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5.0 von 5 Sternen
Sprache mit Akzent?, 8. Dezember 2000
Rezension bezieht sich auf: Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft (Taschenbuch)
Zaimoglu hat in Kanak Sprak eine sehr kraftvolle Kunstsprache geschaffen, die sich zwar des Deutschen bedient, dieses dabei jedoch durch einen Mixer jagt. Was dabei herauskommt, ist zugleich befremdlich und bereichernd. Befremdlich, da man (ich?) das Gefühl hat, als würde hier mit einer Art Akzent gesprochen, der sich in jedem Bereich der Sprache ausdrückt: Sprachrhythmus, Wortstellung, Neologismen, usw. Bereichernd, da man (ich?) sich seiner eigenen Sprache auf's Neue bewusst wird. Es ist ein Akzent, der die Sprache intensiver macht, sie gleichsam unter Strom setzt und dem Leser kleine Schläge vepasst. Es mag eine Weile dauern, bis man sich in diese Wortgewalt ohne Punkt und Komma eingelesen hat, doch wenn man sich darauf einlässt, wird man belohnt. Kanak Sprak verleiht einer Stimme literarisches Gehör, die bislang nur auf der Straße gehört werden konnte - und das auch nur von Eingeweihten. Wow, what a trip!
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5.0 von 5 Sternen
Direkt aus den Eingeweiden, 23. Juli 2007
Einige Komödianten haben für sich in Anspruch genommen, die deutsche Sprache auf ein paar hundert Wörter reduziert haben, darunter Erkan und Stephan, Mundstuhl und Tom Gerhardt. Dabei beschränkten alle die Gossensprache auf wenige Elemente, die sich humoristisch verwerten ließen und für einen gewissen Wiedererkennungswert ausreichten. Feridun Zaimoglu, der Kunst und Humanmedizin studiert hat und bereits 35 Jahre vor Erscheinen des Buches in Deutschland gelebt hat, hat sich in "Kanaksprak" viel mehr und ganz Anderes vorgenommen: ein authentisches Dokument der Sprache der zweiten "Kanakengeneration", d.h. der Nachfahren türkischer Einwanderer, wollte er schaffen. Das Schimpfwort "Kanake" sei für jene, die weder eine türkische, noch eine deutsche Identität hätten, Ausdruck ihrer Identität. Zaimoglu hat sich eineinhalb Jahre lang mit ihnen auseinandergesetzt, die türkischen Elemente ihrer Sprachmischung unter ihrer Mitwirkung zurück ins Deutsche übersetzt und aus Textfetzen ein Ganzes gegossen. Das Ergebnis sind 24 individuelle Lebensanschauungen auf jeweils ein paar Seiten. Die Texte zeichnen oft verquere, aber immer in sich geschlossene Mikrokosmen von durchdringender Ehrlichkeit, die oft direkt aus den Eingeweiden zu kommen scheinen. Man liest etwa von dem 25jährigen Zuhälter Cem, der sich als Kindermädchen seiner Nutten betrachtet, das peinlich auf deren Gesundheit achte. Oder man taucht in die schizophrene Gedankenwelt von Derwisch (33) und die Leiden der transsexuellen Azize (27) ein. Allen Texten ist gemein, dass sie mit wenigen Punkten und umsomehr Kommata, ohne albernes HipHop- oder Poetry-Slam-Gestammel eine bemerkenswerte eigene Sprache ausdrücken. Vor allem im Vokabular liegt oft eine unheimliche Originalität, immer haarscharf an der Rasierklinge zwischen Kreativität und Wahnsinn entlang. Zaimoglu's Versuch die von der Gesellschaft Geschmähten fern jeder Klischees und intellektueller Verklärungsromantik ungeschminkt zu Wort kommen lassen, geht absolut auf.
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9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
O-Tne aus dem echten Leben, 4. März 2000
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft (Taschenbuch)
Zaimoglu macht sichs nicht einfach - und macht sich angreifbar. Schon klar. F¾r die ¾beralterte Lehrerschaft in Deutschen Landen ist das zu starker Tobak, was aus den M¦ulern der sich selbstbewu§t selbst so nennenden "Kanaken" motzt und quillt. Und f¾r Anh¦nger eines 70er-Jahre-Multikultis ist es sicher auch nicht erbauend, zu lesen, da§ all die M¾he mit integrativen Bauchtanzkursen und "T¾rkisch f¾r Deutsche" und hier noch ne Sambaparty und da noch ein Nachbarschaftsfest nach 20, 30 Jahren Multikulti immer noch nicht zur fl¦chigen Anpassung unserer "ausl¦ndischen Mitb¾rger" gef¾hrt hat. Aber halt: Mu§ Literatur immer "erbauend" sein und das Gutmenschentum unterst¾tzen ? Nee. Literatur mu§ auch mal einfach abbilden d¾rfen, was abgeht "drau§en im Land", mu§ auch mal k¾nstlerisch und kunstfertig zuspitzen d¾rfen, was man / frau als im Ausland geborenes oder als Kind in Deutschland lebender ausl¦ndischer Eltern geborenes "Deutschl¦nderw¾rstchen" so Tag f¾r Tag erlebt im Bimbes-Land von Kohl, Dagma Berghoff und dem Moik. Also: Der Zaimoglu hat seinen Freunden aus "Kanakistan" aufs Maul geschaut und das ziemlich genau. Damit ist er genauer als viele Politiker, die sich als "Ausl¦nderfreunde" geben und doch uns alle nur als Stimmvieh sehen und meinen. Im Gegensatz zu vielen selbsternannten "Ausl¦nderfachleuten" in Politik und Gesellschaft, l¦§t Feridun Zaimoglu junge Ausl¦nder in selbst zu Wort und Ausdruck kommen - in ihrer eigenen, manchmal radebrechenden, manchmal auch sehr poetischen, oft harten, immer treffsicheren und direkten Sprache. Zaimoglu hat diese Interviews offensichtlich literarisch bearbeitet und zugespitzt - Werner Schwab, Elfriede Jelinek und Peter Turrini lassen gr¾§en - und das ist sein gro§es Verdienst: Hier wird nicht jounalistisch exotische Subkultur abgefeiert, sondern hier wird Realit¦t lesbar, ja auch genie§bar gemacht: Kunst. Ich wette: Das ist Literatur von morgen. Ich selbst bin 28 Jahre alt und mu§ mich, zugegeben, in diese Sprache erst einlesen. Meine 15j¦hrigen Nachbarskinder verschlingen Zaimoglus B¾cher und haben mit der Sprache gar keine Probleme. So reden die eben und die haben auch schon mal "f...." gesagt - auch wenns die Lehrer und Eltern gruselt. - Aber DARAN wird das Abendland NICHT zugrunde gehen! brigens: Wers noch genauer, daf¾r nicht ganz so derb mag, der lese lieber erst einmal Zaimoglus "KOPPSTOFF" - da kommen die Frauen zu Wort. Etwas differenzierter noch, und etwas sensibler und genauer in den inhaltlichen und sprachlichen Nuancierungen. Was nicht hei§t, da§ nicht auch in diesem zweiten Buch harter Stoff geboten wird, der nicht einfach zu konsumieren ist und dre nicht jedem gefallen wird. F¾r alle Lehrer und Sch¾ler, die sich immer noch und immer wieder an den Tageb¾chern der Anne Frank und der Geschichte der "Wei§en Rose" abarbeiten, eine dringend zu empfehlende Lekt¾re: Es gibt auch HEUTE ein Deutschland, in dem nicht alles in Ordnung ist. Auch in der Literatur.
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