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"Alle Behauptungen über die fast mechanische Regelmäßigkeit, die Kants Leben beherrschte", meint der in Marburg lehrende Philosophieprofessor, "registrieren in Wirklichkeit mehr die Zeichen seines fortgeschrittenen Alters und das Nachlassen seiner Kräfte, als daß sie den Charakter des Menschen enthüllen, der die Werke konzipierte und schrieb, für die er heute bekannt ist." Kühn macht Schluss mit dem Bild vom kauzigen Eigenbrödler und zeichnet stattdessen das Porträt eines lebenszugewandten und geselligen Freigeistes, weit entfernt vom Pietismus, dem man ihm andichtete.
Das Schwergewicht auf Autonomie als Schlüssel zur Sittlichkeit in Kants Philosophie, seine Legitimation einer autonomen Moralität, die auf der Freiheit des Willens beruht -- all dies gilt dem Autor als Kampfansage gegen jene, die uns versklaven möchten, indem sie unseren Willen brechen. Gestählt durch die bitteren Erfahrungen unter der Knute des Collegium Fridericianum und als Riemerssohn fest verwurzelt in dem auf Ehre bedachten Ethos eines unbeugsamen zünftigen Handwerks, sieht Kühn in Kant in vielfacher Hinsicht einen Vertreter der Avantgarde seiner Zeit.
Natürlich hatte der Mann seine Ecken und Kanten. Das kann auch Kühn nicht verhehlen. Ein trockener Charakter mit trockenem Humor sei er gewiss gewesen. Was aber durchaus nicht schlecht ankam, wie seine vielfältigen Sozialkontakte und seine Jüngerschar an der Universität Königsberg belegen. Kühn macht als entscheidende Zäsur in Kants Leben den Tod seines langjährigen Freundes Joseph Green 1786 aus. Und es sieht tatsächlich so aus, als sei mit dem feingeistigen englischen Kaufmann, dessen prinzipien- respektive maximengeleiteter Lebenswandel Kant so sehr imponierte, ein Teil seiner selbst gestorben.
Manfred Kühns erklärte Absicht war es, eine Biografie vorzulegen, die zugleich den gewandelten Leserinteressen als auch den Anforderungen der Forschung Rechnung trägt. Dies ist ihm mit Bravour gelungen. Das Buch wendet sich übrigens ausdrücklich auch an interessierte Laien, denen der Autor freistellt, die Details aus Kants sperriger Philosophie einfach zu überblättern. --Roland Detsch
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Daher steht eindeutig das Leben von Kant im Vordergrund. Selbstverständlich wird auch auf Kants Lehre hingewiesen, aber wer dieses Buch liest um einen Einstieg in seine Gedankenwelt zu finden, wird sicherlich etwas zu kurz kommen. Will man sich "nur" der Lehre widmen, so sollte man auf andere Werke zurückgreifen. Hingegen erzählt Kühn faktenreich das Leben des Königsberger Philosophen. Er ordnet auch sein Denken in die Geistesgeschichte der Zeit und die Kontroversen und großen Theman von Damals ein. Man bekommt also die Entstehung und den Rahmen der kantischen Philosophie durchaus vermittelt. Darin liegt meines Erachtens ein großer Vorteil des Werkes. So gesehen handelt es sich um eine gelungene Biographie, wenn auch nicht um eine philophische Einführung ins Denken Kants.
Vielleicht hätte man noch etwas mehr über den jungen Kant erfahren. Die "Schätzung der lebendigen Kräfte" wird etwas einseitig betrachtet. Kühn erwähnt nicht, dass Kant seine Theorie durch Experimente stützte, etwa im § 130: "Ich selber habe befunden: daß bei vollkommen gleicher Ladung einer Flinte und bei genauer Übereinstimmung der andern Umstände ihre Kugel viel tiefer in ein Holz drang, wenn ich dieselbige einige Schritte vom Ziel abbrannte, als wenn ich sie einige Zolle davon in ein Holz schoß." Aus einem - vom heutigen Standpunkt - falschen Ansatz kam Kant zu spannenden Aussagen, so wird etwa im § 134 festgestellt, dass es ein (maximale) Grenzgeschwindigkeit geben muss. Zur Beurteilung der Motive und Vorgehensweisen des jungen Kant sollten sich - für künftige Auflagen (immerhin feiern wir bereits 2024 den 300. Geburtstag Kants) - Philosophen und Physiker intensiver austauschen.
Bis dahin begleitet uns diese wertvolle Biographie von Manfred Kühn!
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