Der 1945 geborene Soziologe Wolfgang Pohrt schöpft aus seinem langjährigen Erfahrungsschatz als Kenner der bundesdeutschen Geschichte. Ungerührt legt er den Finger in die gesellschaftliche Wunde: Was bringt uns die gegenwärtige Krise? Ist es überhaupt eine? Ist es sinnvoll mehr Bildung zu fordern? Mehr Kommunismus zu wünschen? Sollen sich Reiche in gated communities einkapseln?
Ähnlich, wie wir uns nicht über die Gesetze der Evolution erheben können, die uns dahin steuern, unsere Art über den Globus immer weiter auszubreiten, haben wir mit dem Kapitalismus ein System gefunden (oder es hat uns gefunden), das Naturgesetzen zu unterliegen scheint. Ein System, das unserer Art perfekt entgegenkommt und wie die Natur, zwar Opfer fordert, aber nie sich selbst in Frage stellt.
Neben diesem biologischen Aspekt kann man durchaus auch einen theologischen im Kapital sehen, was Pohrt dazu veranlasst (Islamdebatte, 9/11), die monotheistischen Religionen zu kritisieren. Tatsächlich erscheinen sie in ihrem Monopolanspruch nicht mehr zeitgemäß und eignen sich vor allem als Vorwand für kriegerische Auseinandersetzungen.
In Kriegen hat Europa viel Erfahrung, neben sinnlosem Gemetzel brachten sie in der Folge auch unerwartete Innovationen. Offentsichtlich kann sich Europa nur gewaltvoll zu Höchstleistungen aufraffen.
Die Globalisierung erscheint aus eurozentrischer Sicht unheilvoll, sieht man sich doch nun mit den einst Unterjochten auf einer Stufe, wenn nicht sogar im Hintertreffen, denn Europas Gesellschaft ist alt und dekadent geworden.
Wolfgang Pohrt hat die 68er Bewegung miterlebt. Viele Ideale sind auf der Strecke geblieben. Auch bei den jetzigen Protestbewegungen ist Skepsis angebracht, hinsichtlich ihrer Ziele und ihrer Veränderungskraft.
Insgesamt fasst Pohrt in seinem Büchlein vieles zusammen, was man sich schon so gedacht hat, gewürzt mit einigen neuen Aspekten. Sehr schöne Schrift für einen gepflegten Abend.
Um noch einmal auf den Kapitalismus zurückzukommen: Das Taschenbuch könnte im Preis etwas günstiger sein. Am besten nicht horten, sondern nach dem Lesen weiterschenken.