Pressestimmen
"Kinderfragen und Gleichnisse tragen mit grosser Würde das Gewicht der Welt, an dem die Familie zerbricht. Sanft eskaliert der Schmerz in diesem Roman, und am Ende will er nicht mehr weichen." Andreas Breitenstein, Neue Zürcher Zeitung, 27.01.07 "Das Buch ist aus zahllosen gleichberechtigten Erzählsplittern zusammengesetzt, und dass der Roman trotzdem nicht einfach in tausend Einzelteile zerspringt, so wie die Standuhr, die Harrys Vater eines Abends aus lauter Verzweiflung im Wohnzimmer zu zerlegen beginnt, ist vor allem Marcelo Figueras' sorgfältigem Umgang mit der Sprache zu verdanken." Kolja Mensing, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.09.06 "Figueras' Blick auf die argentinische Militärdiktatur trifft einen Ton, der noch Wochen nachklingt." Christine Pries, Frankfurter Rundschau, 14.12.06 "Zärtlich, sensibel und voll warmem Humor werden aus der Sicht eines 10-Jährigen die schrecklichen Geschehnisse nach dem Putsch der argentinischen Militärjunta 1976 geschildert, die er nur durch den Rückzug in eine Fantasiewelt verarbeiten kann. Traurig und tief bewegend." Elke Heidenreich, 21.11.06 "Man wird die Geschichte von Harrys Familie nie mehr vergessen." Marko Martin, Literarische Welt, 06.01.07
Elke Heidenreich, LESEN! (ZDF), 21. November 2006
"Zärtlich, sensibel und voll warmem Humor."
Kurzbeschreibung
Kurz nach dem Militärputsch in Buenos Aires 1976 taucht ein regimekritischer Anwalt mit seiner Familie in einem abgelegenen Landhaus unter. Was für die Eltern bitter-gefährliche Überlebenstechnik ist, wird für die beiden Söhne zu einem grandiosen Abenteuer mit Codes, Agenten und Verstecken. Figueras verwebt aus der Sicht des zehnjährigen Harry Bedrohung und Spiel, Spannung und Angst zu einem tragikomischen Roman voll existenzieller Kraft und mit einer wunderschönen Erzählstimme.
Über den Autor
Marcelo Figueras, geboren 1962 in Buenos Aires, arbeitete als Journalist für verschiedene Zeitschriften, als Kulturredakteur für die Tageszeitung Clarín und als Redakteur der Zeitschrift Viva. Er veröffentlichte mehrere Romane und schrieb Drehbücher, etwa zum Roman "Brennender Zaster" von Ricardo Piglia und zu eigenen Romanen. Der Kinofilm "Kamtschatka" (Regie Marcelo Piñeyro) wurde an der Berlinale 2003 ausgezeichnet.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
11. Wir verschwinden Mama steckte den Kopf in das Klassenzimmer und fragte, ob sie eintreten dürfe. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, das mir sehr gefiel, weil es ihre Wespentaille betonte. Sie hatte wie immer eine brennende Zigarette zwischen den Fingern. Vielleicht war das das einzige Merkmal eines verrückten Wissenschaftlers an Mama, abgesehen von ihrer Neigung, alles mit physikalischen Begriffen erklären zu wollen und selbst ein Fußballspiel als komplexes System von Massen, Widerständen, Vektoren und Energien zu sehen. Mama benutzte die Schachtel ihrer Jockey, um alles Mögliche zu notieren, von Telefonnummern bis hin zu Formeln, und dann vergaß sie, dass sie etwas Wichtiges notiert hatte, und warf die Schachtel weg. Das war Gesetz, so unumstößlich wie das Gesetz der Schwerkraft. Fräulein Barbeito stoppte den Film und flüsterte mit Mama. Ich nutzte die durch ihr wundersames Erscheinen entstandene Verwirrung, um Bertuccio nicht noch mehr Buchstaben vorzusagen, bis ich mir sicher war (noch ein Fehler, und ich starb am Galgen). Was hatte Mama hier zu suchen? Musste sie um diese Uhrzeit nicht im Labor sein? Hatte sie das Schulgeld bezahlt und war auf dem Weg kurz vorbeigekommen, um hallo zu sagen? »Pack deine Sachen, du musst jetzt gehen«, sagte Fräulein Barbeito zu mir. Ich setzte ein leicht triumphierendes Gesicht auf und packte alles in die Tasche. Bertuccio wirkte beleidigt. Mama hatte ihn um seinen Sieg gebracht. Er füllte die Lücken mit den fehlenden Buchstaben aus und fragte mich, was wir am Nachmittag unternehmen würden. »Das Gleiche wie immer«, erwiderte ich: »Nach der Englischstunde komme ich zu dir«. »Meine Mutter macht Schnitzel«, sagte er, um mich endgültig zu überzeugen. Und das gelang ihm natürlich. Wenn ich Großvaters Satz noch vervollständigen dürfte, würde ich sagen: der liebe Gott steckt in den Details und in den Schnitzeln von Bertuccios Mama. Da gab er mir das Zettelchen mit dem Galgenmann. Es stand jetzt nicht mehr A_ A _ A _ A _ _ A darauf. Die Lösung war einfach und elegant. Oder besser gesagt magisch. Bertuccios Wort lautete: abracadabra.
Auszug aus Kamtschatka von Marcelo Figueras, Sabine Giersberg. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
11. Wir verschwinden
Mama steckte den Kopf in das Klassenzimmer und fragte, ob sie eintreten dürfe. Sie trug ein dunkelblaues Kostüm, das mir sehr gefiel, weil es ihre Wespentaille betonte. Sie hatte wie immer eine brennende Zigarette zwischen den Fingern. Vielleicht war das das einzige Merkmal eines verrückten Wissenschaftlers an Mama, abgesehen von ihrer Neigung, alles mit physikalischen Begriffen erklären zu wollen und selbst ein Fußballspiel als komplexes System von Massen, Widerständen, Vektoren und Energien zu sehen. Mama benutzte die Schachtel ihrer Jockey, um alles Mögliche zu notieren, von Telefonnummern bis hin zu Formeln, und dann vergaß sie, dass sie etwas Wichtiges notiert hatte, und warf die Schachtel weg. Das war Gesetz, so unumstößlich wie das Gesetz der Schwerkraft.
Fräulein Barbeito stoppte den Film und flüsterte mit Mama. Ich nutzte die durch ihr wundersames Erscheinen entstandene Verwirrung, um Bertuccio nicht noch mehr Buchstaben vorzusagen, bis ich mir sicher war (noch ein Fehler, und ich starb am Galgen). Was hatte Mama hier zu suchen? Musste sie um diese Uhrzeit nicht im Labor sein? Hatte sie das Schulgeld bezahlt und war auf dem Weg kurz vorbeigekommen, um hallo zu sagen?
»Pack deine Sachen, du musst jetzt gehen«, sagte Fräulein Barbeito zu mir.
Ich setzte ein leicht triumphierendes Gesicht auf und packte alles in die Tasche. Bertuccio wirkte beleidigt. Mama hatte ihn um seinen Sieg gebracht.
Er füllte die Lücken mit den fehlenden Buchstaben aus und fragte mich, was wir am Nachmittag unternehmen würden. »Das Gleiche wie immer«, erwiderte ich: »Nach der Englischstunde komme ich zu dir«. »Meine Mutter macht Schnitzel«, sagte er, um mich endgültig zu überzeugen. Und das gelang ihm natürlich. Wenn ich Großvaters Satz noch vervollständigen dürfte, würde ich sagen: der liebe Gott steckt in den Details und in den Schnitzeln von Bertuccios Mama.
Da gab er mir das Zettelchen mit dem Galgenmann.
Es stand jetzt nicht mehr A_ A _ A _ A _ _ A darauf.
Die Lösung war einfach und elegant. Oder besser gesagt magisch.
Bertuccios Wort lautete: abracadabra.