Neue Zürcher Zeitung
Francisco Coloane erzählt vom rauhen Ende der Welt
In Lateinamerika ist Francisco Coloane ein bekannter Autor. Für Pablo Neruda war er ebenso ein Begriff, wie er es für Alvaro Mutis ist, zu dessen bevorzugten Motiven auch der Seefahrer gehört. In seiner Einführung zu «Feuerland» vergleicht ihn Luis Sepúlveda mit Joseph Conrad und Herman Melville allerdings agieren die Helden Coloanes mehr an Land als auf See. Es sind «mutige Männer, deren Herz nichts anderes als eine zusätzliche geballte Faust» ist, die auf Feuerland und auf Kap Hoorn Robben jagen oder nach Gold suchen, auf Farmen Sklavendienste verrichten oder in Banden kriminell werden. Was wir aus den Geschichten des «Wilden Westens» der USA kennen, wird hier in einer ganz eigenartigen Variante erzählt, denn noch vor den Menschen steht die rauhe Natur im Mittelpunkt, mit unerbittlich heulenden Stürmen, Schnee in hohen Verwehungen und einem für seine tückischen Strudel und Strömungen berüchtigten Meer. Immer geht es für die Beteiligten ums Überleben, sei es bei Kälte, Hunger oder Einsamkeit. Hierhin verschlägt es zumindest in Coloanes Geschichten nur noch die letzten der Hoffnungslosen, verzweifelte Glücksucher, deren Los eine Niete ist. Zum Beispiel Denis. Zureiter und Schlachter auf einer Farm, wegen ferner englischer Vorfahren und trotz seiner olivenfarbenen Haut immer noch Gringo genannt, will er wie so viele andere ein neues Leben beginnen. Dafür lässt er sich auf einen Aussenposten versetzen, wo doppeltes Gehalt bezahlt wird, «weil es eine teuflische Gegend ist». Die Einsamkeit will er nicht mit der Flasche überwinden wie die anderen, sondern mit seiner frisch angetrauten Frau, die bis zur Hochzeit eine Hure war. Auf dem Aussenposten hatte sich zuvor ein Chilene erhängt, ein Schotte den Verstand verloren, und bald ist es auch mit Denis soweit: Zuerst tötet er in einer Art Schlachtwahn seine Frau, dann verläuft er sich in der eisigen Steppe.
Oder die beiden Robbenjäger, die eine «kehlige Mischung aus Spanisch und Englisch» reden, wenn überhaupt, denn das ewige Alleinsein hat sie «der Gabe beraubt, Gedanken zu spinnen». Immerhin schwebt ihnen dasselbe vor, als ein entflohener Sträfling auftaucht und als Gegenleistung für Essen anbietet, sie zu einer Wurfhöhle auf einer Insel bei Kap Hoorn zu führen, in der die Robben ihre Jungen bekommen. Dort schlachten die drei ein paar Tage lang die Jungtiere ab, bevor sie noch ganz aus den Mutterleibern gekommen sind. Nach dem Robbenschlag, als es ans Teilen gehen sollte, lassen die beiden den Sträfling zurück. Coloane beschreibt das Ende dieses Mannes in wahnhaften Bildern; von den beiden andern lässt er in einem Nachsatz berichten, man habe ihren Kutter verlassen aufgefunden.
Während andere Schriftsteller die Stimmungen des Wetters zur Illustration der Gemütslage ihrer Helden verwenden, macht die Natur bei Coloane kurzen Prozess: Es ist eine endgültige Rauheit, der die kruden Gedankenrudimente seiner Figuren entsprechen. Differenzierte Empfindungen, Zärtlichkeit unter Liebenden oder Kameradschaft unter Schicksalsgefährten das gibt es kaum in dieser Welt der Gewalt, wo ein Wortwechsel mehr Kraft kostet als ein Messerstich. Um so mehr fühlt man sich denen von Coloanes Helden verbunden, die ein wenig Menschlichkeit, Mitgefühl und Charakter bewahrt haben.
Francisco Coloane ist der Sohn eines Walfängerkapitäns, 1910 kam er auf einer der Inseln an der pazifischen Seite der patagonischen Kordilleren zur Welt, fuhr selber zur See und lebte mit den Menschen, die er in seinen Erzählungen beschreibt. Als er 1941 diese Sammlung vorlegte, galt die kurze Erzählform nicht viel in Lateinamerika: Auf den «grossen Roman» zielte der allgemeine dichterische Ehrgeiz. So brach Coloane, den Sepúlveda als einen an die zwei Meter grossen Seebären beschreibt, als ein Fremdling in eine geschlossene Szene ein und wurde für die jüngere Generation, die die übernommenen europäischen Ideale überwinden wollte, zum Vorbild.
«Die Niederlage hatte sich an ihre Fersen geheftet.» So beginnt der schon länger vorliegende Erzählband Coloanes, «Feuerland» . Auch hier sind die Helden Desperados aller Länder, die vom Leben allenfalls noch einen matten Abglanz von Glück erhoffen. Dies Buch ist kaum neuer als «Kap Hoorn» , es wurde 1956 in Santiago veröffentlicht, als Coloane schon ein populärer Schriftsteller war, und es erfüllte die Erwartungen aller, die dasselbe noch einmal wollten.
Rudolf von Bitter
Kurzbeschreibung
carpe.com
Francisco Coloane, der unter Seeleuten, Fischern, Walfängern, Robbenjägern, Tauchern und Schatzsuchern aufwuchs, weiß jede Menge Seemannsgarn zu spinnen. Etwa von jenem Indianer, der auf einem Gletscher erfror und nun mit ausgebreiteten Armen (!) auf einem Eisberg um Kap Hoorn treibt. Oder von jener Schönheit, die den Foltern eines verrückten Tyrannen scheintot entwischt. Oder von windigen Robbenschlächtern, die einem flüchtenden Sträfling das Geheimnis einer Robbeninsel für eine warme Mahlzeit abkaufen, um ihn schließlich in eine tödliche Falle zu locken. Oder von einem Pferd, das aus Rache einen Pferdebändiger und Fohlenschlächter umbringt. Überhaupt sind Tiere bessere Menschen!
Coloane erzählt vierzehn Geschichten, eine haarsträubender als die andere, in einer Sprache, die pathetischer nicht sein könnte: "und als Subiabre auf der Estanzia anlangte und seinen Fuchs auf der Koppel absattelte, stand der Mond schon hoch am gestirnten Himmelsrund" -- eine Schäferidylle aus diesem Jahrhundert, wenn auch aus Südamerika. Der hochdekorierte Autor, Jahrgang 1910, der im Klappentext mit Pablo Neruda, Joseph Conrad und Hermann Melville verglichen wird, erzählt Mythen, Märchen und Legenden aus einer der extremen Gegenden dieser Erde und zementiert dabei leider zahllose Gemeinplätze. --Matthias Kehle