Bisher hatte man ein Problem, wenn man als Nicht-Mitglied in der Kanban-Community" verstehen wollte, was Kanban-Systeme im Kontext mit Softwareentwicklung bedeuten. Das Buch hat den gr0ßen Verdienst, dass es einfach und nachvollziehbar erklärt, was Kanban im Zusammenhang mit Softwareentwicklung bedeutet und "wie es funktioniert". Aus diversen Artikeln hatte ich bisher nicht verstanden, was Kanban ist - ich hatte einen Hintergrund aus der Logistik und kenne Kanban "von vor 20 Jahren" im Zusammenhang mit dem Toyota Produktionssystem. Wenn man das Buch gelesen hat, kann man beides aufeinander abbilden.
Die Fallstudie, die als Beispiel verwendet wird zeigt glaubwürdig, dass man mit dem Kanban Vorgehen Durchlaufzeiten verürzen kann und auch Lieferzeiten, sowie produktiver wird.
Hier setzen allerdings auch meine Ideen an, wie man das Buch noch besser machen kann. Der mathematische Hintergrund (Warteschlangentheorie, LaPlace Verteilung, Wartezeiten) wird nicht näher erwähnt oder verwendet. Insofern ist die Fallstudie nicht wirklich erklärt - wäre aber mit etwas Mathematik sehr einfach zu erklären gewesen: Wenn man die Abarbeitungskapazität so weit erhöht, dass die durchschnittliche Abarbeitungsrate wieder deutlich über der durchschnittlichen Ankunftsrate liegen, dann liegt die durchschnittliche Wartezeit auch wieder bei nahe Null. Genauso ist relativ klar, dass die Mitarbeiter produktiver werden und die Durchlaufzeiten sinken, wenn sie nur noch an einer Aufgabe gleichzeitig arbeiten statt parallel an 5. Von daher könnte man das, was durch Anwendung von Kanban (Engpässe durch Kapazitätsanpassung beseitigen, Work in Progress reduzieren) passiert, eigentlich relativ einfach mit ein bisschen Mathematik beziehungsweise plakativer Darstellung hinterlegen - dann würde das Buch noch verständlicher und noch besser nachvollziehbar werden und man könnte auch Chefs erklären, dass es wenig bringt, Systeme prinzipiell zu überbuchen - weil sie sich dann ins eigene Fleisch schneiden. Heute ist es ja eigentlich üblich, mehr Arbeit in die Systeme zu stopfen und zu glauben, man sei ein guter Manager. Wenn man das Buch gelesen hat - und die Mathematik dahinter ein wenig kennt - kann man gut erklären, warum solches Vorgehen nicht wirklich schlau ist.
Insgesamt eine klare Leseempfehlung. Das Buch zeigt gut, dass man mit relativ wenig und nicht sehr invasiven Änderungen deutliche Prozessverbesserungen erreichen kann.