Martin van Crevelds Studie über die Wehrmacht entstand in den achtziger Jahren im Auftrag des Pentagons und sollte dessen Bemühungen unterstützen, die amerikanischen Streitkräfte, die sich nach dem Vietnamkrieg in einer tiefen Krise befanden, zu reformieren. Sie trug mit dazu bei, in der US-Armee das "Kohortensystem" einzuführen, jene Regelung, nach der Mannschaften im Anschluß an die Grundausbildung nicht mehr, wie früher üblich, auf andere Einheiten verteilt werden.
Crevelds Ausgangspunkt ist die Frage, was die "Kampfkraft" einer Armee ausmache, also jene moralischen, sozialen und organisatorischen Qualitäten, die über die materielle Ausstattung hinaus ihre militärische Leistung bestimmen.
Die Wehrmacht wurde von ihm als Untersuchungsgegenstand ausgewählt, weil sie vielen amerikanischen Historikern als beste Armee des 20. Jh. gilt. Eine von Creveld zitierte Studie kam zu dem Ergebnis, daß deutsche Einheiten ihren amerikanischen Gegnern unter allen Gefechtsbedingungen und auch bei größter zahlenmäßiger Unterlegenheit durchschnittlich um 50% höhere Verluste zufügten als sie selbst erlitten.
Um die Ursachen dieser Effizienz klar herauszuarbeiten, stellt Creveld den Strukturen der Wehrmacht in systematischer Weise die der US-Armee gegenüber. Der Reihe nach werden so das Kriegsbild, die Führungsprinzipien, das Personalwesen sowie die Ausbildung der Offiziere und Unteroffiziere beider Institutionen verglichen.
Crevelds zentrales Ergebnis lautet, daß die amerikanische Armee in Aufbau und Organisation weitgehend technokratischen Gesichtspunkten folgte, während die Wehrmacht die psychischen und sozialen Bedürfnisse ihrer Soldaten in den Mittelpunkt stellte. Lief der amerikanische Ansatz darauf hinaus, den Menschen zu einem Anhängsel der modernen Waffentechnik zu machen, so beruhten die Einrichtungen und Abläufe der Wehrmacht auf der Überzeugung, daß auch im industriellen Krieg der menschliche Faktor wichtiger ist als die Technik.
Ein schlagendes Beispiel für diesen Unterschied ist der Personalersatz: Die amerikanischen Soldaten wurden nach der Ausbildung aus ihren vertrauten Einheiten herausgerissen, traten die Reise über den Atlantik als ein Haufen zusammengewürfelter Individuen an und wurden an der Front Kompanien zugeteilt, mit denen sie vorher nie zu tun gehabt hatten. In der Wehrmacht war es dagegen üblich, Soldaten in der gleichen Einheit zum Einsatz kommen zu lassen, in der sie auch ausgebildet worden waren.
Bei der Offiziersauslese setzte die amerikanische Armee auf formale Bildung und Intelligenz, während die Wehrmacht charakterliche Qualitäten bevorzugte, bis hin zu der Kuriosität, Aufsässigkeit in der Schule und mehrfaches Sitzenbleiben positiv zu werten, weil sie als ein Zeichen von Kampfgeist angesehen wurden!
Zu den erstaunlichen Nebenresultaten der Studie gehört die Einsicht, daß die Wehrmacht in mancher Hinsicht egalitärer und "demokratischer" war als die amerikanische Armee. Sie legte bei allen Dienstgraden mehr Nachdruck auf selbständiges Handeln, räumte den Soldaten erheblich effektivere Beschwerdemöglichkeiten ein und sorgte für einen geringeren Abstand zwischen Mannschaften und Offizieren. Charakteristisch für den letzten Punkt ist der Umstand, daß der Ausdruck "Soldat" in Deutschland alle Dienstgrade einschloß, während er in Amerika nur Militärs unterhalb des Offiziersranges bezeichnete.
Abschließend unterstreicht Creveld die moralische Neutralität militärischer Leistungskraft. Die Eigenschaften, denen die Wehrmacht ihre unübertroffene Schlagkraft verdankte, versetzten sie auch in die Lage, abscheuliche Untaten zu verüben. Leider sind hohe Kampfkraft und die Bereitschaft zu verbrecherischem Handeln miteinander vereinbar.
Zwanzig Jahre nach ihrem Erscheinen hat diese solide recherchierte und flüssig geschriebene Studie nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt.