Sommer 1960, Kalter Krieg, der Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon ist in vollem Gange. In Great Falls, Montana, nahe der Grenze zu Kanada, wurde der schmucke Army Air Corps-Captain Bev Parson wegen Unregelmäßigkeiten im Dienst zwar degradiert, aber dennoch ehrenhaft aus der Air Force entlassen und sieht sich einer unklaren Zukunft ausgesetzt. Er hat seine Familie zu versorgen, das 15-jährige Zwillingspaar Dell und Berner und seine ungemütliche, aus schwermütig jüdisch-intellektuellem, entwurzeltem Milieu stammende Ehefrau Neeva, die ihre Ehe mit dem flotten Jungen aus Alabama schon lange bereut. Aber ohne den Anflug von Leichtsinn ihrer Mütter, würden manche Kinder erst gar nicht geboren werden. Seit Jahren zogen sie von Stützpunkt zu Stützpunkt, lebten ohne nennenswerte Habseligkeiten in gemieteten Häusern und haben kaum Kontakte oder gar Bindungen zu anderen. Als Familie funktionieren sie mehr schlecht als recht, dennoch ist sie ihr Dreh- und Angelpunkt, bis das passiert, was Dell, aus dessen Sicht alles geschildert wird, gleich zu Beginn des Buches so beschreibt:
„Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.“
Das sind Sätze, die den Leser erst einmal irritiert zurückfahren lassen. Will man ein Buch, das sofort die ganze Luft aus dem Ballon lässt, denn überhaupt lesen? Will man. Denn man will nicht nur wissen, was zu diesen Vorfällen führte, sondern auch, was danach geschieht. Wie geht man mit den Dingen des Lebens um, die dazu führen, dass man aus der Bahn geschleudert wird und wie schafft man es dennoch, der zu bleiben, der man ist und sein will. Das ist das, was auch Ford mehr interessiert als die Taten selbst, er hat schon oft davon erzählt, auch in seiner Bascombe-Trilogie, die ihn berühmt gemacht hat.
Dell Parson, der am Ende des Buches, im Jahr 2010, ein Mann auf der Schwelle zum Alter sein wird, den die Tragödien in seinem Leben eben nicht für immer aus der Bahn geworfen haben, ist ein guter, lieber Junge, ein Kind seiner Zeit, mit einer Kindheit, die es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Er mag die Schule, interessiert sich für das Schachspiel und für Bienenzucht und kann sich gut mit sich selbst beschäftigen, wenn er auch gerne Freunde hätte. Seine Schwester Berner ist da anders, eigensinniger, zorniger, auch erwachsener und von vorauseilender Härte. Als ihre Eltern ihr Leben in den Sand setzen, setzt sie sich in ein Ersatzleben ab, jedoch nicht ohne das geschwisterliche Band durch Inzest, der unerträglich beiläufig geschildert wird, für immer zu beschädigen. Dell jedoch, bis zum Schluss ein braver Sohn, beugt sich ein letztes Mal den Willen seiner Mutter und gerät nach dem sozialen Tod seiner Familie, der sich quälend langsam anbahnt, bevor er blitzartig zuschlägt, in die Obhut eines zwielichtigen Amerikaners, der im kanadischen Saskatchewan ein heruntergekommenes Hotel für Jäger betreibt. Arthur Remlinger, der in Harvard studierte und über eine Ausbildung „mit Goldrand“ verfügen könnte, wenn er aus einem besseren Stoff gewesen wäre, ist ein Mann der Kälte, von dem sich Menschen besser fernhalten. Doch zunächst hat der traumatisierte Junge keine Wahl, in der Einsamkeit des amerikanisch-kanadischen Grenzgebiets wird er seine Kindheit und einen Kopfkissenbezug hinter sich lassen.
Ford hat lange in Montana gelebt, ist mit der Jagd vertraut und kennt Kanada gut, was der Atmosphäre, die im Buch herrscht, Dichte und Glaubwürdigkeit verleiht. Kanada, so kommt es mir vor, ist für ihn ein besseres, ein unbelastetes Amerika. Hätte Obama die Wahl nicht gewonnen, so wäre er dorthin ausgewandert, berichtet er in Interviews, und dass er es im Falle eines Präsidenten Romney wieder in Erwägung ziehen würde. Dass er das Buch schlicht „Kanada“ genannt hat, darf durchaus als Statement gewertet werden. Sein stiller Held Dell, der im anderen Amerika bleiben wird, wird lange brauchen, bis er die einschneidenden Erlebnisse seiner Jugend, die ihn sein Leben lang begleiten werden, verarbeitet hat. Im Lauf der Zeit erreicht er, dass er dem Menschen treu bleibt, als der er sein Leben begonnen hat. Das war eine Maxime seiner unglücklichen Mutter. Warum sie sich auf stümperhaft anmutende Weise verlor, konnte Ford nicht ganz glaubhaft machen, was dem wehmütigen Zauber, der über seiner Geschichte liegt, aber nicht schadet.
„Kanada“ ist ein berührendes literarisches Glanzstück, in dem es um Liebe, Verlust, Trauer, Ertragen und Bewältigung geht. Nicht immer trifft man die Menschen dort an, wo sie hingehören. Entwurzelung geht mit einer Leere einher, die aus eigener Kraft gefüllt werden muss. Wird man in jungen Jahren benutzt und vor allem nicht richtig behütet, gehört man nie mehr so ganz irgendwo dazu. Das Leben wird uns leer geschenkt, sagt Florence zu Dell im Buch, und es ist unsere Aufgabe, das Glücklichsein zu erfinden. Dell Parson, der die Mentalität des Bewahrens und Verdrängens gleichermaßen besitzt, findet einen Platz in der Welt, wo er nach seinen Bedürfnissen leben kann, obwohl alles auch ganz anders, vielleicht besser hätte verlaufen können. Und er erfährt, dass es mit etwas Glück möglich ist, ein gutes Leben zu haben, auch wenn immer etwas fehlen wird und die blassen Gespenster der Vergangenheit nicht endgültig weichen wollen. Gutes kann auch aus einem beharrlichen Trotzdem entstehen. Zufriedenheit und Wohlbehagen sind mindere, aber auch zuverlässigere und langlebigere Formen des Glücks. Mit denen muss man sich unter Umständen begnügen. Was schon sehr viel ist.
Dell und Berner Parson werden selbst nie Kinder haben.
Helga Kurz
30. August 2012