"Kapitän Nemos Bibliothek" ist nach "Gestürzter Engel" erst das zweite Werk Enquists, das ich gelesen habe - und erneut wurde ich nicht enttäuscht. Der Schwede schafft es dank einer herrlichen, mal poetischen, mal dialektal angehauchten Sprache, einer bittersüßen Stimmung und einer dunkel-melancholischen Atmosphäre gekonnt, den Leser von Anfang an in den Bann zu schlagen und bis zuletzt zu fesseln. Die Geschichte zweier schwedischer Jungen, die bei der Geburt vertauscht und erst sechs Jahre später wieder zurückgetauscht wurden, berührt zutiefst und wirkt noch lange nach. Statt auf sentimentalen Betroffenheitskitsch, den so mancher andere Autor vermutlich aus diesem Thema gemacht hätte, setzt Enquist auf beinharten, direkt aus dem Leben gegriffenen Realismus, der zwar oft unangenehm wirkt, dem Geschehen aber dennoch die nötige Glaubwürdigkeit und Tiefe verleiht.
Doch "Kapitän Nemos Bibliothek" ist mehr als nur die Suche zweier Jungen nach ihrer eigenen Identität. Es ist zugleich auch eine Reflexion über die Einsamkeit, die Unergründlichkeit der Liebe, die Frage nach Schuld, Verlangen, Vertrauen, die Suche nach (der Erlösung und Unterstützung durch) Gott und letzlich auch über die Fantasie und dem Verfallen des Wahnsinns als letzte Zuflucht vor der grausamen Realität.
Jede Zeile dieses Romans, den ich nahezu atemlos und regelrecht süchtig verschlungen habe, habe ich genossen und mir auch noch Tage danach den Kopf zerbrochen über die vielen Fragen, die noch unbeantwortet bzw. für die eigenständige Reflexion des Lesers offen blieben. "Kapitän Nemos Bibliothek" ist ein hochliterarischer Lesegenuß, der zwar einiges vom Leser fordert und abverlangt, aber nichtsdestotrotz ein echter Gewinn ist. Sehr empfehlenswert.