Seit 1978 lese ich die Romane von Clive Cussler - stets mit einem Schmunzeln und stets mit einer Mischung aus Faszination und Skepsis. Denn angesichts von Clive Cusslers meist perfekten Mixturen, welche die teilweise hanebüchenden Räuberpistolen durch ein sauber recherchiertes Faktengemenge wettmachen, darf man sich als großes Kind beim Lesen fühlen. Seine Werke sind i.d.R. Pageturner, die dabei dennoch Wissen vermitteln und ohne zu langweilen auf globale Zusammenhänge hinweisen. Jedoch muss ich einschränkend sagen, dass die alten "Dirk Pitt" Romane von CC für mich seit eh und je etwas absolut Faszinierendes hatten, da ich gerade mal 12 Jahre alt war, als ich durch CC in eine Art James-Bond-Welt eintauchte. Mein Blick auf das OEvre des Schriftstellers ist also ein wenig verklärt, man möge es mir nachsehen :-)
Wieviel von Clive Cussler`s Schreibe noch in seinen eigenen aktuellen Romanen handwerklich drinsteckt, kann ich nicht beurteilen. CC hat es im Laufe seiner jahrzehntelangen Karriere hervorragend verstanden, Co-Autoren zu gewinnen und diese für sich schreiben zu lassen. Das erinnert fast schon an ein Franchisekonzept (welches mit über 150 Millionen verkauften Büchern weltweit anscheinend bestens aufgeht). Erst war es der eigene Sohn Dirk, der mitschrieb, dann ein gewisser Paul Kemprecos (in den "NUMA-Files"), dann Craig Diergo in der "Oregon-Serie". Und nun ist mit Jack DuBrul der nächste Autor in der "Oregon-Serie" dabei, und liefert gemeinsam mit CC nach TODESFRACHT, SCHLANGENJAGD UND SEUCHENSCHIFF im hier besprochenen Buch KAPERFAHRT Story Nr. 4 ab. Respekt, lieber Clive Cussler, Sie haben Ihre mitschreibenden Leute anscheinend fest im Griff :-)
KAPERFAHRT liest sich auch isoliert - ohne dass man irgendein Werk von Cussler kennt - sehr flott. Im Mittelpunkt steht erneut die "Oregon", ein amerikanisches Spionageschiff einer privaten Company, welches als Frachter getarnt im geheimen Unterdeck eine hypermoderne Kommandozentrale besitzt und in den Gewässern dieser Erde Jagd auf Schurken macht.
Diesmal beginnt das (politische) Abenteuer vor der Küste Somalias und die real existierende Person Mohammad Didi, ein Warlord im somalischen Bürgerkrieg und auf der Fahndungsliste der CIA, soll vor den internationalen Gerichtshof entführt werden. Später verlagert sich das Geschehen nach Tunesien bzw. Libyen. In weiteren Handlungsebenen tauchen bekannte Figuren aus dem Clive Cussler- und NUMA-Universum auf, allen voran Cross-Over-Character St. Julien Perlmutter, "der größte Militärhistoriker aller Zeiten" (was natürlich erfunden ist, aber CC-Fans freuen wird). Ebenso eine tunesische Archäologentruppe, die üblichen Verdächtigen in Washington, eine entführte US-Außenministerin. Zentrale Rolle spielt ein Artefakt (eine Schriftrolle); wie meist immer in CCs Romanen.
Die etwas klischeehaft aber in diesem speziellen Genre glaubwürdig und sympathisch wirkenden Serienhelden (allen voran Kapitän Juan Cabrillo) treten einmal mehr überzeugend auf und ziehen in einen Kampf Gut gegen Böse. Dass bewährte Muster, in jeder Gefahrensituation stets ein Zauberkaninchen im Hut zu haben, funktioniert auch hier tadelos. Der Roman ist wie Disneyland für Erwachsene, es wird geballert und gekämpft und mit viel Technik und Heldentum aufgewartet. Die Deppen sind immer die Gegner, das kennt man von Bond, James Bond :-)
Wer einfachsten amerikanischen Hurra-Patriotismus im Roman KAPERFAHRT sieht, darf diesen durchaus kritisch anmerken. Dieser kommt schon im Cussler-typischen Prolog vor, wo eine Auseinandersetzung auf See vor Tripolis beschrieben wird (1803 spielend). In einer historisch belegten Auseinandersetzung zwischen der USS PHILADELPHIA und einem nordafrikanischen Piratenschiff wird über die Denkweise der damaligen Islamisten von den Autoren geschrieben: "Sie hassen uns, weil wir anders sind als sie. Und dann, und dies ist wohl der wichtigste Grund, hassen sie uns auch, einfach weil sie glauben, das Recht zu haben, un zu hassen". Nun ja, Cussler und DuBrul haben die hier zitierten Worte zwar einem Protagonisten untergejubelt, aber der Kampf gegen den (islamistischen) Terror wird hiermit quasi aus amerikanischer Sicht begründet.
Fazit: Ein reiner Pageturner mit hohem Unterhaltungswert, den man ohne schlechtes Gewissen lesen darf. CORSAIR (KAPERFAHRT) kam/kommt beim amerikanischen Publikum sehr gut an; von den "Amerikahassern" hierzulande wird er wohl eher kritisch beäugt. Clive Cussler Fans werden m.E. hingegen ihre helle Freude an diesem Werk haben, funktioniert doch die Rezeptur aus Abenteuer, Spannung, exotischen Kulissen, Verschwörungstheorie, aktueller Weltpolitik, schönen Frauen, schnellen Fahrzeugen, draufgängerischen Typen usw. nach bewährtem Strickmuster à la 007.
KAPERFAHRT ist keine Weltliteratur im Sinne von bleibender Dichtungskunst, aber ein würdiger Vertreter seiner Gattung, die Literaturexperten als "Airport Novell", also schnell und unterhaltsam weglesende Lektüre bezeichnen, während man auf den nächsten Anschlussflug wartet. Die deutsche Übersetzung durch Michael Kubiak wird dem Original weitestgehend gerecht, die Dialoge sind pointiert und geschliffen.
Wenn "Publishers Weekly" schreibt, dass dieser Roman "Hochgeschwindigkeits-Nervenkitzel" sei, so ist dies zwar effekthascherisch und werbewirksam für den Klappentext nützlich, übertreibt jedoch ein wenig. Es gibt zwar keine grundsätzlichen Hänger über die gesamte Distanz, aber eine doch etwas naiv dargestellte Islamkritik und einen etwas mit maritimen Begriffen überfrachteten Einstieg im Prolog. Dafür einen Punkt Abzug; also ein "Top" anstatt ein "Grandios".