Als damals "Kane & Lynch" in die Läden kam, war ich durch die Atmosphäre und die Level, die mich an bekannte Hollywood Blockbuster wie "Heat" erinnerten, direkt gefesselt. Klar hatte das Spiel einige Schwächen in Sachen Gameplay, aber wenn das Spiel sonst viel Laune macht, bin ich gerne bereit über kleinere Schwächen hinweg zu sehen.
In dem Moment als "Kane & Lynch 2 - Dog Days" angekündigt wurde, war ich also sofort hellhörig und immer hinter den neuesten News her. Dann trudelt aber langsam die ersten Rezensionen ein und es machte die Runde, dass der Story-Modus nur knappe 4h lang ist. Vier Stunden bei einem Vollpreis-Titel? Da habe ich natürlich direkt beschlossen, diese Preispolitik nicht zu unterstützen. Bei mir muss ein neues Spiel 12h Gameplay haben. Bei nur 4h warte ich eben, bis der Preis etwas gefallen ist. Ganz nach dem Motto "Logischer Dreisatz".
Diese Woche war es dann soweit und ich besorgte mir im Marketplace das Spiel und war mehr als angenehm überrascht. Bevor ich allerdings in meine Lobhudelei starte sei nochmal betont, dass ich den Vollpreis immernoch für unverschämt halte. Hätten die Produzenten das Spiel direkt als Budget-Titel angesetzt, dann hätten sich die Leute vielleicht weniger an der Spielzeit aufgehangen und näher mit dem Spiel befasst. Dann wären vielleicht ein paar positive Reviews rausgekommen.
Third-Person-Shooter zählen zu meinem Lieblings-Genres. "Uncharted 2" ist dort immernoch eine Messlatte die es für jedes neue Spiel erstmal zu meistern gilt. Was mir allerdings mit jedem neuen TPS auffällt, ist die Tatsache, das die Formel langsam abgenutzt ist. In jedem Spiel bearbeitet man Auftrag nach Auftrag, sammelt Waffen und löst hier und da mal ein Rätsel. Unterscheiden tun sich die Games nur noch im Waffen-Handling, der Deckungsmechanik und der Brutalität.
"Kane & Lynch 2 - Dog Days" ist jedoch ein ungewöhnliches und absolut unkonventionelles Spiel, was alle Grenzen bisher dagewesener Spiele zerlegt. Es ist ein Spiel, was so noch keiner gesehen hat und definitiv keiner erwartet hat. Die vielen negativen Rezensionen führe ich darauf zurück, dass die Menschen etwas im Wettrüsten der Spieleindustrie feststecken und immer nur das neueste und beste Spiel suchen und dabei verpasst haben, wie unkonventionell "Kane & Lynch 2 - Dog Days" tatsächlich daher kommt. Ich möchte fast sagen, dass "Kane & Lynch 2 - Dog Days" Kunst ist.
Es gibt viele Kritikpunkte, die ich nach und nach mal ansprechen möchte. Vorab sei gesagt, dass "Kane & Lynch 2 - Dog Days" sehr auf Realismus setzt, was viele Punkte schon etwas erklärt. Klar hat das Spiel auch Schwächen, aber wie schon beim Vorgänger sehe ich da großzügig drüber hinweg.
Punkt 1:
Die Steuerung ist hakelig, die Deckung funktioniert nicht richtig und beim Schießen treff ich auch nichts.
Das die Deckung manche Kugeln durchlässt und die Schusswechsel oft sehr zufällig ausfallen, werte ich als Realismus. Ich war zwar noch nie in einer Schießerei, aber so in etwa stell ich mir das vor. Die Steuerung ist tatsächlich fast genauso klobig wie die des Vorgängers. Wirklich schmerzlich vermisse ich vor allem die Funktionen seinem Partner Befehle erteilen zu können. Dafür muss man sich allerdings auch keine große Sorgen mehr um seine Gesundheit machen, da er fast alles überlebt.
Punkt 2:
Ein Spiel mit Wackelkamera, Mini-DV-Look, Bildrauschen und verpixelter Brutalität - Was soll das?
An diesem Punkt fängt für mich die Kunst an. Die ganze Idee, das Spiel wie einen "Found Footage"-Film aufzuziehen ist ansich schonmal komplett unkonventionell. Genauso der Mut zum wohl hässlichsten Spiel seit Jahren. Und das in einer Zeit bei der jede Spielefirma mit der Nächsten um das beste HD-Bild kämpft. Bei Explosionen verpixelt das Bild, beim Rennen muss man vor Wackelkamera fast kotzen und das Kamera-Micro rauscht wegen dem Gegenwind. Komischerweise trägt dieser Mut aber zum Realismus des Spiels bei. Die meisten Spiele schaffen es eben trotz guter Grafik nicht, einen davon zu überzeugen, dass man nur ein Spiel spielt. Die dreckige, unscharfe und hässliche Optik von "Kane & Lynch 2 - Dog Days" schafft aber komischerweise genau das. Auf die verpixelte Brutalität gehe ich in Punkt 3 ein.
Punkt 3: Videospiel-Konventionen
a) Charakterisierung
Viele Kritiken kreisen auch darum, dass man Mitten ins Geschehen geworfen wird und nie die Charaktere und die Story genauer beleuchtet wird. Ich sehe darin einen Bruch mit vorhandenen Konventionen. Es ist nunmal eine Fortsetzung und alles was man über die Charaktere wissen muss, weiß man aus dem ersten Teil. Jeder Versuch einem "neuen Spieler" die Charaktere näher zu bringen wären zu konventionell. Also lässt man es weg und macht genau das, was noch nie gemacht wurde. Es ist garnicht so wichtig wer die Leute sind. Es gibt keinerlei Katharsis.
b) Missionsdesign
Genauso verhält es sich beim Missionsdesign. Man ist es von TPS gewohnt nach und nach verschiedene Missionen an verschiedenen Schauplätzen zu erledigen. Missionsziele abschließen und wiederholen. Bei "Kane & Lynch 2 - Dog Days" geht das Spiel wieder genau wie erwartet los, nur geht die erste Mission schief und ab dahin sind es 4h Vollgas ohne Pause. Man erfüllt keine Missionen oder versucht heraus zu finden wer einen reingelegt hat oder irgendwelche Verschwörungen aufzudecken. Man will nur raus aus dem Dreck.
c) Brutalität
Bei den neueren Action-Spielen geht es immer mehr darum, welches Spiel am krassesten ist und in welchem Spiel der brutalste Headshot zu finden ist. Dann kommt ein Spiel wie "Kane & Lynch 2 - Dog Days" daher und zensiert ALLES. Ja, richtig gelesen! Nackte Körper sind wie man es aus Amerika kennt vorverpixelt. Hinzu kommt aber, dass sobald man einen Headshot macht, der Kopf sobald Ihn die Kugel erreicht verpixelt wird. Man sieht also nichts. Trotzdem ist es eines der brutalsten Spiele die ich kenne. In einer Szene werden die Protagonisten gefoltert und am ganzen Körper mit Teppichmessern bearbeitet. Ich habe noch nie in einem Spiel so mit einem Charakter mitgefühlt und mich im Sessel gewunden. Das Bizarre des Konzeptes wird einem erst klar, wenn man nach der Folterszene nackt, blutüberströmt und am ganzen Körper zerschnitten aus der Gefangenschaft flieht und das Spiel anstatt der Brutalität die nackten Hintern der Protagonisten zensiert.
Fazit:
"Kane & Lynch 2 - Dog Days" bricht in meinen Augen mit sämtlichen Konventionen die First-Person-Shooter zu bieten haben und erhebt sich somit aus der Standard-Ware heraus zu einem Kunstwerk. Ich habe noch nie ein Spiel gespielt, was so wie dieses ist und werde wohl auch nie wieder etwas Ähnliches spielen. Ich bin mir aber sicher, dass sich diverse Events in mein Gedächtnis gebrannt haben. Klar ist das Spiel nur 4h lang, aber es sind 4h absolutes Vollgas ohne Pause. Man ist auf der Flucht und hat garkeine Zeit anzuhalten. Dementsprechend ist das Ende des Spiels auch der logische Schlusspunkt. Ziel des Spiels war nunmal die Flucht aus dem Dreck.
Wer also ein vollkommen anderes Spielerlebnis sucht, der sollte bei "Kane & Lynch 2 - Dog Days" zuschlagen. Für mich tatsächlich einer der wenigen Titel anhand derer man beweisen kann, dass Videospiele mittlerweile eine Kunstform sind. Und ihr könnt mir glauben, keiner ist von meinem Fazit mehr überrascht als ich selbst! Im Zweifelsfall sollte man allerdings auf die Platinum-Version warten, um garnicht erst darüber nachdenken zu müssen, ob man zuviel für das Spiel bezahlt hat.