"Jack Burn stand auf der Terrasse des Hauses hoch über Kapstadt und schaute zu, wie die Sonne sich im Meer ertränkte."
Mit diesem poetischen Einstieg wird der Leser in eine traumhafte Idylle eingetaucht, aus der er nur zwei Seiten später schweißgebadet und geschockt wieder auftaucht. Jack Burns, ein gestrauchelter amerikanischer Glücksspieler auf der Flucht vor dem FBI ist mit seinem Sohn Matt und seiner hochschwangeren Frau Susan nach Kapstadt auf den vornehmen weißen Vorort Signal Hill geflüchtet. Durch einen dummen Zufall werden sie willkürliche Opfer eines bewaffneten Raubüberfalls. Der Kriegsveteran Jack Burn fackelt nicht lange und tötet die beiden Einbrechen in Notwehr. Willkommen in Kapstadt."
Diese Tat zieht einen Rattenschwanz von Gewalttaten nach sich und entwickelt sich zu einem wahren Albtraum für die junge Familie. Gejagt vom korrupten, rassistischen Bullen Rudi Barnard, der seinerseits im Kreuzfeuer einer Sondereinheit zur Bekämpfung der Korruption aus Johannesburg steht, führt die Verfolgungsjagd durch die Townships von Kapstadt, der Welthauptstadt von Vergewaltigung und Mord", dem Luftschloss auf einer Jauchegrube".
Gewalt ist an der Tagesordnung, ebenso wie Rassendiskriminierung, Misshandlung, Korruption und Willkür. Denn Kapstadt ist nicht mal klimatisch gesehen ein schöner Ort. Im Sommer ist es unerträglich heiß, und im Winter überflutet das Meer die Stadt. Zwei Drittel (!) der Bewohner leben auf der Schattenseite, die mit den Bildern auf den Postkarten nicht viel zu tun hat. Die Cape Flats. Wo jeden Tag mehr Menschen eines gewaltsamen Todes starben als in einem Kriegsgebiet. Wo Kinder spurlos verschwanden und ihre geschändeten Körper irgendwann in Kisten unter den Betten von Nachbarn gefunden wurden."
Mit wenig schmeichelhaften Worten wird Inspector Rudi Barnard beschrieben. Der fette stinkende Gatsby füllte den Türrahmen komplett aus." Ein Gatsby mit allem" ist das Lieblingsessen des Polizisten, der Döner Südafrikas. Er kaut wie ein Nilpferd, stinkt zum Himmel und sein Mundgerusch läßt seine Gegner ins Koma fallen. Also, ein richtig angenehmer Zeitgenosse. Zudem gehört er zur Gruppe der wirklich miesen Cops, die sich auf Kosten des südafrikanischen Fortschritts bereichern und alles erschießen, was sich nicht rechtzeitig vor ihnen verstecken kann.
Roger Smith ist neben Deon Meyer die zweite Stimme Südafrikas. Er hat sich verliebt in eine Schwarze aus den Townships von Kapstadt, die heute eine Beratungsstelle für misshandelte Kinder leitet. Von den erzählten Geschichten bekommt er Alpträume und so schreibt er gegen seine überschäumende Wut an. Denn das Schreiben ist für ihn die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden. Und diesen realistischen Bezug spürt der Leser. Es handelt sich nicht um fiktionale überzogene und häufig pornographische Gewalt, die in vielen amerikanischen Thrillern an der Tagesordnung ist. Vielmehr handelt es sich im vorliegenden Buch um nur allzu realistische Protagonisten, die Smith so oder ähnlich persönlich begegnet sind. Die Charaktere von Rudi Barnard, Disaster Zondi und Benny Mongrel beruhen auf realistischen Vorlagen. So ist es kein Wunder, daß sein Schreibstil um einiges härter und schonungsloser ist als der von Deon Meyer. Ähnlich ist beiden das durchgehend spannende Erzählen in verschiedenen Handlungssträngen, die kunstvoll miteinander verknüpft werden und den Leser von Kapitel zu Kapitel hetzen lassen. Zu Beginn erfolgt bei beiden Schriftstellern ein Auftakt wie ein Paukenschlag und am Ende folgt ein fulminanter Showdown. Beide üben Gesellschaftskritik auf hohem literarischen Niveau. Weder Deon Meyer, noch Roger Smith kann man aus der Hand legen, hat man einmal mit dem Lesen angefangen.
Für mich war der Debutroman von Roger Smith ein blutiger, harter und schonungsloser Ausflug in eine real existierende Welt. Ich kann gut verstehen, daß viele Leser kaum glauben können, daß so etwas heutzutage in unserer Welt passiert. Bin selbst auch noch völlig fassungslos und viele Bilder aus diesem Thriller werden mich noch eine ganze Weile verfolgen. Dennoch hat Smith einen inspirierenden literarisch anspruchsvollen Schreibstil, der das Grauen und die Schrecken in eine glaubhafte Form bringt. Dieses Buch ist sicher nichts für schwache Gemüter. Doch wer sich ehrlich mit realistischen Gegebenheiten einer benachteiligten Welt auseinandersetzen möchte, dem sei Roger Smith, wie auch Deon Meyer sehr ans Herz gelegt. Die Filmrechte für "Kap der Finsternis" sind bereits verkauft und ich werde mir den Film sicher ansehen, sobald er in Deutschland in die Kinos kommt.