Was Fadi Saad und Karlheinz Gaertner hier von ihrem Berliner Kiez und deren jugendlichen Bewohnern schreiben erschreckt. Überfälle mit Messern und andere Straftaten und das alles in einem Millieu in dem Menschen aus vielen Nationen mit unterschiedlichen Religionen zusammenleben werden hier beschrieben.
Beeindruckt hat mich dieses Buch vor allem deshalb, weil der eine Autor, der palästinensischer Herkunft ist, sich auf den Weg zum Polizisten Gaertner gemacht hat um gemeinsam zu überlegen, wie man der zunehmenden Gewalt, besonders der Jugendlichen mit türkischem Hintergrund, begegnen kann. Beide Autoren nehmen den Leser mit hinein in ihre Überlegungen. Da waren anfängliche Vorurteile zu überwinden, da mussten eingefahrene Denkschablonen hinterfragt werden und da mussten auch so manche Stunde an privater Zeit geopfert werden.
Gerade aus meiner Sicht, ich bin langjähriger Schöffe, kann ich bestätigen was hier über die Arbeit der Justitz verbreitet wird. Vieles ist skandalös, aber mitunter ist auch der Handlungsspielraum eines Richters nur sehr begrenzt um einen jugendlichen Täter in den Knast oder für längere Zeit in den Knast zu stecken. Wenn die Gesellschaft diesen Weg der Härte gehen will, dann müssen zuvor unsere Gesetze verändert werden.
Dieses Buch zeigt sehr eindrücklich wie wichtig es ist sich persönlich auf den Weg zu begeben und nicht nur gegenseitig verbal auf den anderen einzuschlagen. Das vorliegende Buch zeigt aber auch wie oft Behörden und Politik sich dem Engagement entgegenstellen oder es einfach nicht zulassen. Beide Autoren sind so mutig und hinterfragen sehr vieles. Beispielsweise wollen sie von den Schulen wissen, warum die Suspendierung besonders problematischer Schüler für Tage eine pädagogische Maßnahme ist. Besteht nicht in Deutschland Schulpflicht? Meines Erachtens ist so eine Suspendierung nichts anderes als der verzweifelte Akt der Notwehr.
Beim Lesen erfahre ich auch von Friedensrichtern die mitten in Berlin "Recht sprechen". Dies ist bei Behörden bekannt und ich frage mich, warum man solchen Richtern nicht das Handwerk legt.
Beide Berliner Autoren geben hier einen realistischen Blick in ihren Kiez und zeigen wie notwendig persönliches Engagement ist. Deutlich wird aber auch, wie notwendig ein Klimawechsel innerhalb von Politik und Gesellschaft erforderlich ist. Persönliches Engagement ist die Vorraussetzung guten Zusammenlebens, klappt aber nur wenn Behörden und Politik hilfreich zur Seite stehen und daran mangelt es noch immer, dieses Buch zeigt es sehr deutlich!