Mensch nichts mehr ist, gar nichts, außer einem auszumerzendem Kostenfaktor oder wahlweise dem allerletzten Dreck.
Der Film lohnt sich aufgrund des Themas auch sehr gut für Moore-Einsteiger, ist inhaltlich deutlich näher an uns Kontinental-Europäern dran als etwa der ebenfalls sehenswerte Film "Sicko" über das amerikanische Gesundheitssystem, und er ist bei allem Ernst mit leichter Hand produziert.
Meine Empfehlung: Den Film kaufen bzw. ausleihen, ansehen, und darüber nachdenken, ob wir wirklich auch in Deutschland weiter auf eine solche Form des Kapitalismus zusteuern wollen, oder uns auf eine "soziale Marktwirtschaft" rückbesinnen und orientieren sollten, die diese Bezeichnung auch verdient...