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Kannst Du. [Broschiert]

Benjamin Lebert
2.9 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (39 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Der fragmentarisch anmutende Titel bezieht sich auf ein beliebtes Partyspiel. Jemand erfindet eine Geschichte und fordert den Mitspieler in der Runde auf, diese weiterzuspinnen. Wem nichts einfällt, der ist raus. Im dritten Werk des Senkrechtstarters Benjamin Lebert geht es ja durchaus auch um Versagensängste nach dem großen Erstling, um Schreibhemmung und das Versiegen von Geschichten. Lebert, ein nachdenklicher junger Schriftsteller und meilenweit entfernt von unseren notorischen Popliteraten, unternimmt nun buchstäblich eine Reise ins Quellgebiet des Erwachsenwerdens, die Widrigkeiten und Fährnisse im Leben zweier junger Menschen.

Im Mittelpunkt steht der Erfolgsautor und Ich-Erzähler Tim Gräter, der nach seinem Romanerfolg zum Darling der Branche mutierte (dass Lebert hier die eigene Karriere nach Crazy zum literarischen Gegenstand macht, ist offensichtlich). Den schreiblahmen, am Leben (ver)zweifelnden Melancholiker verschlägt es auf einen Interrailtrip durch Schweden und Norwegen. Mit an Bord, die schräge Zufallsbekanntschaft Tanja. Doch statt des erhofften Sexabenteuers entwickelt diese zutiefst verstörende Züge. Man zeltet, logiert in den besten Hotels oder findet – dank Tims Auslandserfolg – in einer verlagseigenen Villa noble Unterkunft. Ein weiterer hier residierender verruchter Dichterfürst, der sich wild selbst zelebriert, lässt die Sicherungen der selbstzerstörerischen Tanja schließlich ganz durchbrennen.

Es ist das alte Lied. Selbst die federleichteste schwedische Sommerlandschaft wird zum reinsten Katastrophengebiet, wenn im Rucksack die ungelösten Probleme mitreisen. Als Tanja sich gar mit Rasierklingen selbst zuleibe rückt, verdunkeln Mutmaßungen über frühes Leid, Liebe und Tod endgültig die Sommersonne. Überdies begleitet Tims behinderter Bruder, der unlängst Selbstmord verübte, als unsichtbarer Geist die Reisenden. Die immer wieder eingestreuten Lesereisen plus amouröser Erfahrungen des Autors hingegen wirken wie ein Fremdkörper. Zu gerne hätte man die Bekanntschaft mit Tim und Tanja etwas vertieft und mehr über die Ursachen einer Beschädigung erfahren. Diese Akte hat Benjamin Lebert in seinem bittersüßen Reiseroman leider etwas zu eilig geschlossen. --Ravi Unger

kulturnews.de

Zwei kaputte Jugendliche auf gemeinsamer Interrail-Reise durch Skandinavien: Tim ist mit 21 bereits Bestsellerautor, aber für die eigene Befindlichkeit findet er keine Worte. Die 18-jährige Tanja spielt nach außen den Sonnenschein, doch im Verborgenen ritzt sie sich. Unglaublich, wie sensibel und hintergründig „Crazy"-Autor Benjamin Lebert auch im dritten Roman die Gefühlsnöte seiner jugendlichen Helden beschreibt. Schade nur, dass er sich klischeehafte Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb nicht verkneifen konnte. (cs)

Brigitte, 23.5.2006

»Wunderkind, das war mal. Benjamin Lebert ist einfach ein sehr, sehr guter Schriftsteller. Und 'Kannst du' sein bisher bestes Buch.«

Stuttgarter Zeitung, 30.5.2006

»Spannend zu lesen. Die Verzweiflung und Widersprüchlichkeit der Protagonisten reflektiert Lebert mit lyrischen Schilderungen, heftigem Slang und größtenteils stakkato-artigen Sätzen. Ein lesenswerter Roman, mit dem Lebert durchaus an seinen früheren Erfolg anknüpfen könnte, auch wenn er wie schon bei 'Der Vogel ist ein Rabe' ohne den Bonus des Teenager-Autors auskommen muss.«

Welt am Sonntag, 28.5.2006

»In schlichten, aber wunderbar geschwungenen Sätzen schildert Lebert Tims Versuche, Tinas Rätsel auf die Spur zu kommen.«

Der Spiegel, 29.5.2006

»Das Kunststück des Romans 'Kannst du' besteht darin, dass er keine Tragödie erzählt, sondern eine leichte, oft (besonders wenn es um den missglückten Sex geht) auch komische Geschichte. Zwei junge Menschen prallen mit all ihrem ihrem gewaltigen, zugleich schrecklich banalen Lebensunglück aufeinander; und Lebert, 24, schildert das mit schöner Direktheit in einer einfachen, eckigen, poetischen, nur manchmal ein bisschen gesucht schmucklosen Sprache nicht als große Katastrophe, sondern als die allerselbstverständlichste, allerschönste, allertraurigste Sache der Welt.«

Kurzbeschreibung

Gemeinsam gehen Tim und Tanja auf eine Interrail-Reise durch Skandinavien. Die beiden kennen sich flüchtig aus Berlin und treten die Fahrt aus ganz unterschiedlichen Motiven an. Es wird eine Reise in die Extreme der Gefühle, explosiv, zärtlich und schmerzlich verwirrend.
Tim ist jemand, der ein Gefühl hat für Entfernungen. Vor allem für die Entfernungen zwischen Menschen. Sein früher Erfolg als Bestsellerautor hat ihm viel Aufmerksamkeit und so manchen Liebesbrief beschert und ihn rund um denGlobus geführt, aber bei all den Begegnungen war es ihm doch, als sei er nicht wirklich dabei. Froh über den Anstoß, aus seinem solitären Leben auszubrechen, sagt Tim zu, als Tanja, eine Kneipenbekanntschaft, ihn fragt, ob er sie auf ihrer geplanten Interrail-Reise begleiten wolle. Tim schließt sich Tanja an, einer hübschen, fröhlichen und mitten im Leben stehenden jungen Frau, die mit ihren 18 Jahren viel besser zu wissen scheint, wo es langgeht, als der drei Jahre ältere Tim. So wirkt es. Völlig überrascht und hilflos wird Tim dann aber Zeuge von Tanjas nächtlichen Heulanfällen, von ihren verzweifelten Versuchen, sich selbst zu verletzen, die sie aber kurz darauf mit einem fröhlichen"Lass uns nicht darüber reden"wegzuwischen versucht. Beide spüren sie, dass sie einander nicht helfen können, dass sie es vielleicht noch nicht einmal stark genug wollen, weil sie zu sehr in ihren eigenen Kummer vertieft sind. Und dennoch unternimmt Tim in einem gewaltigen Kraftakt einen Rettungsversuch.

Der Verlag über das Buch

Eine Geschichte, die ein Leben retten könnte

Der Autor über sein Buch

9 Fragen an Benjamin Lebert

1. Herr Lebert, was ist Ihr Beruf?
Jungautor, und das bleibt man, insbesondere nach den neuen Rentengesetzen wohl noch etwas länger – ungefähr bis 65.

2. Welches Buch hätten Sie besser nie gelesen?
Keines. Ich bin jedem Buch, das ich gelesen habe, sehr dankbar.

3. Wo steht Ihr Lieblingsschreibtisch?
In einem kleinen schäbigen Zimmerchen auf der “Desolation Row“.

4. Haben Sie ein verborgenes Talent?
Ja, ich habe ein herausragendes Talent dazu, die Umkleidesituation in Fitnessstudios unbeschadet zu meistern.

5. Wer kann die Welt retten?
Jede einzelne Lebensform.

6. Haben Sie Bücher doppelt? Welche?
Ja, Der alte Mann und das Meer, mindestens in sechs verschiedenen Sprachen.

7. Lesen im Bett: Warum schlafen Sie so schnell ein?
Ja, ich lese im Bett und ich schlafe so schnell, weil ich jeden Abend müde machende Medikamente zu mir nehme.

8. Was würden Leute hinter Ihrem Rücken über Sie sagen?
Der hat aber einen Dachschaden.

9. Sie haben einen Tag in Shanghai. Wie verbringen Sie ihn?
Auge in Auge.

Klappentext

»Wunderkind, das war mal. Benjamin Lebert ist einfach ein sehr, sehr guter Schriftsteller. Und »Kannst du« sein bisher bestes Buch.«
Brigitte

»Benjamin Leberts dritter Roman läuft in kleinen Szenen zu Größe auf, wenn er den Protagonisten ganz nah ist. Dann ist »Kannst du« hellsichtig, zart, fast weise.«
Neon

»Spannend zu lesen. Die Verzweiflung und Widersprüchlichkeit der Protagonisten reflektiert Lebert mit lyrischen Schilderungen, heftigem Slang und größtenteils stakkato-artigen Sätzen.«
Stuttgarter Zeitung -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Über den Autor

Benjamin Lebert, Jahrgang 1982, lebt in Hamburg. Er hat mit zwölf Jahren angefangen zu schreiben. 1999 erschien sein erster Roman, "Crazy", der in 33 Sprachen übersetzt und von Hans-Christian Schmid fürs Kino verfilmt wurde.

Auszug aus Kannst du von Benjamin Lebert. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Immer wenn ich traurig bin, versuche ich an Fotoalben zu denken. Immer wenn ich daran zweifle, ob es gut ist, dass ich existiere, blättere ich in meinem Geiste all die Fotoalben durch, Fotoalben verschiedenster Menschen aus verschiedensten Ländern, in denen zufällig und, ohne dass diese Menschen Notiz davon nehmen würden, ein Foto klebt, auf dem ich zu sehen bin.
Fünf japanische Männer vor einem Brunnen in München. Im Hintergrund, am Brunnenrand sitzend: eine dicke, ältere Frau in einer blauen Bluse, die gerade ein Eis schleckt. Zu ihren Füßen, sehnsuchtsvoll zu ihr heraufblickend: ein kleiner Jack-Russell-Terrier. Rechts neben ihr, zwar nicht in ihre Richtung, nicht in Richtung des Eises, doch mindestens genauso sehnsuchtsvoll dreinblickend wie der Hund: ich.
Zwei Schülerinnen an einem winterlichen Tag, an Deck einer Fähre. Um sie herum Leute in dicken Jacken oder Mänteln. Die meisten haben Mützen auf dem Kopf, ihre Hände stecken in Handschuhen. Und alle haben verkniffene Gesichter, weil ihnen der Wind so um die Ohren pfeift. Einer dieser Leute, ein dünner junger Kerl mit blauen Augen und Walkman-Stöpseln im Ohr: ich.
Ein älteres Ehepaar an einem herrlichen Sommertag an der französischen Atlantikküste. Sie hat einen weißen Strohhut auf dem Kopf, er ein Basecap. Beide tragen Strandkleidung und Sonnenbrillen. Er hat seinen Arm um sie gelegt. Über ihnen azurblauer Himmel, hinter ihnen heranrollende Wellen. Seitlich barfuß ins Bild rennend, mit einem Bodysurfbrett unterm Arm, einem von der Sonne verbrannten Oberkörper und einer engen roten Badehose: ich.
Wenn mich also tiefe Traurigkeit überkommt, denke ich daran, dass natürlich auch ich unzählige Fotos besitze, auf denen Leute zu sehen sind, mit denen ich nicht das Geringste zu tun habe, von denen ich nicht weiß, durch was für ein Leben sie gehen. Ob der eine vorübergehend, weil es gerade nicht anders geht, bei den Eltern seiner Freundin leben muss und jetzt mit ihnen durch die Innenstadt spaziert. Ob eine gerade durch ihr Wirtschaftsexamen gefallen ist und jetzt verzweifelt nach Hause geht. Ob einer, der in seinem Heimatland ein Experte für die Fischart Rotauge ist, jetzt gerade mit seinen deutschen Bekannten in einem Café sitzt und sie in die Welt der Rotaugen einweiht. Plötzlich befindet sich diese Person mit ihrem kleinen, um sie kreisenden Universum in unmittelbarer Nähe von mir und meinem kleinen, um mich kreisenden Universum, just in dem Augenblick, in dem der Auslöser eines Fotoapparats betätigt wird. Sicher sind auch wir fotografiert worden. Zusammen. Irgendwo in einer Schachtel befindet sich ein Foto von Tanja und mir, auf unserer merkwürdigen Reise in den Norden. Ich weiß nicht genau warum, aber ich habe die Vorstellung, dass solche Fotos existieren, immer als sehr tröstlich empfunden. Wo immer man auch ist auf dieser Erde, man kann unmöglich verloren gehen.

Tanja kam an einem Juniabend in Berlin an.
Gegen sechs Uhr sollte ich sie vom Bahnhof abholen. Ich stand gegen einen Getränkeautomaten gelehnt. Leute eilten an mir vorbei, Getrappel, Bahnhofslärm, Durchsagen. Auf einmal war sie da.
»Tim!«
Das war der Anfang.
Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und küsste mich. Wir fuhren mit der S-Bahn zu mir.
Da ich noch nie Interrail gemacht hatte, und sie als Pfadfinderin eine Expertin war, hatte sie die Reise organisiert. Sie hatte mir am Telefon durchgegeben, welche Route wir nehmen würden, was alles sehenswert sei, und ich sagte immer: »Jaja, genauso machen wir's!« Sie hatte sogar ein Zelt mitgenommen und einen Rucksack für mich. Einen riesigen roten Wanderrucksack. Natürlich sagte sie mir auch, was ich einzupacken hatte.
Wir setzten uns in die Küche und tranken Wein. Draußen mischte sich Dunkelheit in den Tag. Eine kleine Kerzenflamme tänzelte in einem Glas auf dem Tisch. Lichtflecken zitterten auf der Tischplatte und auf der Wand. Die Rotweingläser schimmerten. Wir redeten wenig. Unsere Blicke hielten einander nicht lange stand. Gut möglich, dass wir uns beide heimlich fragten, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, sich auf diese Sache einzulassen.
Sie hatte zwei Reiseführer mitgebracht, Schweden und Norwegen.
»Damit wir nicht verloren gehen«, meinte sie. Wir legten uns früh schlafen. Und als Tanja ihr T-Shirt über den Kopf zog, meine Hände nahm und sie zu ihren runden, festen Brüsten führte, da wusste ich:
In dieser Nacht würde ich nicht verloren gehen.

Am Morgen darauf stiegen wir in den Zug nach Rostock. Es schien, als ob sich ganz Berlin in diesem Zug befände. Die Leute drängelten. Wir ergatterten gerade noch zwei einzelne Plätze in einem Großraumabteil. Unsere Rucksäcke quetschten wir zwischen andere Gepäckstücke auf den Gang.
Beim ersten Halt kam eine Schulklasse in das Abteil gerauscht. Alle waren ungefähr vierzehn Jahre alt. Sie rauchten, nannten sich Penner und Wichser. Ein fülliges Mädchen wirkte, als wäre es nicht sonderlich beliebt in ihrer Klasse. Zwei Jungen liefen abwechselnd zu ihr hin und flüsterten ihr etwas zu. Sie tippte sich daraufhin mit dem Zeigefinger an die Stirn. Sie tat mir Leid. Später tauchte ein Bundeswehrsoldat auf. Er rauchte am geöffneten Fenster. Der Rauch seiner Zigarette wurde aus dem Spalt gerissen. Er stieg eine Station vor Rostock aus.
Tanja wirkte fröhlich. Immer wieder küsste sie mich.
Im hellen Grün ihrer Augen zeigte sich nichts von dem, was mir später so zu schaffen machen sollte.
Kurz bevor der Zug in Rostock einrollte, half Tanja mir, den Rucksack aufzusetzen. Ich hatte mit diesem Ding so meine Schwierigkeiten.
Es war heiß. Ein strahlend blauer Himmel wölbte sich über der Stadt. Es war so hell, dass man die Augen zukneifen musste. Wir aßen am Bahnhof Currywurst mit Pommes. Und wurden Zeugen eines Streits zwischen den beiden Wurstverkäuferinnen, offenbar Mutter und Tochter. Die Tochter hörte sich die Schimpftiraden ihrer Mutter an und machte mich zu ihrem Verbündeten, indem sie jedes Mal die Augen verdrehte, wenn sich unsere Blicke trafen.
Man merkte, dass Tanja oft und gern mit dem Rucksack unterwegs war. Die Art, wie sie ihn aufsetzte, abstreifte, gegen eine Wand lehnte, das alles zeugte von großer Routine. »Wir müssen los«, sagte sie. »Das Schiff wartet nicht auf uns!«
Ich lächelte der Würstchentochter zum Abschied zu. Sie gefiel mir eigentlich sehr.

In Berlin hatte ich mich seit geraumer Zeit mit einem Mädchen getroffen, das Ines hieß und als Volontärin bei der Literaturagentur arbeitete, die mich vertrat. Ich traf mich mit ihr in Cafés und Restaurants, wir gingen durch Charlottenburg spazieren, ins Kino. Schnitten uns gegenseitig mit unseren Traumscherben ins Fleisch.
Es war die Art von Beziehung, aus der eine ernste Sache oder eine Affäre hätte werden können. Aber die Sache war die: Eigentlich konnte ich sie nicht ausstehen. Sie redete zu viel. War zu geschäftig. In den letzten Jahren war es mir allerdings immer schwerer gefallen, mich überhaupt mit Menschen zu treffen. Ich hatte mich nach und nach isoliert. Manchmal fühlte ich mich so verlassen, dass ich über jede Art von Kontakt froh war. Zu wem auch immer. Und genau in solchen Momenten rief ich Ines an.
An einem Nachmittag im April war ich mit Ines im Café Simon in der Kantstraße verabredet, und sie brachte Tanja mit. Ein blond gelocktes Mädchen mit Sommersprossen, die lustig auf dem Gesicht verteilt waren, funkelnden Augen und nervösen Händen. Tanja trug eine enge Jeans und ein rosafarbenes, ärmelloses Oberteil aus Polyester. Um ihren Arm hatte sie eine farblich perfekt dazu passende Tasche hängen, auf die eine Lilie gestickt war.
»Na, ihr! Wie geht's?« Eine angenehme Frauenstimme.
Leicht norddeutsche Färbung. Sie nickte mir lächelnd zu, beugte sich zu Ines herab und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Die beiden kannten sich aus Bremen. Ihre Familien wohnten schon seit vielen Jahren nebeneinander. Sie setzte sich. »Gibt's hier Eis?«
Sie griff sich die Karte. Als der Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte, kramte sie aus ihrer Tasche eine Zigarettenschachtel hervor und legte die Tasche auf einen leeren Stuhl neben sich. Sie steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen und entzündete sie an der Tischkerze.
»Ines«, sagte sie dann mit vorwurfsvoller Miene, »du hast heut Nacht so dermaßen geschnarcht!«
»Blödsinn!«
»Aber hallo! Man hatte das Gefühl, man würde in einem Freigehege im Jurassic Park übernachten. Wenn ich hier auch nur halbwegs zu meinem Schlaf kommen soll, dann müssen wir das irgendwie anders regeln.«
»Wie denn? Ich habe nur dieses eine Zimmer!«
»Tja, dann musst du wohl im Bad schlafen.«
»Nein, du musst dir eben Ohrenstöpsel besorgen«, antwortete Ines. »So sieht's aus.«
»Wie auch immer. Irgendwie werden wir das schon hinkriegen.« Tanja blies feinen blauen Rauch in die Luft.
»Was ist?«, sagte sie schließlich. »Freut ihr euch auch so auf den Sommer? Ich freue mich tierisch. Ist es nicht herrlich, rauszugehen und zu spüren, dass alles wieder leichter und freier wird um einen herum, dass sich die eisige Umklammerung, in der man so lange gefangen war, nun nach und nach lockert? Oh, ich liebe das!« Während sie das sagte, streichelte sie sich sanft über ihre Schultern und Arme, und ihr Gesicht nahm einen Ausdruck an, als würde sie sich in der warmen Sonne räkeln. Einen Moment kam mir der Verdacht, dass sie mit der eisigen Umklammerung nicht nur den Winter gemeint haben konnte.
Ich erfuhr, dass Tanja noch zur Schule ging. In die zwölfte Klasse. Also musste sie ungefähr drei Jahre jünger sein als ich. Und dass sie gerade Ferien hatte, die sie nutzte, um in Berlin ein Praktikum bei einer Zeitung zu machen, zu der ihre Eltern Beziehungen hatten. Der vorige Tag war ihr letzter Arbeitstag gewesen.
»Weißt du«, sagte sie zu mir, »ich will nicht warten, bis ich mein Abitur hinter mir habe. Es ist besser, früh anzufangen, schon Erfahrungen zu sammeln, damit man später etwas vorweisen kann.«
»Du willst also Journalistin werden?«, fragte ich.
»Ja, das wäre eine Möglichkeit. Aber ganz sicher bin ich mir noch nicht. In den Osterferien habe ich ein Praktikum bei einem Öko-Institut in Freiburg gemacht. Da musste ich Lebensmittelstudien und so was durchführen. Das war eher nervig.«
»Ja«, entgegnete Ines, mit einem Bierdeckel spielend. »Unsere Tanja ist ein cleveres Kerlchen. Wenn sie etwas nicht genug fordert, findet sie es nervig oder langweilig! Das ist auch so, was Männer betrifft.« Sie lachte.
»Hör auf!«, sagte Tanja und verpasste ihrer Freundin einen Schlag an die Schulter. »Das stimmt nicht. Das weißt du!«
Der Kellner trat an unseren Tisch. »Einmal Fruchtbecher!«
»Für mich!«
Während sie mit ihrem Eis beschäftigt war, erzählte sie mir, dass sie Pfadfinderin sei und gerade eine Sippschaft von 13-jährigen Jungs betreuen würde. Die Sippschaft Snoopy. So wie ihr Bruder früher. Ich erzählte ihr, dass ich gerade an einem neuen Roman schrieb. Tags. Nachts. Ununterbrochen.
»Großartig«, sagte Tanja. Ihre Augen strahlten. »Ich bewundere Leute, die so etwas können.«
Beinahe hätte ich geantwortet: Ja, ich auch. Denn genau genommen hatte ich seit langem keine Zeile mehr geschrieben.
»Kunst zu schaffen - etwas Besseres kann man im Leben doch gar nicht machen!«
»Dann solltest du vielleicht nicht Journalistin oder Ökotante werden, sondern Künstlerin!«, sagte ich.
»Ökotante«, wiederholte Ines und fing zu lachen an.
»Künstlerin zu sein wäre schön«, meinte Tanja. »Nur habe ich leider kein Talent.«
Ein paar Herzschläge lang blickte sie mich schweigend an. Schließlich sagte sie: »Berlin ist so toll! Einfach sagenhaft! Wisst ihr, vorhin bin ich mit einem Taxi gefahren. Wir waren in einer schmalen Straße unterwegs, irgendwo in Mitte, und vor uns war so eine Frau, die viel zu langsam war. Da fuhr mein Taxifahrer einfach auf den Gehsteig zum Überholen. Die Leute sprangen zur Seite, haben geschrien. >Huups, was ist denn hier los?<, hab ich gedacht. Stell dir diese Aktion mal in Bremen vor, Ines!«
Sie schwenkte ihren Löffel mit einem Batzen Eiscreme vor unseren Nasen herum: »Will jemand mal probieren?«
Wir bezahlten und verabredeten uns zu dritt für den Abend. Während ich nach Hause marschierte, in Richtung Savignyplatz, fing es leicht zu regnen an. Die gelben, doppelstöckigen Busse rasten an mir vorüber, als wären sie voller Flüchtlinge. Ich kam am Schwarzen Café vorbei, meinem Lieblingscafe. Im Fenster neben dem Eingang leuchtete ein aus lauter verschiedenfarbigen Neonröhren zusammengesetzter Papagei. Er war ein kleiner Freund.
Ich grüßte ihn stumm und lief weiter. In meinen Gedanken führten Tanja und Ines noch immer ihr Gespräch. Zum Schluss hatte es sich hauptsächlich darum gedreht, wie man im Leben etwas auf die Beine stellte. Was und wo man am besten arbeiten sollte, wie man es hinkriegte, irgendwo unterzukommen, und welche Voraussetzungen man dafür bräuchte. Tanja erzählte von einem Freund, der eine Volontärsstelle hatte, von einem anderen, der gerade in Spanien studierte, von einem dritten, der diverse Jobs neben der Schule her machte, von einem vierten, der zwar das Abitur geschafft hatte, aber jetzt gar nichts machte, was sie verwerflich fand. Und zu jedem dieser Freunde hatte Ines mindestens ein ähnliches Fallbeispiel parat. Ich hatte bei diesem Thema geschwiegen. Für mich spielt es keine besonders große Rolle, was einer auf die Beine stellt oder nicht. Whatever gets you thru the night, it's alright, hat John Lennon gesungen. Das fand ich auch.
Für die beiden galt ein solcher Satz jedoch nicht. Vor allem was sie selbst betraf, wirkten sie rigoros. Sie verlangten extrem viel von sich. Über die hohe Arbeitslosigkeit wurde natürlich ebenfalls gesprochen. Und vielleicht störte mich das alles auch nur deshalb, weil ich darüber ins Grübeln geriet, was ich denn eigentlich den ganzen Tag lang tat.
Auf meinem Weg nach Hause änderte ich meine Meinung über Tanja mehrmals. Ich kam an dem Musikgeschäft Klimmbimm vorbei und dachte, dass sie eine absolut schreckliche Person sei. Ein dummes, aufgedrehtes Kind, das von der Geschwindigkeit unserer Zeit völlig überfordert ist. Ich stand vor dem wirklich schrillen Modeladen Schrill und mochte sie plötzlich wieder. Ich sagte mir: Du darfst nicht so streng mit ihr sein. Sie ist auch nur ein untergehendes Wesen. Genauso wie du.
Eines stand jedoch fest: Ich wollte mit ihr ins Bett. Aber um das zu erreichen, wollte ich mir nichts über irgendwelche Praktikumsplätze anhören. Und auch nichts über die Sippschaft Snoopy.
Die letzten Meter zu meinem Haus musste ich rennen, weil ich sonst patschnass geworden wäre.

Das Schiff hatte den Hafen von Warnemünde verlassen. Tanja und ich saßen alleine an Deck auf Plastikstühlen vor einer hüfthohen Glasbrüstung, auf der wir unsere nackten Füße platziert hatten. Die Sonne strahlte, der Himmel war tiefblau, das Wasser glitzerte. So weit das Auge reichte, ein Paradies aus unterschiedlichen Blautönen von immenser Leuchtkraft, untermalt von dem leisen, gemütlichen Brummen des Schiffsmotors. Tanja trug eine Sonnenbrille. Ein leichter, lauwarmer Wind huschte über uns hinweg. Er zupfte an Tanjas blonden Haaren.
Wir küssten uns und alberten herum.
Ich las ihr eine Kurzgeschichte vor, die ich als junger Spund geschrieben hatte. Ninas Messer, über ein 14-jähriges Mädchen, das heimlich Messer sammelt und sie eines Tages zuerst bei ihrem Hund und dann bei ihrem großen Bruder auf ihre Schärfe testet. Ich tat so, als wäre die Geschichte erst kurz vor unserer Abfahrt fertig geworden. Die Blätter bewegten sich sachte im Wind. Auf einmal tauchten zwei alte Pärchen auf, die sich Plastikstühle holten und sich neben uns setzten. Sie fingen an, sich lautstark sächselnd zu unterhalten, was mich beim Vorlesen störte. Alle vier trugen Sonnenbrillen. Der eine Mann war dick und hatte ein derbes, solariumgebräuntes Gesicht. Er trug ein schwarzes Basecap mit der Aufschrift Coca Cola Light. Die beiden Frauen ähnelten sich sehr. Sie hatten dünnes schwarzes Haar und bleiche Haut. Vermutlich waren es Schwestern. Der zweite Mann war ein Riese. Er hing tief in seinem Stuhl, die endlos langen Beine weit von sich gestreckt, die Füße übereinandergelegt. Mr. Basecap erzählte irgendeine Silvestergeschichte. Die beiden Damen kicherten. Der Riese blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen schweigend vor sich hin, als hinge er trüben Gedanken nach. Als ich mich irgendwann wieder zu Tanja umwandte, merkte ich, dass sie eingeschlafen war.
Ich schaute lange in ihr Gesicht. Ich genoss das. Auf das Gesicht eines Schlafenden legt sich immer etwas von der anderen Welt, in der sich dieser Mensch gerade befindet.
»Beobachtest du mich?«, fragte sie mit geschlossenen Augen.
»Nein.«
Ein heftiger Windstoß riss dem einen Mann plötzlich sein Basecap vom Kopf und wehte es quer über das Deck.
»Ohjeminee!«, tönten die beiden Damen wie aus einem Mund und blickten sich erschrocken nach der Mütze um. Der Mann sprang auf.

Vier Stunden später kamen wir in Trelleborg an. Es war kühl geworden, und der Wind wehte stark. Die Sonne stand tief über dem Hafen und überzog ihn mit sanftem, leuchtend orangefarbenem Licht, das wirkte, als sei es ausgesandt, um zu heilen. Als wir das Schiff verlassen hatten, drehte ich mich noch einmal um und warf einen Blick zurück. Inzwischen hatte sich viel Weiß in die Himmelsfarbe gemischt, das Meer jedoch schien dunkler geworden zu sein. Das Schiff lag da und war die Ruhe selbst. Es schien irgendwie stolz auf sich zu sein, als wolle es sagen: Seht her! Ich komme immer an!
Lastwagen fuhren hinter uns aus dem Bauch des Schiffes und ratterten an uns vorbei, wirbelten Staub auf und peitschten uns heiße Luft ins Gesicht. Der Hafen von Trelleborg war gleichzeitig der Bahnhof. Trotzdem hatte man das Gefühl, man befände sich mitten auf einer gigantischen Baustelle. Wir verirrten uns und landeten auf einem riesigen, mit Glasscherben übersäten Platz, auf dem sich sonst keine Menschenseele befand. Nur haufenweise aufgetürmte Holzkisten und Gabelstapler, bei denen man das Gefühl hatte, dass sie sich in jedem Augenblick von allein in Bewegung setzen würden. Ein hoher Zaun lief um den Platz herum. Plastikfetzen flatterten durch die Luft. Ein Zug kam an, ich konnte ihn aber nicht sehen. Wir irrten weiter umher, bis wir endlich ein größeres Loch im Zaun fanden und hindurchschlüpften. Obwohl es kaum dunkler geworden war, hatte ich das Gefühl, der Abend senkte sich schwer über uns herab. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

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