Inhaltlich hat Michael Moore in seiner ohne jeden Zweifel berechtigten Kapitalismus-Schelte wie stets die Hand am Puls. Außerdem wird für manchen Neues dabei sein, so dass man zunächst einmal pauschal empfehlen kann, den Film wegen seiner Inhalte anzuschauen.
Was nicht heißt, dass man alles unterstreichen kann, was da präsentiert wird: Gerade Roosevelt beispielsweise war einer der übelsten Bürger-Ausbeuter. Er hat für seinen Europa-Feldzug die gesamten Goldvorräte der US-Bevölkerung eingezogen, den Pearl-Harbor-Überfall provoziert und damit sein Volk gegen dessen Willen durch dieses ungeheure Verbrechen und das Opfern von 2000 eigenen Soldaten in einen Kríeg gelockt, der zwar "gewonnen" wurde, nichts desto trotz aber einen erheblichen Blutzoll auch auf Seiten der Alliierten gefordert hat und - wie jeder Kríeg - deutlich mehr gekostet hat, als er je hätte bringen können. Aber natürlich müssen die Bürger die Kosten aufbringen, den Profit kassiert die Kleptokratie. Diesen Mann, der den angeblichen Erzfeind noch bis zuletzt mit kriegswichtigem Material versorgt hat, präsentiert Moore tatsächlich als Vorbild - bloß weil er in einer letzten Ansprache in dreistester Lügerei nochmal alles versprochen hat, was sich "die Menschen da draußen" immer so wünschen. Wohl wissen, dass weder er noch einer seiner Mitganoven jemals auch nur einen Federstrich dieser Gesetze umsetzen würden.
Dennoch. Moore zeigt an vielen Beispielen nachvollziehbar auf, dass Fehlentwicklungen nicht trotz, sondern wegen Kapitalismus stattfinden, dass Kapitalismus menschenfeindlich ist und sich sogar letztlich sogar selbst zerstört. Er macht weiter deutlich, dass genau diejenigen, die am härtesten unter dem Kapitalismus leiden, ihn am eifrigsten verteidigen: Jeder arme Strampler hält sich nämlich für den Milliardär - und somit den Kapitalisten von morgen.
Logischerweise richtet sich also dieser Film nicht an die vielen Rezensenten mit gutem Verständnis und Überblick, sondern an Menschen, die jeder Kritik an - wie sie es verstehen - "Freiheit und Demokratie" äußerst skeptisch gegenüberstehen, also an die hierzulande so genannte "schweigende Mehrheit". Eine Mehrheit, die neben ihren politischen Einstellungen auch ihre Sehgewohnheiten teilt, also gewohnt ist, alles und jedes in professioneller Verpackung serviert zu bekommen.
Hier muss Kritik erlaubt sein. Michael Moore ist kein Anfänger mehr, und er sollte inzwischen über ausreichende Mittel verfügen, professionelle Filme abzuliefern. Er wäre auch nicht mehr darauf angewiesen, alles mehr oder weniger gut selbst zu machen.
Aber von Professionalität ist dieses Werk offensichtlich weiter entfernt als seine Vorgänger, schon gar als beispielsweise ähnlich semi-professionelle Filme wie "Loose Change" oder der Al Gore - Film. Pointiert formuliert: Wenn man Wahrheiten wie die dieses Films möglichst wirkungslos verpuffen lassen will, muss man sie genau so präsentieren, wie Micheal Moore das getan hat. Er wirkt - fachlich gesehen - eigenbrötlerisch. Seine "Gegner" hingegen lassen sich in jeder Geste, jedem Handgriff, jedem Wort beraten - so hat Moores Message keine Chance beim Massenpublikum.
Was vielleicht auch gut ist. Denn Moores erklärte "Lösung" - mehr
Demokratie - war und ist ja genau die Form der Ausbeutung, welche die Umverteilung des Kapitals bisher am besten von allen gestemmt hat: Musste man in "härteren" Staatsformen die Menschen noch zwingen, geben sie im Kapitalismus ihre Arbeit und ihr Vermögen ja sogar gerne und freiwillig bei der Kleptokratie ab. Wäre Demokratie nicht des Kapitals liebstes Kind, hätten wir andere Staatsformen.
Fazit: Meinungsmultiplikatoren, die die belastbaren Botschaften Moores ernst nehmen, wird es ohne Zweifel geben - aber keiner von denen, egal, wo er steht, wird vermutlich deswegen seine Ausrichtung korrigieren. Die einen werden ihre Argumente ergänzen, die anderen daran arbeiten, genau diese gekonnt und professionell vom Tisch zu wischen.
Echt schade um die teilweise guten Ideen und interessanten Gedanken.
film-jury 4* A0705 27.8.2011eg Genre: Dokumentation