Dieser stilistisch brillante Essay stellt ein exzellentes Beispiel für die Leichtigkeit dar, mit der im französischen Sprachbereich schwierige Themen in allgemein verständlicher Weise abgehandelt werden. Es hat den Vorzug, nicht nur rhetorisch gekonnt zu sein, sondern auch gedanklich klar, selbst in der Übersetzung, von einigen Schnitzern abgesehen. Das ist keine Selbstverständlichkeit in der französischen Essayistik. Allerdings besagt Klarheit des Ausdrucks nicht schon überzeugende Begründung.
Um ohne Umschweife auf die Titelfrage und die Antwort des Autors auf sie eingehen: Für ihn ist der Kapitalismus weder moralisch noch unmoralisch, sondern schlicht amoralisch: jenseits von Gut und Böse, eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Er hält es für falsch, in den wirtschaftlich-technischen Bereich, den er die 1. Ordnung nennt, moralische Kategorien einzubringen, die er der 3. Ordnung zuschreibt. Dazwischen liegt, um diesen zentralen Gedanken der Ordnungen" sogleich zu referieren, als 2. Ordnung die des Rechtlich-Politischen. Über diese 3 Ordnungen geht als 4. die Ordnung der Liebe" hinaus. Der Leser, der meine eigenen Schriften zur Demokratietheorie kennt, wird erstaunt sein, hier eine Viergliederung" wieder zu finden. Comte-Sponville leitet die Vierfachheit zwar aus keinem Prinzip ab - in meinen Schriften ist es das der Reflexionsstufen - doch die Phänomenologie der vier Stufen und die "Lächerlichkeit" (im Sinne Pascals) ihrer Verwechslung gelingt gekonnt und überzeugend.
Dass dem Autor das systematische Herleitungsprinzip fehlt, macht sich u. a. darin bemerkbar, dass er für religiöse oder (was ihm scheinbar dasselbe ist) gottgläubige Menschen eine 5. Ordnung in Betracht zieht - an die er jedoch als Atheist nicht glaube. Über Glauben ist hier nicht zu rechten, doch von der Reflexionstheorie menschlichen Handelns her kann es keine 5. Ordnung geben: Die 4. Ordnung des Sinnes und der Liebe umfasst auch den (wie immer näher verstandenen) göttlichen Sinn und die göttliche Liebe. Beide Liebesordnungen von einander abzusetzen, ist eine a-theistische oder mono-theistische Sinnentleerung des Menschlichen, die sich in keiner Weise philosophisch rechtfertigen lässt.
In die 4. Ordnung, die ich die der Grundwerte nenne und weiter aufgliedere, gehören aber auch die moralischen oder ethischen Prinzipien. Comte-Sponville denkt zwar hoch von der Moral und erst recht von der Liebes-Ethik (4. Ordnung), doch übersieht er, indem er Moral auf der 3. Ebene ansetzt, den ganzen Bereich der kulturellen Gemeinsamkeit, der Kultur, die es mit kulturellen Werten der Sprache, Bildung und Kunst zu tun hat. Dagegen gehören die moralischen Prinzipien, in reflexionstheoretischer Sicht, auf die 4. Ebene der Grundwerte, untergliedert nach Weltanschauung, Ethik (Moral), gemeinschaftliche, konfessionelle Religion und übergemeinschaftliche Spiritualität. Viele Probleme, die bei unserem Autor ungelöst bleiben, würden durch diese konsequentere Viergliederung und ihre jeweilige Untergliederung, gedanklich lösbar. So ist es ein Unding, Wahrheit und Wissenschaft zur wirtschaftlichen-technologischen Ordnung 1 zu zählen. Im Gegenteil ist das Wahrheitsverlangen des Menschen zu den religiösen Grundwerten zu zählen (Keine Religion ist höher als die Wahrheit", wie ein Grundsatz der Theosophie lautet). Die unterentwickelte, weil nicht weiter untergliederte Ordnungs-Betrachtung des Autors, ohne eine weitere Logik ihrer Durchdringung, vermag solche Probleme - Wissenschaft einerseits als ökonomische Produktivkraft, anderseits als Streben nach Wahrheit als einem der Letztwerte - nicht zu lösen.
Kann Kapitalismus moralisch sein? Da müsste dringend zwischen individueller und kollektiver Ethik unterschieden werden. Zwar trifft Comte-Sponville in einer langen Mittelpassage des Buches immer wieder die fruchtbare Unterscheidung zwischen individueller und kollektiver Betrachtung, doch eigenartiger Weise nicht, um Individualethik und kollektive Sozialethik, also Institutionenethik, grundsätzlich gebührend zu unterscheiden: "Ein Unternehmen hat keine Pflichten: Es hat nur Interessen und Zwänge. Ein Unternehmen hat keine Gefühle, keine Ethik, keine Liebe. Es hat nur Ziele und eine Bilanz. Kurzum, es gibt keine Unternehmensmoral und keine Unternehmensethik."
Welch ein Irrtum, welch eine Verkennung der notwendigen sozialethischen Normsetzung für Kollektive und Institutionen! Der Autor hat zwar soweit Recht, als zu betonen ist, dass mit Liebe und Brüderlichkeit nicht unmittelbar (also individuell) die Gesamtwirtschaft in Gang gehalten werden kann - die starke sozialromantische Tendenz, die bis heute immer wieder (in seltsamem Pakt mit der anderen Spielart des Individualismus, der des Eigennutzes) die Durchsetzung einer effektiven und gerechten Institutionenethik abschwächt. Doch mittelbar, als sozialethischen Prinzipien, kann und muss der Gerechtigkeit und Solidarität (der gesellschaftlichen Form von Liebe und Brüderlichkeit) sehr wohl Rechnung getragen werden, also gemäß dem Prinzip Integration-durch-Differenzierung: Jede der vier Ordnungen" (Reflexionsebenen des Sozialen) hat ihre eigene Gesetzmäßigkeit, doch jede muss hierarchisch" unter die jeweils höheren Ebenen integriert werden. Die Betrachtung solcher Vermittlung der sozialethischen Prinzipien der Grundwerte-Ebene (4) in Kultur (3) Politik (2) und Wirtschaft (1) hinein ist oder wäre gerade das Spannendste in der gegenwärtigen Sozialphilosophie und Staatstheorie.
Konkreter: Die Wirtschaft kann und muss nach sozialethischen Maßstäben reguliert werden, selbst wenn das Prinzip des individuellen wirtschaftlichen Handelns der Eigennutz (übrigens vom ungerechten Egoismus zu unterscheiden) und die Gewinnmaximierung bleibt und noch lange bleiben wird. Doch sozialethisch bedarf der individuelle Eigennutz der Integration durch sozialethische, institutionelle Spielregeln, die keineswegs willkürlich sind. Das Prinzip der freien Marktwirtschaft ist ein individualistisches und zugleich quasi-kommunikatives Prinzip. Dieses Marjtprinzip darf nicht verwechselt werden (wie üblich, auch bei unserem Autor) mit der sozialethischen Institution des Kapitalismus: der Vermehrung des Geldes auch ohne menschliche Arbeitsleistung, durch scheinbare Arbeit des Geldes", gleich ob man diese nun schwerpunktmäßig von der Seite des Zinseszinssystems oder von der Einbehaltung des Mehrwerts der Arbeit durch die Kapitalbesitzer her betrachtet.
Deshalb kann Comte-Sponville zu dem fehlgeleiteten Werturteil kommen, der Kapitalismus sei zwar amoralisch (also naturgesetzlich wie angeblich die Globalisierung), doch nicht unmoralisch. Bei Licht besehen, ist es ein Skandal, dass ein ehemals mit Marx sympathisierender Intellektueller die bloße Amoralität und angebliche Unvermeidlichkeit des sich aus sich selbst (ohne eigene Leistung der Besitzer) vermehrenden Kapitals ohne jeden Beweis behauptet - statt die evidente Unmoralität dieses Sachverhalts herauszustellen. Eine verwirrende, mit folgenreichen Denkfehlern behaftete Art von Ordnungsdenken, eine Rechtfertigungsideologie der besehenden Unordnung.