Bogdan Musial sollte eigentlich bewandert genug sein, um nicht der Legende eines erst für 1943 geplanten sowjetischen Angriffs aufzusitzen.
Es ist der Urstreit der Historiker um den zweiten Weltkrieg. Hat Hitler nur auf Stalins Handeln reagiert, oder wollte er von vornherein die Sowjetunion erobern? War Hitler vielleicht der Retter Europas vor dem bolschewistischen Koloss? Einig ist man sich inzwischen darüber, das Josef Stalin, seines Zeichens ehemaliger Bankräuber und Revolutionär, eine gigantische Militärmaschinerie aufbaute um die Revolution gen Westen und Süden zu tragen. Uneinig ist man sich über den Zeitpunkt. Und im Zeitpunkt des geplanten Angriffs liegt der Sprengstoff. Während Leute wie Wladimir Resun, Post, Messerschmitt und andere davon ausgehen, das Stalin den Angriff für den Spätsommer 1941 vorsah, und dieses mit militärischen Fakten untermauern, geht die Historikerelite" der 68er weiter davon aus, das Stalins Rote Armee, im Gegensatz zu Hitlers Wehrmacht, nicht Angriffsbereit war, und führt dafür trotz fortschreitenden Wissens die ständig gleichen Argumente an.
Als erstes kommt meist das schlagkräftigste Argument. Die stalinistischen Säuberungen der Jahre 1936 bis 1938 hätten die Rote Armee ihrer wichtigsten Militärtheoretiker und Führungskräfte beraubt.
Sicher ist es richtig, dass die Säuberungen einen schweren psychologischen Schlag darstellten. Drei von 5 Marschällen, 4 v. 4 Armeegeneralen, 27 v. 27 General Obersten, 85 v. 95 Korpskommandanten, 136 v. 199 Div. Kommandanten, 255 v. 433 Brigade Kommandanten und 98 von 108 Kriegsratsmitgliedern wurden verhaftet. Diese wurden aber bei weitem nicht alle umgebracht! Viele kamen 1941 wieder in Dienst! Effektiv wurden 17.000 Offiziere aus der Roten Armee ausgeschlossen, 9.500 davon verhaftet. Zwischen 1925 und 1937 wurden 135.000 Offiziere und 13.000 Kommandeure bei der Roten Armee ausgebildet. 1938 und 1939 kamen zudem Kommandeure hinzu, die sich auszeichneten und jeden Weggang durch die Säuberung ausglichen. Von der Akademie (Frunze Akademie) des Generalstabes die 1937 gegründet wurde, gingen bis 1941 4.000 Teilnehmer erfolgreich ab! Diese standen ab 1939/40 unter dem Einfluß von Timoshenko, Schukov und Pavlov. Falsch ist anzunehmen, das der Sturz von Tuchatschewski, Jegorow und Blücher (Blüjerc) die moderne Militärtheorie der Sowjetunion zerschlagen hätte. Der Beleg sind die militärischen Erfolge der Roten Armee am Chassan See und Chalchin Gol (Südmongolei 1938 und 1939) sowie die erfolgreiche Angriffsoperation in Karelyen (Winterkrieg 1939/40 Finnland/Sowjetunion). Die Rote Armee wurde zwar zu einem Großteil enthauptet, jedoch blieben die wahren Köpfe am Leben und viele im Amt. Zudem wuchs eine Militärelite nach, die nach den Lehren des sowjetischen Hauptmilitärtheoretikers, Marschall der Sowjetunion und ehem. Zarengenerals B. M. Schaposchnikow ideologisiert und ausgebildet wurden. Zu diesen Leuten zählten Köpfe wie Schukow, Wassilevski, Bagramjan (Bagration), Rokossowski, Pavlov (der sowjetische Guderian), Merezkov, Sacharow, Konew, um einige zu nennen. Man sollte dabei auch nicht vergessen, das trotz des Aderlasses im Offizierskorps, die Rote Armee von 1938 bis 1941 verdreifacht wurde. Auch dies spricht gegen eine große Auswirkung der Säuberungen. Das Regime Stalin war in der Lage die Säuberungen nicht nur zu kompensieren, nein es war sogar in der Lage seine Truppenstärke in kürzester Zeit zu verdreifachen! Zudem hat schlechte Führung noch nie einen Kriegswilligen vom Kriege abgehalten.
Das Argument der Fehlenden Kriegsbereitschaft wegen Umrüstungen.
Das militärhistorische Forschungsamt stellt im vierten Band, Das deutsche Reich und der zweite Weltkrieg - Der Angriff auf die Sowjetunion", die Kräfte beider Kriegsparteien gegenüber. Zudem ist der Gegenüberstellung ein umfangreiches Kartenbuch beigefügt, aus dem nochmals die Aufstellung der Truppen hervorgeht. Bewusst wird der Ausdruck Überfall", wie er gern von Historikern wie Guido Knopp verwendet wird, vermieden. Denn ein Überfall setzt Arglosigkeit voraus. Am 20. Juni 1941 verfügte die Sowjetunion an Ihrer Westgrenze über 149 Divisionen der ersten strategischen Staffel (Gesamtmenge aller drei Staffeln der Westbezirke lag bei 303 Divisionen) mit insgesamt 23.500 Panzern, davon 1.861 schwere und überschwere Panzer der Typen T-34, und KV 1 + 2, 148.000 Geschütze und Granatwerfer, davon 68.000 mit Kalibern über 76mm (Resun/Suworow), vom 01.01.1939 bis 22. Juni 1941 17.745 Flugzeuge produziert. Davon 7.669 moderne" Kampfflugzeuge der Typen LaGG3 (1.200), Yak1 (800), Mig3 (800), PE2 (960), SU2 (960) und IL2 Sturmovik (260!), DB3, LI-2, SB-2 Bomber usw. (Resun/Post/ Boog/Förster/Hoffmann/Klink/Müller/Ueberschär), davon standen 14.600 im Westen. 4,27 Millionen Mann standen im Westen unter Waffen.
Demgegenüber stand die Deutsche Wehrmacht mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln. Sie trat mit weniger Kriegsmaterial gegen die Rote Armee an, als ein Jahr zuvor gegen Frankreich. 3,05 Millionen Mann, 3.505 Panzer, von denen nur 1.673 als kampfstark galten (Panzer III, IV und Sturmgeschütz IIIb), 4.760 leichte Geschütze (75mm), 104 Heeres Flak 8,8 cm, 2.252 schwere Gschütze (105mm bis 170mm), 30 Geschütze schwersten Kalibers (Steilfeuer/Flachfeuer wie Thor und Dora) sowie 2.400 Flugzeuge. Die Rote Armee verfügte also mit Ihren neuen Panzern als einzige Macht der Welt über moderne Panzer. Sie besaß mehr moderne Jagd und Kampfflugzeuge als die deutsche Luftwaffe, ihre Mannschaftsstärke war erheblich größer. Wenn Hitler also mit seiner Wehrmacht 1941 mit diesen bescheidenen Kräften angreifen konnte, obwohl er nicht ein einziges Schlachtflugzeug, keinen einzigen modernen Panzer und nur extrem geringe Vorräte besaß, warum hätte Stalin mit seiner Roten Armee nicht angreifen können? Weil sich die Rote Armee in der Umrüstung befand, und noch nicht viele moderne Panzer und Flugzeuge hatte, sagen unsere Historiker. Aber sie vergessen eines: Jede Armee befindet sich in ständiger Umrüstung und Hitler hatte nicht einen einzigen modernen Panzer! Der Angriff der Wehrmacht auf Polen am 01.09.1939 erfolgte mit einer nur Teilausgerüsteten Truppe. Die Munitionierung lag bei den Panzertruppen nur bei 15% - 60% des Solls. Warum also sollte Stalin nicht angreifen können?
Der unvollkommene Aufmarsch der Roten Armee
Als am 18. Dezember 1940 die Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa" erteilt wird, geschieht dies laut der Historikerelite allein aufgrund der schon in Hitlers Mein Kampf" geschaffenen Lebensraumtheorie und weil Hitler darin den Schlüssel im Kampf gegen Engeland sieht. Doch entspricht das den Tatsachen? Tatsächlich kommt es nach dem Überfall der Sowjetunion auf Polen am 17.09.1939 nicht zu einer Kriegserklärung Frankreichs und Englands an Stalin. Auch die weiteren Drangsalierungen und Eroberungen Stalins bleiben ohne Folgen für die Sowjetunion. Stalin bezieht weiter Rüstungsgüter und Know How aus den USA und Großbritannien. Zudem erhält er vom Deutschen Reich technische Unterstützung und neueste Waffentechnologie gegen Rohstoffe. Sowjetische Fachleute besuchen die Messerschmitt Werke, die Junkers Werke, Henschel, Krupp, Thyssen und alle anderen Rüstungsbetriebe. Stalin ist nach allen Seiten offen. Und das trotz seiner aggressiven Eroberungspolitik. Der Knackpunkt zwischen dem deutschen Reich und der Sowjetunion kommt am 28. Juli 1940, als die Sowjetunion Rumänien erpresst und sich die Nordbukowina, Bessarabien und Nordmoldau einverleibt. Damit verschiebt sich der Aufmarschraum der Roten Armee auf 180 Kilometer an die für das Deutsche Reich lebenswichtigen Erdölfelder um Ploesti (Rumänien). Im August 1940 schlägt der Wehrmachtsführungsstab die Entsendung einer schnellen Eingreiftruppe nach Rumänien vor. Hitler stimmt dem zu und das XXXX. Mot. Korps wird gen Rumänien in Marsch gesetzt. Bis dahin stehen an der Ostgrenze des Reiches nur 10 Infanteriedivisionen des AOK 18 im Generalgouvernement (Westpolen), während auf sowjetischer Seite schon über 100 Divisionen aufmarschiert sind. Bis in den Februar 1941 scheint sich der Wehrmachtsführungsstab noch nicht sicher zu sein, ob Barbarossa überhaupt im Jahre 1941 stattfinden kann. So sagt Alfred Jodl noch im März 1941: Wenn die Rüstungslage dazu zwingt, muss der Ostfeldzug eben auf 1942 verschoben werden. Es ist keine gebieterische Notwendigkeit für den Sieg gegen Engeland." Hintergrund ist die Mangelhafte Ausführung der Rüstungsforderungen Hitlers. Die Industrie ist nicht auf Kriegsproduktion eingestellt. Es werden nur Kleinserien" gefertigt. Baut man mehr Geschütze, leidet die Munitionsproduktion. Baut man mehr Panzer, werden weniger U-Boote gebaut.
Ganz anders sieht es in der Sowjetunion aus. Während in Deutschland 1940 nur 10% des Staatshaushaltes in die Rüstung fließen, sind es in der Sowjetunion 30%. Im ersten Halbjahr 1941 verschlingt die Aufrüstung schon 46% des Staatshaushaltes der Sowjetunion! Eine echte Kriegswirtschaft zu Friedenszeiten. Hintergrund hierfür sind die Lehren Schaposchnikows nach denen Stalin lebt". Er hält das Land in ständiger verdeckter Mobilmachung. Vor jeder Eroberung folgt eine Mobilmachung mit der Begründung, man müsse das neue Gebiet besetzen. So wächst die Rote Armee unauffällig, denn die mobilisierten Kräfte werden nicht wieder abgebaut nach der Eroberung.
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