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Kampfkunst als Lebensweg [Gebundene Ausgabe]

Uschi Schlosser-Nathusius , Florian Markowetz
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
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Produktinformation


Produktbeschreibungen

Über den Autor

Uschi Schlosser-Nathusius hat den 3. Kyu Shotokan Karatedo. Sie ist Fernseh-Journalistin und Publizistin, Trainerin für Selbstverteidigung und Selbstbehauptung (DKV). Sie lebt in Bensheim.Florian Markowetz hat den 2. Dan Shotokan Karatedo. Er studierte Philosophie und Mathematik und promoviert in Berlin.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Scheuklappen absetzen

Florian Markowetz und Uschi Schlosser

Japaner oder Chinesen wundern sich vielleicht, dass wir an Ostern die Wiederauferstehung eines Toten feiern für uns ein gängiges Ritual. Wir wiederum staunen, wenn Japan die in einem alten Mythos erzählte Staatsgründung wie ein tatsäch- liches Datum feiert. Unsere eigenen kulturellen Muster sind uns vertraut. Wir hinterfragen sie nicht, auch wenn sie gegen jegliche Vernunft verstoßen. Fremde kulturelle oder religiöse Handlungen bleiben unverständlich, wenn wir die eigene Kultur zum Maßstab nehmen.

In den Kampfkünsten generalisieren wir gerne und sprechen von »asiatischen Werten«, egal ob wir das moderne Japan oder das antike China meinen. Kulturelle Wertvorstellungen sind nicht immun gegen Wandel, sie sind an eine bestimmte Zeit und einen bestimmten Ort gebunden. Es gibt keinen »asiatischen Geist«, der über alle Jahrhunderte unverändert existiert. Trotzdem lassen sich Gemeinsamkeiten finden und Traditionslinien, die über die Zeit Bestand haben. Die chinesische Kultur hat alle ihre Nachbarn stark beeinflusst. Wer den fernen Osten verstehen will, muss China verstehen und vor allem eins: seine Scheuklappen absetzen.

Werte im Westen sind vom Christentum geprägt. Wenn wir untereinander über Kultur oder Gesellschaft sprechen, müssen wir nicht jedes Mal die Grundlagen unserer Zivilisation neu definieren, um uns zu verstehen. Doch wie christlich sind wir wirklich? Die meisten europäischen Staaten sind weltlich, die breite Bevölkerung ist nicht religiös. Sie hat im vergangenen Jahrhundert viele alte Werte über Bord geworfen. Gleichzeitig haben die Menschen im Westen mit der Sinnsuche in fremden Kulturen begonnen, vornehmlich in Indien und im Fernen Osten. Spirituelle Einflüsse, die als gesundheitsfördernd gelten, werden gerne übernommen. So wurden Yoga, Zen oder Qigong breiten Gesellschaftsschichten zum Begriff.

Auch die meisten Kampfkünste kommen aus Asien. Den Menschen dort sind durch ihre Weltsicht grundlegende Techniken vertraut, die wir erst lernen müssen, zum Beispiel das Atmen in die Körpermitte (japanisch hara, chinesisch dantian). Sie wissen auch, was »Einheit von Körper und Geist« bedeuten soll. Nicht dass Asiaten schlauere Menschen wären, aber sie leben in der Tradition, aus der die Kampfkünste stammen. Japaner verstehen deshalb, was mit ki gemeint ist; ebenso die Chinesen, sie sagen allerdings qi.

Chinesen müssen nicht viel über Daoismus wissen und haben doch die Grundideen verinnerlicht. Der Daoismus ist in China allgegenwärtig. Das für den Daoismus so wichtige Naturempfinden hat tiefe Spuren in Malerei, Kalligraphie oder in Filmen hinterlassen. Daoisten strebten nach dem ewigen Leben, die Strategien dazu prägen noch heute Heilkunst und Gesundheitsvorsorge durch Qigong oder Taijiquan. Doch geschieht dies nicht immer im vollen Bewusstsein des Ursprungs. Das kennen wir: Wer bei uns einen Krankenwagen ruft, denkt kaum daran, dass die Hilfsorganisation auf den Grundsätzen christlicher Nächstenliebe gründet. So ist auch nicht jeder Japaner ein vergeistigter Zen-Anhänger. Die Werte dieser Weltanschauung sind den Japanern im Alltag dennoch vertraut. Das schließt nicht aus, dass ein Europäer, der sich mit Zen beschäftigt und Zen praktiziert, einem Japaner, der sich nicht dafür interessiert, im Wissen weit voraus ist. In ähnlicher Weise haben Japaner die Werte des bushidô verinnerlicht. Diesen Ehrenkodex der Samurai betrachten viele zwar als historisch und überholt, dennoch ist die absolute Treue der Samurai ihrem Herrn gegenüber noch heute im Verhältnis von Mitarbeitern zu ihrem Chef zu finden.

In China hat sich durch Kommunismus und neuerdings Kapitalismus so vieles geändert, dass auch die Kampfkünste nicht unberührt bleiben konnten. Taijiquan zum Beispiel hat bei vielen Chinesen einen ähnlichen Ruf wie bei uns das Senioren- turnen. Dass es ein reduziertes, von den Kommunisten gestutztes Taijiquan ist, wissen sie nicht. Abmühen müssen sich vor allem die jungen Chinesen mit den tatsächlich überkommenen Werten des Konfuzianismus, dessen Ideologie die Familienbeziehungen durchdringt. Der ewige Gehorsam gegenüber Eltern und anderen Älteren macht der Jugend zu schaffen. So erzählt die Autorin eines Reisebuches, dass sie auf einer Chinareise erlebt hat, dass sogar bei reiferen Ehepaaren abends Mutter oder Schwiegermutter an die Tür klopft, um ihnen zu sagen, dass sie nun das Licht zu löschen hätten.

Weltanschauungen bleiben nicht nur in der Welt, in der sie entstanden sind, sondern wirken weit darüber hinaus, wenn sie für Menschen allgemein von Interesse sind. Dazu zählen viele Gebräuche und Ideen des Daoismus und des Buddhismus, deren ausgleichender Einfluss auf Körper und Seele von Menschen des Westens als heilsam empfunden wird. Der Buddhismus mit seinem Streben nach Erleuchtung beschäftigt schon seit Nietzsche die Geisteswelt Europas und in den 1960er-Jahren schwappte aus den USA eine Zen-Welle zu uns. Heute ist der Dalai Lama anerkannt als Inkarnation der Friedfertigkeit und als Sinn-Vermittler. Er bedauert, dass vor allem das westliche Denken geneigt ist, die Wissenschaft zu einer neuen Religion zu erheben, weil wir alte, meist religiöse Werte über Bord werfen und keine neuen ethischen Normen finden. Ähnlich analysiert der Zen-Philosoph Ikeda Daisaku, dass gewöhnlich die Denkweise, »die sich hinter schönen Phrasen über Wissenschaft und Rationalismus verbirgt, den modernen Menschen zur Abstumpfung der Gefühle, zum Verlust seiner Phantasie und zur Verarmung seines Geistes geführt hat.« Das Unbehagen asiatischer Philosophen ist in der Regel keine intellektuellenfeindliche Esoterik. Denker wie Ikeda oder der Dalai Lama sind einfach stark ver- ankert in ihrer Kultur- und Geistesgeschichte, die sich nicht so sehr an Logik und abstraktem Denken orientiert, wie es der Westen heute gewöhnt ist.

Gleichwohl: Wer im Westen traditionelle Kampfkünste lernt und lehrt, betont meist die spirituellen Einflüsse ihrer Heimat. Dies hilft, Kampfkunst neben der körperlichen auch als geistige Bereicherung zu erleben wie es die Aufsätze und Interviews in diesem Buch lebhaft beschreiben. Grundsätzlich kann Vorsicht beim Übernehmen fremder Sitten aber nicht schaden. Mit Begriffen aus dem fernöstlichen Geistesleben wird viel Schindluder getrieben, um Mitglieder für Kampfkunstvereinigungen zu werben und damit Geld zu machen. Oft müssen Schüler nach einer Weile erkennen, dass ihre Lehrer nur Halbwissen haben und dies als Wissenschaft ausgeben oder dass sie noch nie im Leben länger als drei Minuten meditiert, geschweige denn eine Ausbildung in Meditationsmethoden oder Qi-Arbeit auf sich genommen haben. Begriffe wie Zen, Dao oder Qi sind gern verwendete Etiketten, die Kundschaft anlocken sollen. Ähnliches gilt für die mancherorts gepflegte Samurai-Romantik. Ein ernsthafter Kampfkünstler muss nicht westliche Werte unkritisch durch asiatische ersetzen, um so ein besserer Mensch zu werden. Hier hilft nur: genau hinschauen und viel fragen. Auch bei uns gibt es wahrhaft wunderbare Qigong-Lehrer, Kampfkunst- und Zen-Meister. Um die Unter- schiede beurteilen zu können, ist es unerlässlich, sich mit den Grundzügen chinesischer und japanischer Geisteskultur zu be- schäftigen, auch wenn sie nicht gleich auf den ersten Blick erkennbar mit Kampfkunst zusammenhängen.


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29 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nahe Eindrücke 18. Januar 2007
Von Matze
Dieses Buch sticht hervor aus der Masse der Bücher. Hauptsächlich desshalb, weil die Autoren nicht in weite Ferne greifen um Kampfkunst in Europa zu erklären, sondern das Problem an der Wurzel packen. Da Japaner und, in diesem Buch sehr wichtig, auch Chinesen ganz anders ticken als Europäer interviewen die Autoren Kampfkunstexperten in Deutschland. Sicher, einige davon haben ganz unmittelbare Erfahrungen mit der asiatischen Kultur gemacht indem die an der Quelle trainierten, trotzdem bleibt ihre Basis europäisch und klingt ganz anders und besser verständlich als so manche Abhandlung ursprünglicher Meister aus dem Entstehungsgebiet der verschiedenen Kampfkünste. Wie in vorangegangenen Beurteilungen geschrieben bezieht sich dieses Buch auf die Einstellung zur Kunst und nicht auf den Kampf ansich in pysischre Form. Für mich als langen Suchenden war dieses Buch, zwar nicht die Antwort aller Fragen, aber ein hilfreicher Baustein in meinem eigenen kleinen Kampfkunsthaus. :-)
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31 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Weg ist das Ziel 19. Dezember 2005
Hier geht es nicht um die sportliche Ideologie "höher, schneller,
weiter", die sich im Kampfsport mittlerweile immer mehr durchzusetzen
scheint. Kampfkunst ist ein ganzheitliches System zur
Charakterschulung. Das Prinzip lautet "durch die Technik zum
Charakter". Dabei spielen die unterschiedlichen Kampfkünste keine
Rolle, da sie sich generell als eines verstehen und sich des
gemeinsamen Ursprungs bewußt sind.
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6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Insgesamt hervorragend 26. April 2010
Von Chralb
Dieses kleine, wirklich schöne Buch (eines der ganz wenigen Werke, wo es mir wirklich weh täte, wenn es schmutzig wird oder Knicke/Risse abbekommt) enthält viel Hintergrundwissen über die ostasiatischen Kampfkünste. Dabei sind vor allem Aikido, Karate und Kendo berücksichtigt. Es gibt sowohl Interviews mit deutschen Meistern der Kampfkünste wie auch mit einer betagten (und damit erfahrenen) Taichi-Meisterin aus China, als auch Überblicksdarstellungen von den Herausgebern. Bei den Überblicksartikeln und insgesamt gefällt mir das Kapitel von Thomas Schmidt-Herzog besonders gut, da dieser Mann sich mit seinen jungen Jahren ein schier unglaubliches Wissen und Können angeeignet haben muss. Jedenfalls entstand der Eindruck beim Lesen.

Was besonders toll ist, dass auch Aspekte der sogenannten "inneren" Kampfkünste und philosophisch/religiöse Hintergründe zu Qi, Yin und Yang, Daoismus und Buddhismus angesprochen werden. Das Buch atmet Erfahrung, und auch wenn hier keine Techniken vermittelt werden (und auch gar nicht vermittelt werden wollen) ist es fast ein Praxisbuch, aber eben nicht der Kampftechnik, sondern durch die Erfahrungsberichte der Meister fast schon ein Praxisbuch der Lebenskunst.

Der einzige Wermutstropfen für mich ist, dass manche Kampfkünste gar nicht vertreten sind, wie zum Beispiel das mich besonders interessierende Wing Tsung. Auch Teakwondo, Judo, Ninjutsu, etc. wurden leider nicht berücksichtigt. Dies ist allerdings verständlich, da es ein relativ schmales Büchlein ist, und auch nicht besonders schlimm, da sich - so wie ich es verstehe - ein Lebensweg in der Kampfkunst nicht groß unterscheidet, egal ob man Karete, Wing Tsun, Judo, Kendo oder sonst was macht. So als ginge man auf verschiedenen Wegen in Richtung des gleichen Ziels. Auch diesen Eindruck habe ich durch Lesen des Buches gewonnen.

Zum Schluss bleibt zu sagen, dass das Buch vielleicht eher Leute interessieren wird, die sich auch für die grundlegenderen Aspekte der Kampfkunst interessieren und nicht rein für die Technik.
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