Über dieses Buch habe ich mich geärgert. Das lag nicht am Thema; denn was für ein Leben
wird uns vorgestellt! Der Lebensweg Hellmuth von Mückes (1881-1957) vom hoch
dekorierten kaiserlichen Marineoffizier bis zum desillusionierten Vater, der seinem Sohn
die Kriegsdienstverweigerung in der Bundesrepublik empfiehlt.
Als Erster Offizier führte von Mücke den Landungszug des Kleinen Kreuzers SMS
»Emden« in einer monatelangen Odyssee von den Cocos-Inseln über Sumatra durch die
arabische Wüste zurück nach Deutschland.
Doch das eigentliche Abenteuer seines Lebens sollte erst noch beginnen. Nur kurz seien
die wichtigsten Stationen skizziert: 1921 bis 1929 Mitglied in der NSDAP,
Landtagsabgeordneter in Sachsen. Austritt aus der NSDAP und publizistische Arbeit gegen
Hitler. Nach Hitlers Machtergreifung erhält von Mücke Schreib- und Redeverbot; seine
Emigration wird verhindert. Kurze Zeit wird er im Gestapo-Gefängnis Fuhlsbüttel
inhaftiert. Seine freiwillige Meldung zur Kriegsmarine wird wegen politischer
Unzuverlässigkeit abgelehnt.
Hellmuth von Mücke wird zwar 1948 als Verfolgter des NS-Regimes anerkannt, erhält aber
keine Entschädigung. Leidenschaftlich tritt er gegen die Remilitarisierung der
Bundesrepublik auf. In einer Zeit, in der alte Nazis in der Bundesrepublik Karriere
machten, wird dem unbequemen von Mücke Streichung der Pension und
Zwangspsychiatrisierung angedroht.
Sein ehemaliger militärischer Gegner hatte sich fairer verhalten, wenigstens laut Hofer:
Als nach Kriegsende britische Soldaten das Haus der Familie nach Waffen durchsuchen
wollten, stellte sich von Mücke als ehemaliger Erster Offizier der »Emden« vor. Der
britische Offizier salutierte und verließ mit seinen Männern das Haus.
Weshalb habe ich mich geärgert? Im deutschen Wikipedia-Artikel zu Hellmuth von Mücke
(eingesehen am 27. 10. 2009) wird dieses Buch als Magister-Arbeit ausgewiesen.
Ich kann nicht glauben, daß dies eine wissenschaftliche Arbeit ist, so nachlässig und
fehlerhaft wird der Inhalt dargeboten. Ich rede jetzt nicht von einigen Druckfehlern, die
jeder übersehen kann. Die erschreckend häufigen Verstöße gegen Grammatik und
Zeichensetzung lassen auf Gleichgültigkeit des Autors und des Herausgebers der Reihe
schließen. Sollte es Unfähigkeit sein? Jedenfalls fühle ich mich als Leser und Käufer
mißachtet.
Hier nur einige Beispiele:
S. 5: Den Namen C. S. Forester hätte Hofer richtig abschreiben können.
S. 10: Hofer zitiert nachlässig und falsch. Der Absatz »Im Herbst 1913 kam Hellmuth von
Mücke nach Ostasien ... wird zwar als Zitat aus Lochners Buch »Die Kaperfahrten des
Kleinen Kreuzers Emden« ausgewiesen, enthält Fehler und Zutaten von Hofer.
Seite 10, Fußnote: Hofer übernimmt die falsche Schreibweise >Pour le Merit< von Lochner,
Text zum Foto Karl von Müllers nach S. 128.
S. 10, Fußnote 11: Die Bewaffnung der »Emden« wird nicht richtig dargestellt.
S. 11: von Mückes Vorgänger als I.O. der »Emden« hieß Peucer. Auch diesen Namen hätte
Hofer von Lochner richtig übernehmen können.
S. 15: der Gegner der »Emden« hieß HMAS »Sydney«; die Abkürzung steht für: His/Her
Majesty's Australian Ship.
S. 22: So zitiert Hofer: »Dies wäre als böswillige Erschwerung der Pilgerfahrten nach
Mekka aufgefasst worden, und hätte den Islam in Erregung gebracht.« Bei Lochner (S.
317): »Dies wäre zu leicht als böswillige Erschwerung der Pilgerfahrten nach Mekka
aufgefaßt worden und hätte den Islam in Erregung bringen können, was England
vermeiden wollte.«
S. 33: »An Bord eines Schiffes fühlte er sich wohler als auf dem glatten diplomatischen
Bankett.« Da ist wohl >Parkett< gemeint.
Schluß mit dem Elend! Nach meiner Lektüre bot das korrigierte Werkchen einen ähnlich
erbarmungswürdigen Anblick wie das zerschossene Wrack der »Emden« auf dem Riff von
North Keeling.
Hätte nicht der Herausgeber das Manuskript lesen, gar den Autor beraten sollen?
Schließlich übernimmt er mit seinem Namen die Verantwortung für die Reihe. Aber was
soll man von einem Verlag halten, der erklärt: »Die Reihe diplomica ist entstanden aus
einer Zusammenarbeit der Diplomagentur diplom.de und dem Tectum Verlag.« In der Tat,
hier ist der Dativ dem Genitiv sein Tod.
Wo bleibt das Positive? Andreas Hofer hatte noch Gelegenheit, von Mückes Sohn Dirk und
dessen Frau zu sprechen. Er teilt durchaus einige interessante Fakten mit, aber der
verärgerte Leser muß sie sich aus einem sprachlich unzulänglichen Text herausklauben.
Wer so stümperhaft arbeitet, der muß sich nicht wundern, wenn seine Glaubwürdigkeit
angezweifelt wird. Was stimmt denn wirklich von dem, was Hofer mitzuteilen hat?
Es muß Hofer doch klar gewesen sein, daß er sich an ein Fachpublikum wendet. Hat er nie
daran gedacht, daß man seine Arbeit auch lesen würde? Wenn dies wirklich eine
Magister-Arbeit ist, bei wem ließ der betreuende Professor lesen?
Nun könnte man mit einem Lachen dieses Machwerk dem wohlverdienten Vergessen
überlassen, wenn nicht für einige Zeit der Name Hellmuth von Mückes mit diesem Pfusch
verbunden würde. Das betrübt mich.
Eine vertane Chance. So bleibt der Wunsch nach einer besseren Darstellung; denn der
eigensinnige und aufrechte Hellmuth von Mücke hätte eine gediegene wissenschaftliche
Arbeit verdient. Das vorliegende Büchlein ist sie jedenfalls nicht.
Georg H. Peters, Hamburg