Mit Spannung habe ich die Veröffentlichung der Adventskantaten von John Eliot Gardiners Cantata Pilgrimage erwartet - heute ist sie nun bei mir eingetroffen. Hier mein erster Eindruck:
CD1
Beim ersten Ton der CD1 fällt sofort der große Nachhall der Aufnahme auf. Die Akustik ist bei allen SDG-Kantaten-CDs etwas anders, da es sich ausnahmslos um Live-Aufnahmen aus unterschiedlichen Kirchen handelt. Nirgens habe ich jedoch einen derartigen Hall wahrgenommen wie bei dieser Aufnahme aus St. Maria im Kapitol / Köln. Auf der positiv-Seite wäre zu verbuchen, dass die Aufnahme insgesamt etwas räumlicher klingt als viele der anderen SDG-Einspielungen. Was die erhabene Wirkung der französischen Ouvertüre im Eingangssatz von BWV61 noch verstärkt, verursacht jedoch beispielsweise im Rezitativ "Siehe, Siehe, ich stehe vor der Tür" den Eindruck, der Solist stehe irgendwo im Hintergrund. -Möglicherweise ein dramaturgischer Ansatz Gardiners, die Stimme Jesu wirklich "vor der Tür" singen zu lassen, den ein oder anderen mag das stören.
Ansonsten ist das Klangbild neben "hallig" als sehr räumlich und durchaus brilliant zu bezeichnen.
Die Tempi zügig, aber viel weniger auf Geschwindigkeit drängend als bei seinen älteren Bach-Einspielungen. Daneben legt er großen Wert auf die musikalische Deutung der Texte. Mal zurückgenommen innig, mal rythmisch beschwingt, dabei immer sehr kontrolliert.
Die Solisten sind erstklassig:
Joane Lunn absolut klar, mühelos und brilliant in "Öffne dich, mein ganzes Herze".
William Towers sehr hell und in sehr angenehmem Zusammenklang mit dem Sopran im Duett "Nun komm der Heiden Heiland" (BWV36)
Jan Kobow mit der Klarheit und Eleganz eines vorzüglich geführten barocken Streichinstruments
Dietrich Henschel von zarter Mystik bei "Siehe, siehe" bis kraftvoll souverän bei "Streite, siege, starker Held".
Der Monteverdi Choir ist in seinen Barock-Interpretationen ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Was Kritiker sicher wieder anführen könnten wäre, das die Interpretation der Choräle bei Koopman, Suzuki und Herreweghe etwas vornehmer ist. Mir gefällt diese kraftvolle, britische Singweise.
Alleine CD1 rechtfertigt die Investition in Folge 13 der Gardiner-Kantateneinspielungen.
So will ich meinen Eindruck von CD2 auch etwas knapper halten:
CD2
Der Eingangssatz von BWV70 stößt in seiner Geschwindigkeit an seine Grenzen. Etwas weniger wäre mehr gewesen und wäre besonders den Trompeten zugute gekommen!
Es fällt auf, dass BWV70 bei Gardiner viel mehr als Musiktheater behandelt wird, als als protestantische Gottesdienst-Musik Ein großen Anteil daran hat der Opern-erprobte Dietrich Henschel, der dem Libretto eine beeindruckende emotionale Bandbreite verleiht. Alles in allem trägt die Kantate den Stempel "opernhaft", was wiederum Freunde und Kritiker finden wird.
Brigitte Geller, meines Wissens Debütantin bei den SDG-Kantaten, singt virtuos und kann insgesamt durchaus begeistern.
Michael Chance, wahrlich kein unbekannter in der Alten Musik, fehlt im Vergleich zu den übrigen Solisten etwas an klanglicher Fülle. Bedenkt man die nicht immer glückliche Wahl der Countertenöre bei Gardiners Kantaten, kann man hier jedoch nicht meckern, gehört Chance doch eindeutig zu den besseren.
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Insgesamt ist SDG162 eine Veröffentlichung, die mich begeistert, die im Vergleich zu den Konkurrenten an einigen Stellen extreme Positionen einnimmt und daher interessant, aber nicht unumstritten bleiben wird.