Vorweg möchte ich sagen, dass ich das Kanon-Projekt für eine gute Sache halte. Es ist, wie Herr Reich-Ranicki immer wieder betont hat, kein dogmatisches und unantastbares Muss. Es ist eine Empfehlung und kann einem die deutsche Literatur näher bringen. Für jene, die bereits ihren Weg zur deutschen Literatur gefunden haben, kann es eine neue Fundgrube sein, denn die wenigsten Menschen, auch unter den Viellesern, haben wohl alles gelesen, was im Kanon enthalten ist.
Unter den Kanonteilen, die bereits erschienen sind (Romane, Erzählungen, Dramen) halte ich diesen Teil, der sich mit der deutschen Lyrik beschäftigt, für einen der wichtigsten, wenn nicht den wichtigsten. Wieso? Der Romankanon etwa bietet zwanzig der bedeutendsten Romane der deutschen Literatur, allerdings muss wohl kaum jemand, der sich ernsthaft mit Literatur beschäftigt, darauf hingewiesen werden, dass „Buddenbrooks“, „Die Blechtrommel“ oder „Das siebte Kreuz“ bedeutende und lesenswerte Romane sind. Bei den Gedichten sieht es da schon ganz anders aus, wie viele der etwa 1300 Gedichte, die in diesem Kanon enthalten sind, kennt man denn schon. Sicher, einige kommen zusammen, aber der Großteil ist für die meisten doch wohl neu. Wie schade wäre es, diese lyrischen Arbeiten zu verpassen, nur weil man sich unmöglich durch hunderte von Gedichtbänden lesen kann, um irgendwann auf jedes einzelne zu stoßen. Denn ein Dichter hat meistens nicht nur ein paar Gedichte geschrieben, sondern oft hunderte, wenn nicht gar tausende. Aber wie viele von diesen sind wirklich lesenswert, gehören in einen Kanon, der möglichst nur das Beste der deutschsprachigen Literatur bieten will? Das ist sicher Ansichtssache, aber klar ist doch wohl, bestimmt nicht alle. Die Auswahl ist nötig und als Leser mit begrenzter Lesezeit kann man froh sein, wenn einem diese Auswahl, die natürlich ein Durchkämmen unzähliger Gedichtbände und das Lesen zahlloser mittelmäßiger oder schlechter Gedichte voraussetzt, abgenommen wird.