Die Dokumentation "Kampf um Germanien", die im Fernsehen im ZDF und auf ARTE lief, ist durchaus sehenswert und für die, die es mit der historischen Wirklichkeit und den archäologischen Forschungsergebnissen nicht ganz so genau nehmen wollen, ein spannender und kurzweiliger Zeitvertreib - die düstere Stimmung, die 9 n. Chr. während der Kämpfe geherrscht haben mag, kommt gut rüber, und untermalt wird das ganze von der Erzählstimme des Schauspielers Otto Sanders. Im wesentlichen hält sich die erzählte Story auch an die Quellen (Tacitus, Paterculus, Cassius Dio). Soweit, so gut.
Da mich römische Geschichte und vor allem das römische Militärwesen interessiert, habe ich mir natürlich die Dokumentation unter diesen beiden Gesichtspunkten sehr genau angeschaut und war enttäuscht über das Resultat.
Da wäre zunächst einmal die Darstellung eines Gefechtes römischer Legionen mit aufständischen "Barbaren" in Pannonien - ein anderer Rezensent hat darauf bereits hingewiesen: Vormarsch in Schildkrötenformation gegen so einen Gegner? Lächerlich. Brandgeschosse gegen feindliche Truppen? Sieht eindrucksvoll aus, gab es so aber nicht.
Ob Arminius nun wirklich als Kind von den Römern als Geisel genommen wurde, um sich die Fürsten der Cherusker gefügig zu machen, ist Spekulation und wird so durch die Quellen nicht gestützt. Und doch widmet die Doku dieser Spekulation breiten Raum. Gewiss ist, dass Arminius Soldat in einer Hilfstruppeneinheit ("Auxilia") war und Latein sprach - wo er das lernte und wie gut er sprach, ist nicht überliefert.
Mit keinem Wort geht die Doku auf das Motiv des Segestes ein, Arminius bei Varus zu verraten: Familienkrach (Arminius hatte sich die Tochter des Segestes geschnappt, die dieser einem anderen versprochen hatte) - ein wichtiger Grund, warum Varus nicht auf Segestes hörte.
Die Darstellung der römischen Soldaten ... naja: So in etwa mögen die Legionen ausgesehen haben, mit denen Claudius Britannien eroberte und Vespasian und Titus den Aufstand in Judäa 69/70 n. Chr. niederschlugen. Wir sind noch in der augusteischen Zeit - andere Helmtypen, üblich war der Kettenpanzer (obwohl es schon den Riemenpanzer gab) - die Schilde sahen so bestimmt nicht aus, wurden so auch nicht gehalten während des Kampfes. Rekonstruktionen von Fachleuten gibt es zur Genüge, hier hätte man gründlicher recherchieren können. Während des Marsches liefen die Legionäre des Varus auch nicht kampfbereit, sondern im "Marschoutfit" als "Maultiere des Marius" - davon berichten auch Quellen: Wegen des heftigen Regens sogen sich die Schutzhüllen, mit denen die Soldaten die Schilde während des Marsches versahen, so mit Wasser voll, dass sie schwer und unhandlich wurden - ein Plus für die Germanen, den römische Legionäre in Marschformation können sich nur schwer oder gar nicht eines Angriffs erwehren: Arminius wusste genau, wo und wie er die Römer treffen kann (das kommt in der Doku auch gut rüber).
Wie die Marschroute wirklich war, ist natürlich nicht bekannt, aber es gibt gute Gründe dafür, dass Varus vom Sommerlager aus (Vermutlich bei Minden) direkt am Wiehengebirge entlang ins Verderben lief - linker Hand die bewaldeten Höhen, rechter Hand Sumpfland, das nicht oder nur schwer passierbar war - dazwischen der "Hellweg", ein uralter Handelsweg entlang des Wiehengebirges, den wohl auch Varus genommen haben dürfte. Wohl kaum hätte sich ein römischer Feldherr mit drei Legionen und dem Troß dazu in dichten Wald, über Stock und Stein gewagt - so dumm war Varus gewiss nicht, so dass die Kampfszenen im dichten Wald zwar gut gemacht sind, so aber nicht stattgefunden haben dürften. Eher ist anzunehmen, dass die Germanen aus dem Schutz der Wälder heraus den römischen Heerzug (der viele Kilometer lang gewesen sein dürfte) immer und immer wieder angriffen und so nach und nach die Legionen aufrieben (was wiederum in der Doku auch gut rüberkommt).
Die Doku verortet das Gefecht bei Kalkriese - nur: Wo ist im Film der Wall? Dass Kalkriese durchaus der Ort der Varusschlacht sein kann, dafür spricht einiges (offene Fragen bleiben). Nur hätte man da doch etwas ausführlicher drauf eingehen können - die Bezugnahme auf die Fundsituation vor Ort kommt in der Doku einfach zu kurz.
Zum Schluss: Wenn schon so viel Wert auf ein mediengerechtes Reenactment mit Schauspielern gelegt wird, dann wäre es doch sicher angebracht, im Abspann wenigstens die Namen derer zu nennen, die die Hauptprotagonisten gespielt haben. Das fehlt leider völlig.