Die Redaktion "Geschichte" des ZDF's ist bekannt dafür dass sie es versteht, Historie einem breiten Publikum gut aufbereitet rüberzubringen. Sei es durch TV-Dokumentationen oder im gleichen Zuge auch in Buchform. Hier legt Peter Arens mit diesem Buch eine grandiose Darbietung der Varus-Schlacht auf gerademal 200 Seiten dar.
Wenn man bedenkt, wie dünn die Quellenlage an antiker Literatur ist, und dass der Ort der Varus-Schlacht lange Zeit nie sicher festgestellt werden konnte, ist es schon erstaunlich, wie gut die Geschichtswissenschaften diese Schlacht rekonstruieren konnten. Klar, wenn man dieses Buch liest, wird klar, dass manche Punkte dieser Geschichte gemutmaßt werden müssen (was hat Arminius in der römischen Gefangenschaft erlebt, welche Motivation hatte Arminius Rom, das im Zenith seiner Macht stand, die Stirn zu bieten, warum Varus die Warnungen im Vorfeld de Schlacht in den Wind schlug). Aber wie schon zu Beginn gesagt, die Quellenlage ist sehr dünn und lange Zeit war der Schlachtort nicht bekannt. Auch die in den 80er-Jahren als Schlachtort vermutete Kalkrieser-Niewedder-Senke wird von vielen Skeptikern angezweifelt.
Aber es spricht viel dafür, dass Kalkrieser-Niewedder-Senke das Schlachtfeld war. Allein schon die Funde an Münzen, Waffen, Alltagsgegenständen und Knochen sprechen dafür. Interessant ist die römische Gesichtsmaske, die auch auf dem Buchumschlag abgebildet ist, die als der wohl spektakulärste Fund von Kalkrise gelten kann und der Schlacht ein "Gesicht" gibt. Die Varus-Schlacht muss auch als Wendepunkt in der römischen Geschichte gesehen werden. Weitere Expansionen Roms tiefer nach Germanien blieben aus. Stattdessen zementiere Rom seine Grenzen an Rhein, Donau und dem Limes. Germanien war doch zu unheimlich mit seinen Wäldern, Sümpfen und den unbeugsamen Einwohnern. Ausserdem sah Rom keinen Nutzen darin, Legionen in Germanien zu verschleißen, aber keinerlei wirtschaftlichen Nutzen daraus zu ziehen. Es ist schon interessant zu überlegen, wie die Geschichte Europas verlaufen wäre, wenn das gesamte Germanien römisch geworden wäre. Wahrscheinlich wäre wie in Gallien die germanische Kultur und Sprache stark germanisiert worden.
Interessant ist auch der Verweis auf das Nibelungenlied. Welcher ware Kern steckt in der Sage? Ist Siegfried der legendäre Arminius? Steht der Drache für die römische Legionen die Arminius besiegte? Ob diese Fragen geklärt werden können, ist ungewiss. Aber auch hier spricht vieles dafür. Schon allein, dass wir eigentlich nicht den wahren Namen des cheruskischen Herrführers kennen. Arminius ist die römische Bezeichnung, und Herrmann, diese Bezeichnung wurde ihm erst in der Neuzeit verpasst. Wenn mann berücksichtigt, dass die Herrführer der Cherusker häufig die Silbe Sig- oder Sieg- in Ihren Namen trugen, scheint es schon wahrscheinlich das Arminius mit wahrem Namen Siefried hieß. Aber wie gesagt, vollständig geklärt, wird dies wohl nicht werden.
Auch die Nachbetrachtung von Peter Arens, wie die Varus-Schlacht, seit Wiederentdeckung der GERMANIA von Tacitus im 15. Jahrhundert von den Deutschen "verarbeitet" wurde, ist lesenswert. Sei es in Kunst und Kultur oder in der Politik, Arminius musste oftmals als "Urvater" einer germanischen / deutschen Freiheits- und Einheitsbewegung herhalten. Gegen Frankreich im 19. Jahrhundert wurde Arminius propagandistisch eingesetzt. Auch während der Nazi-Zeit wurde Arminius als Reinhalter "deutschen Blutes" hervorgehoben. Erst jetzt wird eine nüchtern, sachliche Diskussion in den Geschichtswissenschaften möglich.
Zusammengefasst, dieses Buch ist ein Lesevergnügen. Keine langatmige Studie über zig hunderte von Seiten. Daher spreche ich für dieses Buch eine Kaufempfehlung aus.