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Kampf mit dem Frühling: Roman [Gebundene Ausgabe]

Boris Pahor , Peter Scherber


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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Wie kann man als Überlebender eines KZ's jemals wieder lieben? Der ehemalige Deportierte Radko Suban, der sich zur Genesung in einem Sanatorium in der Nähe von Paris befindet, verliebt sich in die Krankenschwester Arlette. Langsam, zweifelnd und tastend wie bei Teenagern entwickelt sich ihre Liebe. Radko wird immer wieder von den Bildern aus Bergen-Belsen heimgesucht, Bilder von Erschießungen und Krematorien. Er versucht so gut es geht, sie zu verdrängen: "Ein erwachsener Mensch müsste besser auswendig lernen als ein Kind, besonders wenn man Horrorbilder auszulöschen hatte, sagte er sich." Die Liebe der beiden wird immer von neuem durch Arlettes Spontanität gefährdet. Andere Männer halten um ihre Hand an, und stets nähert sie sich diesen ein wenig; Radko muss lernen, dass sie tatsächlich nur ihn liebt. Während der Phasen seiner Zweifel und seiner Heimsuchungen flieht er in die "Freundschaft mit der Natur" und in deren Einsamkeit, um sich wieder mit dem Leben vertraut zu machen: "Der ganze Wuchs der Apfelbäume und der Weinstöcke war für ihn." Radko hofft, dass die Menschen nach der Erfahrung des Holocaust ihre Chance nutzen, gleichzeitig fallen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki und die Westalliierten nähern sich Deutschland an.

Boris Pahors Roman "Kampf mit dem Frühling" entstand bereits 1958, noch unter dem Eindruck seiner eigenen KZ-Erfahrungen. Pahor gilt mittlerweile als der bedeutendste slowenische Gegenwartsautor, doch erst allmählich wird er im Westen Europas wahrgenommen. Viel geschieht in dem Roman nicht, die Rekonvaleszenten verlassen das Sanatorium nur selten. Um so detailgenauer und bilderreicher wird das wenige, das geschieht, beschrieben, seien es die intensiven Nächte mit Arlette, in denen er sich fühlt wie ein "Säugling, der immer die Mutter neben sich spüren muss", seien es die gelegentlichen Ausflüge in den Wald oder in die Stadt. Seinen Leser begleitet der Roman lange Zeit. Die Sprache, die Pahor für den dem Tod entrissenen Radko und seine Verzweiflung, seine Träume und seine Lebensfreude findet, ist spröde, die Erinnerungen sind deprimierend, die Bilder aber faszinierend. Man legt das Buch meist nach wenigen Seiten wieder weg, um es bald wieder in die Hand zu nehmen und mit ihm zu kämpfen wie Radko um seine Liebe zu Arlette. --Matthias Kehle -- carpe.com

Vom Tod ins Leben

Ein grosser slowenischer Erzähler: Boris Pahor

Aus den Lagern des Schreckens zurückzukommen, mit denen die grossen totalitären Regime dieses Jahrhundert die Geschichte in Grauen verwandelt haben, war nur wenigen vergönnt. Und nur ganz wenigen wurde die Rückkehr zur Heimkehr. Denn «wer der Tortur erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt», schrieb Jean Améry und besiegelte dieses Erleben schliesslich durch «Hand an sich legen» – durch seinen Freitod. Auch Primo Levi, sein italienischer Barackengenosse in Auschwitz, vermochte das, was er «die Bürde grausiger Erinnerungen» nannte, letztlich auch nicht schreibend abzuwerfen und sprang in einen Aufzugschacht, so, als habe ihn der «tiefste Grund des Abgrunds» nur auf Zeit noch einmal freigegeben.

Beide Schriftsteller fühlten sich wie «Tote auf Urlaub», wie es auch der Buchenwald-Häftling Jorge Semprún empfand. Doch der vermochte sich durch neuen politischen Aktionismus zu retten und die Scham des Überlebens abzuschütteln. Den Toten, die sie in Hitlers Vernichtungslagern zurückgelassen hatten, aber sind alle drei verpflichtet – stellvertretend für manche, denen es für immer die Sprache verschlagen hat. Alle drei haben beim Versuch, das Entsetzliche wenigstens in Spuren zu bewältigen, auf die Vernunft gesetzt. Dabei gelang es allerdings nur Semprún dank konkreten Taten zu einem neuen Lebenssinn durchzustossen. Der Philosoph Améry wie der Chemiker Levi hingegen scheiterten am trügerischen Wesen der Gedanken und des Intellekts, die gegen Erinnerung und Gedächtnis immer nur Scheinsiege zu gewinnen vermögen.

Subtiler Poet

Einen ganz anderen Weg ist der derzeit grösste slowenische Schriftsteller, Boris Pahor, gegangen, dessen erstaunliches Werk im deutschsprachigen Bereich peinlicherweise lange Zeit keinen Verleger fand. Das ist um so befremdlicher, als der 1913 in Triest geborene Pahor kein Autor kruder Zeugenschaft ist wie so viele andere, sondern ein unvergleichlich subtiler Poet, dem in der apokalyptischen Dunkelheit von gleich fünf deutschen Konzentrationslagern das Wissen um Licht und Helligkeit nicht abhanden gekommen ist. Schon vorher, mit sieben Jahren, musste er zusehen, wie die Faschisten in Triest das Haus der slowenischen Kultur anzündeten. Mussolinis Gesetze untersagten in der Folgezeit den Gebrauch seiner Muttersprache. Wer einen slowenischen Namen trug, hatte diesen zu italianisieren oder zu ändern. Selbst die Toten auf den Friedhöfen unterstanden groteskerweise noch diesem Gesetz.

Als Mitglied einer Widerstandsgruppe wurde Pahor 1943 von der Gestapo verhaftet. Seine Odyssee des Leidens in Natzweiler, Buchenwald, Dachau, Harzungen und Bergen-Belsen begann. Zum «Pilger unter den Schatten» – so der Titel seiner Bilanz von 1966 – machten den nun wieder in Triest Lebenden einige Reisen zurück zu den Stätten der Folter und der Krematorien. An Ort und Stelle sah er sich erneut als Krankenpfleger und Leichenträger inmitten des Unmenschlichen. Und doch klagt er nicht an, vermeidet er Töne, die dem mordenden Sadismus der Hitler-Schergen verallgemeinernd historischen Beispielcharakter verleihen. Der Hiob Boris Pahor ist bei allem andauernden Entsetzen dennoch zur Hoffnung fähig, die ihm ein grosses «Vertrauen in das Menschengeschlecht» einflösst. Das hat einsame Grösse, das darf man getrost spektakulär nennen.

Wie dieses Vertrauen überhaupt wieder entstehen konnte, wie es sich ganz behutsam, zögernd, immer wieder stockend und immer wieder wie ein Gänseblümchen aufblühend in seiner Seele Raum schaffte, davon ist in seinem Roman von 1958, « Kampf mit dem Frühling», die lyrisch verhaltene Rede. Schöner, eindringlicher und überzeugender ist die Rückkehr ins Leben eines ehemaligen Deportierten wohl kaum je beschrieben worden. Denn Boris Pahor trägt die Last seiner infernalischen Erinnerungen nicht Aufmerksamkeit heischend vor sich her. Er lässt sie vielmehr erst dann Gestalt werden, wenn die Sinnlichkeit einer nunmehr freien Welt, ihre Luft und ihr Duft seinen Protagonisten, sein Alter ego, den jungen Arzt Radko Suban, gleich Chimären bedrängen. Dann löst sich sein für immer todwundes Gedächtnis aus der selbstschützenden Herzspange und benennt mit äusserster Vorsicht das eigentlich Unbenennbare. Je mehr Frühling, je mehr Sonne auf den aus Bergen-Belsen zur Heilung seiner Tuberkulose in ein französisches Sanatorium bei Paris gebrachten Exhäftling hereinbricht, um so zerrissener, hilfloser reagiert er.

Schuldgefühle

Das «radikal Böse», wie es Jean Améry nannte, sitzt ihm weiterhin mit «apokalyptischen Bildern» im Nacken. Zwar ist «sein Leib in Sicherheit», doch kommt er mit der Wahrheit nicht zurecht, «dass diesseits der Hölle die Menschen Wesen geblieben sind, die sich für ein Schnitzel oder ein neues Kleid interessieren». Es fällt ihm unendlich schwer, zu lernen, dass die diabolische Welt, der er gerade entronnen ist, wirklich von der Welt normalen menschlichen Alltags abgetrennt werden kann. In diesem Normalbereich müsste er – jenseits aller Vereinsamung – auch die junge Krankenschwester Arlette ansiedeln. In ihrer verhaltenen Zuneigung zu ihm und in all ihrer Natürlichkeit und Spontaneität gelingt es dieser zwar gelegentlich, Radko für Augenblicke aus dem Ghetto seiner Erinnerungen zu befreien. Doch dann befallen ihn angesichts seiner Glücksmomente wieder Schuldgefühle den toten Lagerkameraden gegenüber. Er denkt an die Frauen und Kinder, deren Asche er über die Felder streuen musste, und scheint für immer unfähig, sich angesichts der Schemen eines «grenzenlosen Todes» noch einmal an das Leben und an eine Frau als Inkarnation desselben hinzugeben.

Mit seinem armseligen, skeletthaften Körper buchstäblich in die Welt geworfen wie «Treibgut, umgeben von den Schatten der Leere und der Bodenlosigkeit», möchte Radko «ohne Gedanken» sein. Doch Arlettes Pflege bewirkt in ihm immerhin die Ahnung eines neuen Gefühls für seine Körperlichkeit, die trotz allem auf ein Zukünftiges hindrängt. Eine ihm (noch) unbegreifliche Erwartung stellt sich seinen tiefen Lebenszweifeln entgegen und untergräbt die Geisterhaftigkeit seiner Existenz. Dabei stösst seine geschundene Seele auf den «einzigen Grund, auf den der Mensch noch bauen kann»: auf die Liebe. Während Radko vorerst nur tastet, hilft ihm die Literatur, die Lektüre eines Heimkehrer-Romans von Ernst Wiechert weiter. Im Akt des Schreibens gerade eines Deutschen vermag er plötzlich einen Akt der Liebe zum Leben zu erkennen, der ihm zu der Überzeugung verhilft, dass «die Literatur unendliche Kräfte» besitzt.

Nur aus wenigen subtilen Andeutungen des Autors Boris Pahor lässt sich ablesen, dass die traumatische Odyssee seines Protagonisten einem tröstlichen Ende entgegengeht. Wenn auch «nie wirklich geheilt», wird Radko wieder leben, weiterleben können. Im Glauben an die Kraft derer, die «jenseits» des Grauens aufgewachsen sind wie Arlette und noch zu spontanen, tiefgreifenden Gesten der Hilfe fähig sind. Und im Glauben an die Literatur, die, als ein Akt der Liebe zur Welt begriffen, das «radikal Böse» in den Schatten zunehmend verblassender Erinnerung zu verweisen vermag.

In Jugoslawien waren Pahors Bücher wegen angeblichem Antikommunismus verboten, in Westeuropa – vor allem in Frankreich – werden sie nun entdeckt. Die Deutschen täten gut daran, sich des gesamten Œuvres dieses aussergewöhnlichen, unprätentiösen Zeugen anzunehmen. Pahor belässt es nicht beim polemischen Aufzeigen von Schuld und Grauen, als ein Erzähler und Poet ersten Ranges überführt er sein eigenes Leiden voll Zukunftshoffnung in grosse Literatur.

Ute Stempel -- Neue Zürcher Zeitung

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