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Kanada
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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Richard Ford gehört zu den ganz großen, noch lebenden amerikanischen Erzählern. "Unabhängigkeitstag" und "Die Lage der Landes" gehören zu meinen absoluten Lieblingsromanen. Seine Werke sind durch eine große Realitätsnähe und eine tiefe Einfühlsamkeit in die Figuren geprägt. Ich kann die Romane Fords nur wärmstens empfehlen.

In "Kanada" erzählt Ford aus der Sicht eines 15jährigen. Dell lebt im Jahr 1960 in einer Kleinstadt, in die es seinen Vater, einen ehemaligen Piloten und dessen Ehefrau, eine Lehrerin, sowie seine Zwillingsschwester Berner verschlagen hat. Die Familie kommt nie richtig an, bleibt wurzellos und von der Umwelt nicht wahrgenommen. Dells Vater versucht mit kleinkriminellen Machenschaften das Einkommen ein bisschen zu verbessern und rutscht in eine Situation, aus der ihm nur ein Bankraub einen Ausweg verspricht. Obwohl seine Frau es besser weiß, begleitet sie ihren Mann nicht nur zur dilettantischen Ausführung, sondern hinterher auch ins Gefängnis. Zurück bleibt ein Zwillingspärchen, ganz auf sich gestellt. Berner nimmt die Gelegenheit wahr und flüchtet, während Dell von einer Bekannten seiner Mutter nach Kanada, vermeintlich in Sicherheit gebracht wird. Hinein in die Provinz Saskatchewan mit seiner schier unendlichen Weite und seinen seltsamen Charakteren.

Die erste Hälfte des Buches strebt langsam aber stetig auf den Moment des Bankraubs und die Verhaftung der Eltern zu. Für mich ist das trotz einer gewissen Länge der stärkere Part des Romans. Langweilig ist es mir dabei nie geworden. Dabei hilft enorm, dass Ford zwar Dell als Ich-Erzähler wählt, dennoch mit der Sprache eines Erwachsenen spricht. Er taucht als Autor ganz tief ein in seine Hauptfigur und lässt den Leser teilhaben an der Erkundung der Gedanken und Eindrücke eines Heranwachsenden. Die zweite Hälfte, die dem Roman den Titel gegeben hat, empfinde ich als deutlich schwächer, aber da könnte man sich bestimmt streiten. Toll dagegen ist wiederum der Schluss, als Dell nach vielen Jahren einmal wieder seiner todkranken Schwester Berner begegnet und sie Abschied nehmen. Hier kommt das Erzähltalent Fords wieder voll zum Tragen.

"Kanada" ist meiner Meinung nach nicht Fords stärkster Roman, bei weitem nicht sogar. Aber er ist wohl immer noch besser als der Großteil der jährlich veröffentlichten Bücher. Dennoch, ich empfehle die eingangs genannten Bücher weitaus lieber.
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67 von 73 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 23. August 2012
Dell ist der Held einer Geschichte, in der es um die Abgründe und wechselvollen Schicksale einer kleinen Familie geht.

Mit dem ersten Absatz ist man mitten in einer Erzählung, in der es um einen Banküberfall und um Mord und Totschlag, aber auch um das Leben und die Verirrungen geht, denen ein jeder in seinem Leben anheimfallen kann.

Aus der Sicht des jungen Dell, Zwillingsbruder seiner Schwester Berner, der um 1960 ungefähr fünfzehn Jahre alt ist, schaut man auf seine Eltern, die so gut wie gar nicht zusammenpassen. Man steht im Wahlkampf für John F. Kennedy. Dells Vater ist ganz auf dessen Seite.

Aus einer Zufallsbegegnung ist die Ehe der Eltern zustande gekommen. Von Beginn an ist sie nicht glücklich. Neeva Parsons ist kopfgesteuert, vernünftig und rational denkend. Bev Parsons aber ist ein Träumer und Schaumschläger, der sein Leben nicht in den Griff bekommt. Er war bei der Air Force und hat vor kurzem seinen Abschied genommen.
Die Familie lebt in einem armseligen Häuschen in Great Falls/ Montana.
Wie in einen Strudel zieht Bev seine Frau mit in ein finanzielles Abenteuer, das für beide vernichtend endet.
Nach einem Banküberfall landen die jungen Eltern mit Mitte dreißig im Gefängnis. Berner haut mit ihrem Freund Rudy ins Unbekannte ab. Dell aber gelangt mit Hilfe einer Freundin seiner Mutter nach Kanada. Hier beginnen seine Abenteuer, die ihn durch Einsamkeit, harte Arbeit und dürftige Unterkünfte auf ein Leben vorbereiten, von dem man nicht weiß, wo es ihn hinführen wird.

In Kanada erfährt er Lebensbedingungen, die extrem sind für einen Jungen von 15 Jahren. Er haust in abgelegenen Hütten und ist zwei Männern mit offensichtlich kriminellen Strukturen ausgeliefert. Mit einfachster Arbeit hilft er aus, wo immer er gebraucht wird und geht sein Leben ohne innere Widerstände an. Wunderbare Landschaftsbeschreibungen und atmosphärisch einprägsame Stimmungen begleiten unseren Helden, der seine Unschuld und Offenheit trotz der gravierenden Erlebnisse nicht zu verlieren scheint.

Hervorragend in Konzeption und Aufbau bannt die Geschichte vom ersten Moment an. Dell sieht mit aufmerksamem Blick und feinem Gespür für alles, was von der täglichen Norm abweicht, wie sich um seine Eltern etwas zusammenbraut, das ihn beängstigt. Das große Können Richard Fords lässt uns durch die Augen Dells erfahren, wie es zu den Abwegen und Fehlentwicklungen seiner Eltern kommen konnte, und wie er in seinem eigenen abenteuerlichen Leben in Kanada seinen Weg findet.

Das melancholische und verständnisvolle Ende beleuchtet eine wichtige Erkenntnis, die Dell auf seinem langen Weg zur Normalität gefunden hat. Sie gipfelt in der Einsicht, dass jeder im Leben eine Chance hat, die man nur nutzen muss. Mit Verlusten umgehen und das Gute im Verborgenen finden lernen ist die große Kunst des Lebens.

Man ist fasziniert und hingerissen von den feinen psychologischen Details, mit denen Richard Ford seine Geschichte fort und fort schreibt. Er ist einer der ganz großen Erzähler amerikanischer Herkunft, dessen Erzähltalent ihn in die unendlichen Gefilde ruhmvoller und anerkannter Schriftsteller einreiht.
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37 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Sommer 1960, Kalter Krieg, der Wahlkampf zwischen Kennedy und Nixon ist in vollem Gange. In Great Falls, Montana, nahe der Grenze zu Kanada, wurde der schmucke Army Air Corps-Captain Bev Parson wegen Unregelmäßigkeiten im Dienst zwar degradiert, aber dennoch ehrenhaft aus der Air Force entlassen und sieht sich einer unklaren Zukunft ausgesetzt. Er hat seine Familie zu versorgen, das 15-jährige Zwillingspaar Dell und Berner und seine ungemütliche, aus schwermütig jüdisch-intellektuellem, entwurzeltem Milieu stammende Ehefrau Neeva, die ihre Ehe mit dem flotten Jungen aus Alabama schon lange bereut. Aber ohne den Anflug von Leichtsinn ihrer Mütter, würden manche Kinder erst gar nicht geboren werden. Seit Jahren zogen sie von Stützpunkt zu Stützpunkt, lebten ohne nennenswerte Habseligkeiten in gemieteten Häusern und haben kaum Kontakte oder gar Bindungen zu anderen. Als Familie funktionieren sie mehr schlecht als recht, dennoch ist sie ihr Dreh- und Angelpunkt, bis das passiert, was Dell, aus dessen Sicht alles geschildert wird, gleich zu Beginn des Buches so beschreibt:

„Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten.“

Das sind Sätze, die den Leser erst einmal irritiert zurückfahren lassen. Will man ein Buch, das sofort die ganze Luft aus dem Ballon lässt, denn überhaupt lesen? Will man. Denn man will nicht nur wissen, was zu diesen Vorfällen führte, sondern auch, was danach geschieht. Wie geht man mit den Dingen des Lebens um, die dazu führen, dass man aus der Bahn geschleudert wird und wie schafft man es dennoch, der zu bleiben, der man ist und sein will. Das ist das, was auch Ford mehr interessiert als die Taten selbst, er hat schon oft davon erzählt, auch in seiner Bascombe-Trilogie, die ihn berühmt gemacht hat.

Dell Parson, der am Ende des Buches, im Jahr 2010, ein Mann auf der Schwelle zum Alter sein wird, den die Tragödien in seinem Leben eben nicht für immer aus der Bahn geworfen haben, ist ein guter, lieber Junge, ein Kind seiner Zeit, mit einer Kindheit, die es so heute vielleicht gar nicht mehr gibt. Er mag die Schule, interessiert sich für das Schachspiel und für Bienenzucht und kann sich gut mit sich selbst beschäftigen, wenn er auch gerne Freunde hätte. Seine Schwester Berner ist da anders, eigensinniger, zorniger, auch erwachsener und von vorauseilender Härte. Als ihre Eltern ihr Leben in den Sand setzen, setzt sie sich in ein Ersatzleben ab, jedoch nicht ohne das geschwisterliche Band durch Inzest, der unerträglich beiläufig geschildert wird, für immer zu beschädigen. Dell jedoch, bis zum Schluss ein braver Sohn, beugt sich ein letztes Mal den Willen seiner Mutter und gerät nach dem sozialen Tod seiner Familie, der sich quälend langsam anbahnt, bevor er blitzartig zuschlägt, in die Obhut eines zwielichtigen Amerikaners, der im kanadischen Saskatchewan ein heruntergekommenes Hotel für Jäger betreibt. Arthur Remlinger, der in Harvard studierte und über eine Ausbildung „mit Goldrand“ verfügen könnte, wenn er aus einem besseren Stoff gewesen wäre, ist ein Mann der Kälte, von dem sich Menschen besser fernhalten. Doch zunächst hat der traumatisierte Junge keine Wahl, in der Einsamkeit des amerikanisch-kanadischen Grenzgebiets wird er seine Kindheit und einen Kopfkissenbezug hinter sich lassen.

Ford hat lange in Montana gelebt, ist mit der Jagd vertraut und kennt Kanada gut, was der Atmosphäre, die im Buch herrscht, Dichte und Glaubwürdigkeit verleiht. Kanada, so kommt es mir vor, ist für ihn ein besseres, ein unbelastetes Amerika. Hätte Obama die Wahl nicht gewonnen, so wäre er dorthin ausgewandert, berichtet er in Interviews, und dass er es im Falle eines Präsidenten Romney wieder in Erwägung ziehen würde. Dass er das Buch schlicht „Kanada“ genannt hat, darf durchaus als Statement gewertet werden. Sein stiller Held Dell, der im anderen Amerika bleiben wird, wird lange brauchen, bis er die einschneidenden Erlebnisse seiner Jugend, die ihn sein Leben lang begleiten werden, verarbeitet hat. Im Lauf der Zeit erreicht er, dass er dem Menschen treu bleibt, als der er sein Leben begonnen hat. Das war eine Maxime seiner unglücklichen Mutter. Warum sie sich auf stümperhaft anmutende Weise verlor, konnte Ford nicht ganz glaubhaft machen, was dem wehmütigen Zauber, der über seiner Geschichte liegt, aber nicht schadet.

„Kanada“ ist ein berührendes literarisches Glanzstück, in dem es um Liebe, Verlust, Trauer, Ertragen und Bewältigung geht. Nicht immer trifft man die Menschen dort an, wo sie hingehören. Entwurzelung geht mit einer Leere einher, die aus eigener Kraft gefüllt werden muss. Wird man in jungen Jahren benutzt und vor allem nicht richtig behütet, gehört man nie mehr so ganz irgendwo dazu. Das Leben wird uns leer geschenkt, sagt Florence zu Dell im Buch, und es ist unsere Aufgabe, das Glücklichsein zu erfinden. Dell Parson, der die Mentalität des Bewahrens und Verdrängens gleichermaßen besitzt, findet einen Platz in der Welt, wo er nach seinen Bedürfnissen leben kann, obwohl alles auch ganz anders, vielleicht besser hätte verlaufen können. Und er erfährt, dass es mit etwas Glück möglich ist, ein gutes Leben zu haben, auch wenn immer etwas fehlen wird und die blassen Gespenster der Vergangenheit nicht endgültig weichen wollen. Gutes kann auch aus einem beharrlichen Trotzdem entstehen. Zufriedenheit und Wohlbehagen sind mindere, aber auch zuverlässigere und langlebigere Formen des Glücks. Mit denen muss man sich unter Umständen begnügen. Was schon sehr viel ist.

Dell und Berner Parson werden selbst nie Kinder haben.

Helga Kurz
30. August 2012
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am 13. Februar 2013
Vielleicht ein moderner Bildungsroman? Die Geschichte eines jungen Mannes, seiner Familie - und zugleich der Ambiguität zweier eng benachbarter Staaten, nämlich USA und - Kanada, die ja zusammen den nordamerikanischen Kontinent bilden. Die Familie wird auseinander gerissen, als der Vater nach illegalem Handel mit Rinderhälften schließlich nach einem Banküberfall geschnappt wird. Bruder und Schwester sind zunächst über Jahrzehnte getrennt, bevor sie wieder zueinander finden, jedenfalls kurzzeitig. Das Leben des Bruders ist es, dem wir folgen, parallel die Vorgeschichte ergründend, mithilfe von eingestreuten Rückblick-Kapiteln. Früh wird klar, dass die Mutter sich umgebracht hat und der Vater im Gefängnis sitzt. Rechtzeitig nach Kanada ausgewandert", kann Dell sich sein Leben entwickeln - doch bis zur Bürgerlichkeit ist es ein harter, steiniger Weg für ihn: Zentral im Mittelpunkt der Geschichte stehen seine Jahre als Gehilfe bei einem zwielichtigen Hotelbesitzer, der ebenfalls illegale Geschäfte betreibt. Doch anders als DellŽs Vater schafft er zielstrebig Reichtum daraus. Wie Autor-Kollege Jonathan Franzen verschafft auch Richard Ford dem Leser tiefe Einblicke in die US-Gesellschaft und ihrem Umgehen mit Minderheiten und Randständigen der Gesellschaft - und wiederum deren Umgang untereinander, siehe: Indianer. Angesprochen sind auch die Unterschiede beim Nachbarn Kanada, das so ganz anders mit seinen Ureinwohnern umzugehen scheint. Und es sind wieder die US-Amerikaner, die als Zugewanderte" dort ihr Umgehen mit Schwächeren übertragen. All dies aus dem Erleben eines Heranwachsenden und zugleich einer Art Rückblick des älter (alt?) Gewordenen. Über weite Passagen eine Ich-Erzählung, die Rückblicke wiederum aus der Meta-Position des Erzählers. So nimmt auch Leser unterschiedliche Positionen ein und gewinnt jeweils eine andere Perspektive ...
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 9. Dezember 2012
Richard Fords Roman ist für mich das Highlight zum langsam zu Ende gehenden Lesejahr 2012. Obwohl ich diesen Autor bis dato noch nicht gelesen habe, hat mich dieser Roman rundum überzeugt, immerhin schreibt er schon seit gut 35 Jahren Bücher! Bekannt wurde er vor allem durch seine Bascombe-Trilogie, Der Sportreporter,Unabhängigkeitstag (für den er 1996 den Pen Faulkner Award und den Pulitzerpreis erhielt) sowie dem Roman Die Lage des Landes. Kanada ist ein anspruchsvoller Roman, der leicht zu lesen ist, wunderbar geschriebene Passagen vorzuweisen hat, und für mich zu den ganz grossen amerikanischen Autoren gehört, die wir derzeit haben. Im vorliegenden Roman geht es um Erwachsen werden, aus seinem Leben etwas zu machen, auch wenn zum Scheitern verurteilte Familienereignisse nicht gerade die besten Voraussetzungen darstellen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Dell Parsons, und seine Zwillingsschwester Berner. Erzählt werden die Ereignisse, zwischen ihrem 11. und 16. Lebensjahr. Ford nimmt den Plot schon vorneweg, indem er schon im ersten Satz vom Raubüberfall der eigenen Eltern und bevorstehenden Morden, wie mit einem Paukenschlag den Roman eröffnet. Wir sind im Jahre 1960, wir sind in Montana, einem Ort namens Great Falls. Die Eltern sind in desolater Ehe, aus der sie nicht ausbrechen können, der Vater von der Air Force entlassen, weil er krumme Geschäfte betreibt, kämpft mit allen Mitteln, auch illegalen, um irgendwie seine Familie durchzubringen. Die Mutter ist Jüdin, liest Gedichte, schafft es nicht von ihrem Mann loszukommen, kann aber trotz allem ihren Kindern Werte vermitteln. Ford selbst bringt die Essenz des Romans selbst zum Ausdruck: "Wenn ich an die Zeit zurückdenke - an meine Vorfreude auf die Schule in Great Falls, an den Bankraub unserer Eltern, an das Weggehen meiner Schwester, an meinen Grenzübertritt nach Kanada und den Tod der Amerikaner - und dann an Winnipeg und daran, wo ich heute stehe, dann sehe ich all das in seiner Gesamtheit, wie eine musikalische Partitur mit einzelnen Sätzen oder ein Puzzle, und so versuche ich, mein Leben in einem intakten und akzeptablen Zustand zu erhalten, ganz gleich, welche Grenzen ich überschritten habe."

Richard Ford schreibt von Gegensätzen und Polaritäten, von Unschuld und Schuld, von Jugend und Erwachsen werden, von Gut und Böse, von Rebellion und Anpassung, vom Scheitern im Leben und dem ungebrochenen Willen, aus seinem Leben etwas zu machen. "..nichts konnte mich von meiner Zukunft fernhalten, die ich haben wollte." Was machen diese beiden jungen Menschen aus ihrem Leben, nachdem sie ansehen mussten, wie ihre Eltern nach einem stümperhaften und blöden Banküberfall von der Polizei in Handschellen abgeführt werden? Berner haut mit Freund Rudy nach San Franzisko ab, bevor das Jugendamt sie holen kommt, Dell wird auf Wunsch der Mutter, von ihrer Freundin nach Saskatchewan zu jenen zwei zwiellichtigen Männern gebracht, der eine Arthur Remlinger mit kriminellen Hintergrund, und da ist noch jener ominöse Charley Quarters, der sich schminkt und Lippenstift aufträgt...Über die ersten 100 Seiten, hat der Leser ein ungutes Gefühl auszuhalten, denn man spürt schon, dass die Zeichen nicht gut stehen...

Ein Roman, der vom Übergang von der Kindheit zum Erwachsen werden erzählen will. Eine Geschichte, bei der innere wie äussere Grenzen überschritten werden. Ein Autor, der uns von der Einzigartikeit dem Geschenk des Lebens erzählen will, und dem wie sehr es an uns liegt, ob wir im Stande sind, dem Leben Glück einzuhauchen. Der handlungsarme Dell lässt vieles über sich ergehen, blickt stumm zu haaresträubenden Ereignissen zu. Es ist vielmehr seine stille Haltung, die ihn trotz unglücklicher Umstände schliesslich dann doch vorwärts bringt, bis der Leser irgendwann merkt, dass uns hier ein 66-jähriger erfolgreicher Lehrer seine Jugendgeschichte erzählt. Während Dell aus seinem Leben etwas gemacht hat, ist parallel dazu seine Schwester im Leben gescheitert, der er am Ende ihres Lebens nochmal trifft. Richard Ford stellt hier wirklich die Frage, ob man aus einem verpfuschtem Leben noch etwas machen kann!? Ein Autor, der sich ausgesprochen gut, in das Innerseelische von Jugendlichen hineinfühlen und auch beschreiben kann.

Ein Roman über das Drama des Lebens, Ereignisse die alles im Leben in Frage stellen können, um menschliche Abgründe, Beziehungsverluste und der damit einhergehenden Einsamkeit, und der Frage ob wir wirklich glücklich gelebt haben. "Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?"..wird ihn seine Schwester Berner am Ende ihres Lebens fragen... Richard Ford schreibt auch von der stillen Liebe zu den Eltern, oder auch der eigenen Schwester in sehr berührender Art und Weise. Richard Ford schafft es in seinem Roman über ein gelebtes Leben hinaus eine Resonanz zu erzeugen, die grösser ist als das Erlebte. Können wir unser Innenleben erneuern, trotz all der Tragik die uns das Leben vor Augen hält? Der Autor hat drei Jahre an diesem Roman gearbeitet, der für mich eine Bereicherung sondergleichen war und ist, und um es mit den Worten von Elke Heidenreich zu sagen: Vor solchen Autoren müssen wir auf die Kniee gehen...wie Recht sie doch hat! Kanada ist ein grossartiges Buch!

Empfehlung.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 5. November 2012
Kanada" ist ein großartiger Roman, den ich gleichwohl streckenweise - insbesondere im zweiten Teil - wegen des langsamen Erzähltempos und zahlreicher Wiederholungen nicht ohne Widerstände gelesen habe. Im Kern ein Bericht, ist Kanada" aber auch eine Meditation über das Leben.
Dell, der Erzähler, berichtet von den zwei Ereignissen, die in seinem sechzehnten Lebensjahr sein Leben maßgeblich verändert haben: Von einem Banküberfall, den seinen Eltern begehen, und von zwei Morden, die der Mann, in dessen Obhut er daraufhin gegeben wird, begeht, um der Bestrafung für ein früheres Verbrechen zu entgehen.

Die beiden ersten großartigen Sätze des Buches lauten: First, IŽll tell about the robbery our parents committed. Then about the murders, which happened later." So beginnt der 65-jährige Dell Parson seinen Bericht über die Ereignisse, die ihn und seine Zwillingsschwester Berner im Alter von 15 Jahren für immer von ihren Eltern trennen. Eigentlich könnten wir es hier mit einem klassischen unerhörten Ereignis zu tun haben, das im Zentrum einer Shortstory steht, aber das Gegenteil ist der Fall: Ford eröffnet mit diesen Worten einen Roman, der sich Zeit lässt und sich nur langsam und in dem Tempo entwickelt, das der Erzähler benötigt, um immer wieder gewissenhaft zu hinterfragen, was genau er als Junge über seine Eltern, ihre Motive und die Tat gewusst hat.
Gibt es das perfekte, soll heißen: nicht aufzuklärende, Verbrechen? Gewiss ist nur, dass Bev Parson, Dells Vater, nicht der Mann ist, ein solches zu planen. Er, der nach seinem erzwungenen Abschied von der Luftwaffe versucht, sich im zivilen Leben mit verschiedenen Jobs über Wasser zu halten, wobei er eine Geschäfts(un)tüchtigkeit an den Tag legt, die es an Desastrosität mit der von James Joyce aufnehmen kann, kommt auf die wahnwitzige Idee, mittels eines Banküberfalls seinen Geldnöten ein Ende zu setzen. Tatsächlich aber ist es das Ende der Kindheit des Erzählers, das mit dem Überfall eingeleitet wird.
Eine Kindheit, die für die Zwillinge geprägt ist von sozialer Isolation, bedingt durch die zahlreichen Umzüge der Eltern, die Bev aufgrund seiner Arbeit bei der Luftwaffe seiner Familie zumutet; und geprägt von der Entfremdung der Mutter, die sich mit ihrem Mann genauso wenig wie mit ihrem sozialen Umfeld zufrieden geben kann und mag. So verwundert es nicht, dass Dell mit 15 Jahren Zuflucht sucht in Hobbies, die Ordnung und Verlässlichkeit versprechen: Schachspiel und Bienenkunde. Indem der Erzähler immer wieder ansetzt, seine Erinnerungen zu befragen und über Details und Motive Rechenschaft abzulegen, gelingt es Ford, dem Leser überzeugend vor Augen zu führen, wie sehr sich Dell nur eines wünscht, was seinen Eltern nicht gelungen ist: einen verlässlichen Platz zu finden, wo er sich heimisch fühlen kann. Ganz folgerichtig endet der erste Teil des Romans dann auch mit Dells expliziter Feststellung, dass es im Kern seines Berichts nicht um Verluste, sondern um Fortschritt und Entwicklung geht.

Zu Beginn des zweiten Teils findet sich Dell in Kanada wieder. Soll er sein Leben in der Weise fortführen, wie seine Mutter es vorgesehen hat oder die Initiative ergreifen und sein Leben selbst in die Hand nehmen, wie seine Schwester es getan hat? Nicht immer erkennt man die Wendepunkte im Leben, darüber ist Dell sich inzwischen klar geworden.
Paul Nizon hat es einmal sehr deutlich formuliert: Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren. Und dieser Gedanke fasst die Lektion zusammen, die das Leben für Dell bereit hält.
Trostlosigkeit, Armut und Einsamkeit umgeben Dell in Kanada, sein Alltag ist reduziert auf das, was es zum Überleben braucht: Essen, Schlafen, Arbeiten. Dell selbst ergibt sich weitestgehend in sein neues Schicksal.

Wie beim Schachspiel, dessen Faszination für Dell zu Beginn sicherlich auch darin liegt, dass es Ordnung und Regelwerk in seinem schwierigen Leben symbolisiert, so ziehen auch im Leben Handlungen Konsequenzen nach sich. Und um diese Folgen und die Notwendigkeit, sie im Leben anzuerkennen, geht es in Kanada".
Ob der Staat, in dem Dell lebt, nun USA oder Kanada heißt, verliert zunehmend an Bedeutung, als Dell sich bewusst wird, dass er sein Leben annehmen und führen muss. Hierbei gibt es keine Instanzen, die ihm helfen können. Und so wundert es nicht, dass Dell in Kanada sein Buch über Bienenzucht zurück lässt, nachdem der Traum von einem wohlgeordneten Gemeinwesen, in dem jedes Individuum seinen Platz hat, geplatzt ist.
Arthur Remlinger, der Mörder aus dem zweiten Teil des Buches, wird für Dell zum Beispiel für das Schicksal eines Menschen, der seine Vergangenheit nicht annimmt und sich mit ihr nicht aussöhnt bzw. die Verantwortung für sein Tun nicht übernimmt.
Dell wird sein Leben in Kanada führen, dort die Schule besuchen, den Beruf des Lehrers ergreifen und heiraten. Also ein Happy End? Sicherlich nicht. Richard Ford entfernt sich nie von den meist harten Realitäten und dem Leser sind wie dem Protagonisten Seufzer glücklicher Erleichterung nicht vergönnt. Ein niederdrückender Roman? Auch das nicht, denn Dells Lektion, die ihn das Leben gelehrt hat, überträgt sich auf den Leser.
Ein bedeutender Roman, der sich nicht immer zügig liest, den ich aber sicherlich nicht so schnell vergessen werde und der den Leser beschäftigt. Neben den genauen und realistischen Schilderungen, exakten Formulierungen und eindringlichen Landschaftsbeschreibungen, hat mich auch die Symbolik beschäftigt, mit der es Ford gelingt, Hoffnungen und Wünsche des Erzählers zu transportieren, ohne dabei pathetisch zu werden.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 500 REZENSENTam 21. September 2012
so präsentiert sich das schwermütige Epos des Autors Richard Ford, in dem Dell Parson auf eine Episode in seiner Jugendzeit zurückblickt, die sein gesamtes Leben verändert hat.
In einer für die ganze Familie schwierigen Situation werden Dells Eltern zu Bankräubern, das Leben der bis dahin "anständigen" Familie verändert sich von einem auf den anderen Tag und Dell und seine Zwillingsschwester Berner müssen mitansehen, wie ihre Eltern verhaftet und als Verbrecher abgeführt werden. Es folgt ein Leben außerhalb der Gesellschaft - so erscheint es zumindest unmittelbar danach.

Doch es gibt auch ein Davor: detailliert wird der Leser eingeführt in die Verhältnisse und Hintergründe der Familie Parson - für meinen Geschmack teilweise zu detaillert, verliert sich der Autor doch seitenweise in Einzelheiten.

Als Folge der Tat seiner Eltern wird Dell durch Zufall von seiner Schwester getrennt und kommt nach Kanada, wo er eine neue, noch größere Dimension von Einsamkeit erfährt und Zeuge einer Gewalttat, eines noch schlimmeren Verbrechens wird.

Auf mich wirkt diese Schilderung wie eine Art moderner Western - vergleichbar mit dem Film "12 Uhr mittags", in dem alles auf diesen Zeitpunkt hinausläuft, an dem die Handlung kulminiert und die entscheidende Wendung erfolgt. In diesem Buch ist es nicht ein, sondern mehrere Momente, die jedoch alle in eine bestimmt Phase von Dells Leben fallen - es ist also eine entscheidende Episode, die hier als westernartige Abrechnung geschildert wird - wenn man die Geduld hat, sich auf die bereits erwähnten Details einzulassen, kommt man hier in den Genuss einer großen literarischen Leistung, denn der Pulitzer-Preisträger Ford kann schreiben, und wie!

Nichts für Freunde actionreicher Erzählkunst, wohl aber für diejenigen, die die neue amerikanische Literatur, aber auch deren Tradition schätzen, denn in diese fügt sich Fords neuester Roman "Kanada" nahtlos ein.
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5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 29. November 2012
Der Roman "Kanada" von Richard Ford scheint zunächst den falschen Titel zu tragen, denn er ist kein Roman über das Land "Kanada", sondern die Erzählung über das schwierige Hineinwachsen eines Fünfzehnjährigen in die Welt der Erwachsenen. Es handelt sich zu allererst um einen Bildungsroman, und das Werk ist in diesem Sinne ein sehr deutscher Roman, wo wir eine lange Tradition des Bildungsromans kennen, von Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre", über Gottfried Kellers "Der grüne Heinrich" bis zur Parodie des Bildungsromans in der Figur des Oskar Matzerath in Grass` "Die Blechtrommel".
Der junge Dell, der Protagonist in Richard Fords Roman, erlebt in der Tat ein schmerzvolles Hineinwachsen in die problematische Welt der Erwachsenen, denn er ist gerade fünfzehn Jahre alt, als seine Eltern einen stümperhaften Banküberfall durchführen und dafür ins Gefängnis gehen. Dell und seine Zwillingsschwester Berner sollen nach dem Willen der Mutter dem Zugriff der staatlichen Waisenheime entzogen werden. Während die Schwester Herr ihres Lebens bleiben möchte und sich eigenmächtig absetzt, wird Dell, wie die Mutter es noch vor ihrer Verhaftung zusammen mit ihrer einzigen Freundin in die Wege geleitet hat, über die Grenze nach Kanada gebracht und dort Arthur Remlinger, dem Bruder der Freundin, übergeben.

Dell und seine Schwester Berner sind in der Nähe von verschiedenen Luftwaffenstützpunkten aufgewachsen, in Mississippi, Kalifornien und Texas, zuletzt in Great Falls, Montana. Sie befinden sich von Anfang an in einer schwierigen Situation, denn es gibt keinen Ort, von dem sie sagen könnten, dass sie dort hingehören würden und Wurzeln geschlagen hätten. Das ist zunächst dem Beruf des Vaters geschuldet, der als Soldat bei der Air Force in verschiedenen Standorten stationiert war, aber auch dessen unstetem Charakter. Der Vater versucht sich nach seiner unehrenhaften Entlassung aus der Army in wechselnden Jobs und verstrickt sich dabei auch immer wieder in unlautere Geschäfte. Geschuldet ist Dells Situation aber auch der bewussten Einstellung der Mutter, die streng darauf achtet, dass ihre Kinder Distanz halten zur jeweiligen Umgebung, in der sie ohnehin nicht lange bleiben werden. Dell und seine Zwillingsschwester Berner leben in diesem Sinne noch ein unbestimmtes Leben, ohne klare Festlegungen und Bindungen. Es scheint fast so, als würde Richard Ford die Schriften des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre ganz gut kennen, der die Ausgangssituation jeder menschlichen Existenz ähnlich beschreibt: Jeder lebt, so der Philosoph des Existentialismus, sein Leben zunächst ohne vorgegebenen Sinn, er führt eine "Nullpunkt-Existenz", er muss sich erst selbst entwerfen und definieren. Der Erzähler wird es am Ende des Romans fast ähnlich formulieren: "Ich glaube daran, [...] dass uns das Leben leer geschenkt wird." (S.462) Dass der junge Dell die Leere in seinem jungen Leben überwinden will und eine tiefe Sehnsucht nach einem geordneten Leben mit festen Regeln und Konturen in sich trägt, zeigen seine selbstgewählten Hobbys: Er begeistert sich für das Schachspiel und interessiert sich für die Haltung von Bienen. Bezeichnenderweise werden beide Hobbys von seiner Umgebung eher abgeblockt als gefördert. Die Verhaftung der Eltern markiert freilich einen Punkt, an dem Dell zunächst jede Möglichkeit genommen wird, einen eigenen Lebenswurf zu entwickeln.

Fortan beschäftigt sich der Roman mit zwei Leitfragen: Einmal ist da die Frage, wie konfliktträchtig oder gar zerstörerisch eine wurzellose Existenzform, wie Dell sie in Great Falls geführt hat und in Kanada noch zugespitzter führen wird, letztlich sein muss, wenn sie nicht überwunden wird. Dell wird sich in seiner neuen kanadischen Umgebung bewusst oder unbewusst ständig die Frage stellen, ob er einmal eigenständig darüber wird befinden können, was aus ihm in der Zukunft werden soll. Mit dieser ersten Leitfrage verbindet Ford eine zweite, nämlich die nach der Determiniertheit des einzelnen Lebens. Immer wieder schneidet der Erzähler die Frage an, wie bestimmte Taten und Entscheidungen, seien es fremde oder eigene, den weiteren Lebensweg beeinflussen, und welche Möglichkeiten es gibt, sich einmal eingetretenen Determinierungen in der Folge zu entziehen.

Nach dem einzigen und letzten Besuch bei den verhafteten Eltern im Gefängnis klingt Dells Position zunächst noch recht selbstsicher: "Diesen kurzen Moment lang fragte ich mich, ob Berner und ich genau das waren: festgelegte Figürchen, die von größeren Kräften als uns herumkommandiert wurden. Ich beschloss, dass wir es nicht waren." (S.229) Die Konstellationen in der neuen Umgebung in Kanada sind für Dell dann freilich alles andere als günstig. Wenn er sich selbst definieren, oder wie Sartre sagen würde, "selbst entwerfen" soll, dann bräuchte er jetzt günstige Entwicklungsmöglichkeiten und vor allem positive Vorbilder, nach denen er seinen Lebensentwurf ausrichten könnte. Die Verhältnisse und die Menschen freilich, mit denen er es zu tun bekommt, geben ihm diese Perspektive nicht. Arthur Remlinger besitzt in Fort Royal das heruntergekommene Hotel Leonard, in das sich hauptsächlich Amerikaner einmieten, die wegen der Gänsejagd in die Stadt kommen. Organisiert werden die Jagdgesellschaften von dem finsteren Charley Quarters, dem Dell zur Hand gehen muss. Die Verhältnisse sind rundherum nicht einladend: Er wird außerhalb von Fort Royal in der Ansiedlung Partreau untergebracht, einem verlassenen Dorf, in dem von manchen Häusern nur mehr die Grundmauern stehen. Dort haust er in einem baufälligen Gebäude, das mit alten Kartons vollgestellt ist, in denen Arthur Remlinger die Dinge aus seinem früheren Leben aufgehoben hat. Bald merkt der Leser, dass die beschriebenen Milieus, das zerfallene Partreau und das verrufene Leonard, jeweils das nach außen gestülpte Innenleben von Dells "Beschützern" widerspiegeln. Seine "Mentoren" sind alles andere als positive Vorbilder. Obwohl er von ihnen beachtet werden will, spürt er doch zusehends, dass sie ihn ins Negative hinunterziehen werden.

Lediglich die Lebensgefährtin von Arthur Remlinger, die Malerin Florence La Blanc, zeigt Sympathie für den Jungen und erweist sich in gewisser Weise als positive Mentorin. Man kann vermuten, dass es ihr Einfluss im Hintergrund ist, dass der Junge unbeschadet jene ersten Wochen zwischen dem finsteren Charley Quarters, dem sprunghaften Remlinger und all den betrunkenen amerikanischen Gänsejägern einigermaßen unversehrt übersteht. Sie sorgt sich um den Lebensplan des Jungen und unterstreicht es mit einer Formel, die höchstpersönlich von Sartre stammen könnte. "Wir bekommen das Leben leer geschenkt", sagt sie zu dem fünfzehnjährigen Protagonisten und fügt hinzu: "Für die Sache mit dem Glück müssen wir uns schon selber etwas einfallen lassen." (S.325f.) Sie ist es schließlich auch, die Dell zu ihrem Bruder nach Winnipeg schicken will, damit er dort die katholische Highschool besuchen kann.

Nicht nur für den Protagonisten Dell, sondern für sein gesamtes Personal geht Richard Ford der Frage nach, inwieweit einschneidende Erlebnisse das weitere Leben so stark determinieren, dass ein freier Lebensentwurf gar nicht mehr möglich ist. Für Dell ist ohnehin klar, dass die Taten seiner Eltern ihn und seine Schwester massiv aus der Bahn geworfen haben. Aber auch Charley Charters ist ein Gefangener seines früheren Lebens, insofern ein nicht näher genannter Fehltritt, von dem Remlinger weiß, ihn dazu zwingt, für Remlinger den Handlanger zu spielen und die Drecksarbeit zu machen. Auch den undurchsichtigen Arthur Remlinger wird, wie sich bald herausstellen wird, sein früheres Leben einholen. Schließlich verwirft Richard Ford jedoch den Standpunkt eines einseitigen Determinismus. Remlinger hätte, wenn er gleich für sein Vergehen Verantwortung übernommen hätte, die Chance für einen Neuanfang gehabt, und Dell kann, trotz Verstrickung in ein Verbrechen, schließlich eine zweite Chance bekommen, weil er selbst nicht schuldig geworden ist.

Am Schluss gibt sich der Erzähler genauer zu erkennen: Er ist 66 Jahre alt, lebt in Kanada, in Windsor, Ontario, ist seit vielen Jahren verheiratet und unterrichtet als Lehrer. Seine Pensionierung scheint der Anlass zu sein, auf seine Jugend zurückzuschauen. Explizit greift er die zwei Leitfragen zum Schluss nochmals auf: Hat sein Leben einen halbwegs sinnvollen Verlauf genommen, und wie groß daran war sein eigener Anteil: War er nur das Figürchen, das andere geführt haben, oder hat er an seinem Leben verantwortlich mitgestaltet?
Natürlich hat er nach der Tat seiner Eltern zunächst ein verpfuschtes und mit Irrtümern behaftetes Leben vor sich gehabt. Das hat Dell übrigens mit seinen Brüdern aus dem deutschen Bildungsroman gemeinsam. Auch in Goethes "Wilhelm Meister" zum Beispiel bekennt der Held: "Leider hab` ich [..] nichts zu erzählen als Irrtümer auf Irrtümer, Verirrungen auf Verirrungen". Trotzdem findet im Goethe-Roman Wilhelms Entwicklung ein harmonisches Ende, wofür zunächst eine im Hintergrund wirkende geheimnisvolle "Turmgesellschaft" verantwortlich ist, die immer wieder steuernd in Wilhelms Leben eingreift. In gewisser Weise ist für Dell die Künstlerin Florence La Blanc jene Figur, die aus dem Hintergrund sein Leben wohlwollend begleitet und letztlich zum Besseren wendet. Wahrscheinlich zählt der Erzähler auch seine spätere Frau zu diesen läuternden Einflüssen. Von der Schwester nach dem gelungenen Leben gefragt, sagt er: "Ich habe die Richtige geheiratet."(S.453)

Goethes Wilhelm Meister ist kein aktiver Held, es mangelt ihm an bewusster zielorientierter Aktivität, gleichwohl gelangt er, gleichsam als Gabe eines wohlgesonnenen Schicksals, an ein harmonisches Ende. So ähnlich sieht es wohl auch der gealterte Erzähler in seinem Fall. Als er, bereits pensioniert, ein letztes Mal seine Schwester trifft, die sich nur schwer mit ihrem verpfuschten Leben aussöhnt, wird er von ihr gefragt: "Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" (S.453) Der Erzähler windet sich um eine klare Antwort herum, hat er doch in seinem Leben genauso viel Fremd- wie Selbstbestimmung erfahren. Er für seinen Teil ist gut damit gefahren, die Dinge hin- und anzunehmen, wie sie auf ihn zugekommen sind, und dann zu versuchen, "aus alldem [..] ein Leben zu machen." (S.432) Schließlich lässt er sich von der fragenden Schwester ein halbherziges Ja zum gelungenen Leben abringen und fügt hinzu: "Ich habe es gelebt." (S.453) In diesem Bekenntnis des Erzählers klingt an, dass er einen eigenen Anteil am halbwegs gelungenen Leben erkennt, es schwingt aber auch, ähnlich wie bei Wilhelm Meister, die optimistische Überzeugung mit, dass in dem Gewirr der Wirklichkeit letztlich - wie der Erzähler es später ausdrückt - "das Gute geborgen ist, auch wenn es, zugegeben, nicht immer leicht zu finden ist." (S.462)

Allerdings sind es nicht bloß glückliche Fügung und Annahme der Lebensumstände, die Dells Lebensgeschichte versöhnlich enden lassen, sondern es gibt auch einen wichtigen Beitrag, der ihm selbst zuzurechnen ist, und das ist sein unbedingter Wille zur Ausbildung. Die Wichtigkeit dieses Aspekts ist schon bei Goethe thematisiert, der seine Hauptfigur formulieren lässt: "Daß ich Dir's mit einem Wort sage: mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend auf mein Wunsch und meine Absicht." Auch Dell ist von Anfang an einer, der nach Bildung strebt: Er liest Bücher über Schach und das Imkereiwesen. Bei seiner Flucht nach Kanada kann er nur wenig mitnehmen, er packt aber seine Bücher ein, und weil er von seinem geliebten "Welt-Lexikon" nur zwei Bände mitnehmen kann, wählt er die Bände "B" und "M" aus - "das waren besonders dicke, in denen mehr stand." (S.168) Er leidet bei Remlinger am meisten darunter, dass er nicht zur Schule gehen kann, er erkundet wissensdurstig auf eigene Faust die Umgebung seines neuen Aufenthaltsortes, schließlich macht er sogar den naiven Versuch, in einer Schule für gefallene Mädchen den Unterricht besuchen zu dürfen, was natürlich schon im Ansatz scheitert.

"Hast du das Gefühl, du hast ein wunderbares Leben gelebt?" - Richard Ford, so weitgehend er dem existentialistischen Motto Sartes von einem "leeren Lebensbeginn" zustimmt, folgt dem französischen Philosophen und dessen hymnischer Forderung nach dem großen Selbstentwurf nur sehr eingeschränkt. Ford gibt seinen Lesern vielmehr mit, dass der Mensch, will er nicht scheitern, egozentrische Ansprüche hintanstellen und sich zur Einordnung in vorgegebene Zusammenhänge entschließen muss. Damit verbunden ist die Forderung nach Einschränkung und der Fähigkeit, gut mit Verlusten umgehen zu können. Aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass das elementare Bildungsstreben eine wichtige Voraussetzung darstellt, damit aus Einordnung etwas Eigenständiges entstehen kann. Und mit diesen Vorschlägen ist Richard Ford näher bei "Wilhelm Meister" und dem deutschen Bildungsroman als bei Sartes subjektivistischer Existenz-Philosophie.

Dass der gealterte Dell auf seine Jugend zurückblickt, prägt auch die Art und Weise, wie dieser Roman erzählt wird. Der Leser wird wiederholt mit eingestreuten Alters-Reflexionen konfrontiert, lässt sie sich aber gerne gefallen, auch wenn sie gelegentlich etwas nebulös formuliert sind. An einigen Stellen wünschte sich der Leser freilich eine etwas straffere Erzählweise, aber Richard Fords Roman ist im Ganzen eine spannende Lektüre, wenn man bereit ist, sich auf psychologische, mitunter auch auf weltanschauliche Fragen einzulassen.
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16 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 14. September 2012
Der 15-jährige Dell und seine Zwillingsschwester Berner wohnen mit ihren Eltern in Great Falls, einem kleinen Provinznest. Bev, der Vater, versucht nach seiner Entlassung bei der Air-Force mit diversen Jobs seine Familie über Wasser zu halten. Er und seine intellektuelle Frau Neeva scheinen nicht wirklich eine Einheit zu bilden, Neeva wünscht sich ein anderes Leben, schafft es jedoch nicht, sich von ihrem Mann zu trennen. Als Dell's Eltern einen Banküberfall begehen, lässt die Verhaftung nicht lange auf sich warten, die Kinder bleiben traumatisiert zurück. Dell wird nach Kanada geschickt, zum zwielichten Hotelbesitzer Arthur Remlinger, wo er - minderjährig und ohne Papiere - mehr oder weniger Gefangener seiner eigenen Situation und Vergangenheit ist. Die Erwachsenen, von denen er umgeben ist, setzen eigennützige Erwartungen in ihn, von denen er sich erdrück t und ausgenutzt fühlt. Seine Zukunftsperspektiven sind alles andere als vielversprechend. Als ein weiteres, schwerwiegendes Ereignis seinen Glauben an die Menschheit erschüttert, kommt er zu wichtigen Erkenntnissen, die seine Zukunft für immer prägen werden. Doch diese wird immer mit Kanada verbunden bleiben...
**
Richard Ford lenkt scheinbar zunächst ab, nicht Dell und sein Leben in Kanada sind Mittelpunkt dieser Geschichte, sondern um den Leser die Zusammenhänge und Gemeinsamkeiten verstehen zu lassen, holt er weit aus: er lässt Dell rückwirkend seine eigene Geschichte erzählen, so, wie er sie als 15-jähriger Junge und Sohn seiner Eltern wahrgenommen hat. Dazu werden die Persönlichkeiten und Charaktere sowohl von Vater Bev als auch von Mutter Neeva beleuchtet und analysiert, außerdem versucht Dell zu begreifen und zu erklären, wie und warum seine Eltern sich so veränderten, dass sie sich sogar zu einem Bankraub hinreißen ließen. Ob Dell diese Erklärung für und vor sich selbst gelungen ist? Es scheint so, denn Dell macht aus seinen Situationen das jeweils Beste, er muss in Kanada gezwungenermaßen von heue auf morgen erwachsen werden - eine andere Chance bleibt ihm nicht. Und wie er selbst erkannt hat: Mit der Grenzüberquerung wurde man aber auch zu einem anderen Menschen - das geschah jetzt mit mir, und ich musste es annehmen". Wobei Grenze" hier durchaus eine Doppelbedeutung annimmt. Doch seine fehlende Lebenserfahrung und Naiivität lassen ihn vieles zunächst nicht verstehen, erst nach und nach erschließt sich der Sinn vieler unbeanworteter Fragen.
Beeindruckend und teilweise melancholisch werden seine Erlebnisse, seine Gefühle geschildert und die Erkenntnisse, die er für sich selbst trifft: dass die Zukunft von der Vergangenheit geprägt wird, aber es gleichzeitig auch jeder selbst in der Hand hat, seine Zukunft zu gestalten oder Ereignisse, die das ganze Leben verändern, sehen manchmal nicht danach aus".

Der Autor lässt die Handlungsorte lebendig werden, der Leser kann sich gut in das Provinznest Great Falls hineinversetzen, sich die Bewohner vorstellen, für die Dell und seine Familie vollkommen unbedeutend sind. Auch der kanadische Ort Fort Royal ersteht bildhaft vor dem inneren Auge und dem Autor gelingt es auf einzigartige Weise, die Situationen, z.B. vor, während und nach dem Bankraub so athmosphärisch dicht zu beschreiben, dass die Luft im wahrsten Sinne des Wortes zum Schneiden ist. Aber auch die Gänsejagd in Kanada, Dell's Einleben im kanadischen Saskatchewan werden so real, dass man dabeizusein scheint.

Die Charaktere der Personen sind glaubhaft und man kann sich kaum vorstellen, dass es hier um ein rein fiktives Erlebnis handelt - zu intensiv werden die Gefühle von Dell geschildert, so dass man mit ihm fühlt, sich vorstellen kann, wie es in ihm aussehen muss: der Jugendliche, der in diesem prägenden Alter nach Antworten und seinem Platz im Leben sucht. Man möchte ihm am liebsten behilflich sein und ihm der Freund sein, den er so dringend benötigt.
Die Veränderung und Entwicklung, die Dell in diesem einem Jahr - seinem 16. Lebensjahr - durchmacht, ist enorm und seine Erkenntnisse, die er oft erst im nachhinein macht - beim Aufschreiben dieser Geschichte - sind auf den Punkt gebracht, z.B. ...ist die Zeit nur eine erfundene Größe und verliert an Bedeutung, ganz zu Recht" oder:, Merkwürdig, was einen dazu bringt, über die Wahrheit nachzudenken". Diese Sätze machen dieses Buch, diese Geschichte zu einem wahren Leseerlebnis, das nachdenklich stimmt und zu etwas Besonderem werden lässt.

Fazit:
Ich kann Kanada" absolut weiterempfehlen, es ist ein etwas anspruchsvollerer Roman voller philosophischer Anregungen, Erkenntnissen, und ein Buch, das dem Leser Geschehnisse und Personen anschaulich und atmosphärisch dicht ans Herz legt. Richard Ford kannte ich bisher noch nicht, aber Kanada" hat mich überzeugt und ich werde nach seinen Büchern Ausschau halten!
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8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 30. September 2012
Selten gibt es Bücher, die Leser mit den ersten Sätzen begeistern und für die Geschichte einnehmen. „Kanada“ von Richard Ford ist so ein Buch und gerade diese ersten Sätze beschreiben den Inhalt perfekt ohne zu viel zu verraten: „Zuerst will ich von dem Raubüberfall erzählen, den meine Eltern begangen haben. Dann von den Morden, die sich später ereigneten. Der Raubüberfall ist wichtiger, denn er war eine entscheidende Weichenstellung in meinem Leben und in dem meiner Schwester. Wenn von ihm nicht als Erstes erzählt wird, ergibt der Rest keinen Sinn. Meine Eltern waren die unwahrscheinlichsten Bankräuber der Welt. Sie waren keine verrückten Leute, keine offensichtlichen Kriminellen. Niemand hätte geglaubt, dass ihr Schicksal diesen Verlauf nehmen würde. Sie waren ganz normal – obwohl diese Aussage natürlich null und nichtig wurde, als sie tatsächlich eine Bank überfielen.“ Seite 11

Mit diesen lakonischen Sätzen beginnt Richard Ford eine etwas andere Familiengeschichte um Dell, einen 15 jährigen Jungen aus den frühen 60er Jahren. Der Banküberfall und die anschließende Verhaftung seiner Eltern bestimmen von nun an sein Leben und das seiner Zwillingsschwester Berner. Sie verlieren nicht nur ihre Eltern sondern auch sich selber und ihre gewohnte Umgebung. Eine Freundin der Familie bringt Dell zu ihrem Bruder, der in Kanada wohnt, um ihn vor dem Waisenhaus zu bewahren. Doch auch dieser hat eine dunkle Vergangenheit, die ihn einzuholen droht…

Im Rückblick auf seine Jugend erzählt Dell die Geschichte seiner Familie – einer sehr unglücklichen Familie - und auch seiner eigenen, vor und nach dem Banküberfall, den illegalen Geschäften und den Morden. Er erzählt von unerfüllbaren, märchenhaften Träumen und Sehnsüchten nach einem ganz normalen Dasein und einem festen Platz im Leben. Wir als Leser dürfen viele interessante aber auch melancholische Alltagsszenen aus den 60ern miterleben, wie die Ausflüge in den Straßenkreuzern der damaligen Zeit oder den typischen Fernseh- oder Spieleabende. In beeindruckenden Bildern schildert er die Tristesse, die er am Anfang in Kanada erlebt und wir erfahren sehr viel über die Konsequenzen der Verbrechen.
Es ist die Chronik einer unglücklichen Familie und der eines Verbrechens, bei dem einen einzigen Fehler ein ganzes Leben bestimmt.

„Kanada“ war mein erster Roman von Richard Ford und wird hoffentlich nicht der letzte sein, den ich von diesem außergewöhnlichen Autor lesen werde. Einigen mag sein Schreibstil zu detailliert und langatmig erscheinen, mir gab er einfach die Möglichkeit, die Tiefe seiner Worte zu erkennen. Sein Händchen für Charaktere hat mir ein sehr unterhaltsames Kopfkino beschert. Es war, als würde diese schwermütige Familiengeschichte, die mir manchmal wie ein moderner Western vorkam, vor meinen Augen ablaufen. Dells Geschichte war für mich sehr ergreifend, bewegend und bitter, wenn auch realistisch. Er hat mir gezeigt, dass egal was auch passiert, man es immer selbst in der Hand hat, etwas aus seinem Leben zu machen und seine Träume zu realisieren.

Richard Ford hat mir mit „Kanada“ ein wirkliches Lesevergnügen bereitet und mir bewiesen, warum er zu den großen Gegenwartsautoren zählt.
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