Der Ich-Erzähler verbringt mit seiner Lebensgefährtin die Osterfeiertage bei Freunden in der Steiermark. Zur allgemeinen Heiterkeit gesellt sich am Abend auch das Fernsehprogramm und damit verbunden "die" Neuigkeiten des Tages: "Es wird gegen einen etwa 30jährigen, mittelgroßen Mann ermittelt, der zwei 7 u. 8 Jahre alte Kinder gezwungen hat, sich durch einen Sprung von einem hohen Baum zu töten, und diese Taten mit einer Videokamera aufgenommen hat."
Dieser Mord wird tagesbestimmend für die gesamten Osterfeiertage. Das Fernsehen versorgt sein Publikum mit Berichten und Live-Übertragungen. Interviews mit lokalen Persönlichkeiten werden ausgestrahlt, Bundespräsident und Papst ins rechte Licht gesetzt. Diese Inszenierungen werden in ihrer Perversität noch gesteigert, als ein deutscher Privatsender ankündigt, Ausschnitte aus dem Mordvideo zu senden.
Das Medienspektakel findet auch Einzug in die Ferienidylle unserer vier Hauptdarsteller. Neben Osterjause und sportlichen Freizeitvergnügen greifen sie immer wieder zur Fernbedienung und zappen sich durch den News-Dschungel. Fast schon absurd wird ihr Verhalten, als ihnen die Informationsflut der TV-Kanäle nicht mehr ausreicht, und sie aktiv ins Geschehen eingreifen.
Die Medien geben Themen vor, und wir richten unser Leben danach ein. Das ist wohl der Fazit des Buches. Für gute Quoten wird über Leichen gegangen, das Publikum erliegt dieser Strategie duch die eigene Sensationslust. Thomas Glavinic beschreibt diese nahezu krankhafte Konsumgier in einer Sprache, die schnörkelloser nicht sein kann. Klar und präzise protokolliert er das unfassbare Verbrechen -- dass darin eine Absicht steckt, macht das Buch spannend bis zum letzten Satz. --Henrike Blum
Der dritte Weg zum Roman
«Der Kameramörder», ein Planspiel von Thomas Glavinic
Thomas Glavinic ist noch nicht dreissig, aber er hat schon drei Romane veröffentlicht. Mehr noch, mit drei Romanen drei verschiedenartige Versuche vorgelegt, die Möglichkeiten dieser Gattung zu erkunden und zu nutzen. Bot der überzeugende Erstling «Carl Haffners Liebe zum Unentschieden» das warmherzige Porträt eines sensiblen Aussenseiters von gestern, führte der zweite als sarkastische Abrechnung mit einem Emporkömmling von heute diesen geradezu höhnisch vor. Kein Zweifel, Glavinic nimmt den Roman nicht als Gelegenheit, eine eigene, von seiner Subjektivität durchformte Welt zu erschaffen, sondern als Medium, auf die Erscheinungen der Welt mit den ihnen jeweils angemessenen Mitteln künstlerisch zu reagieren. In seinem dritten Roman, einem verstörenden und verstörend perfekt inszenierten Planspiel, hat er sich wiederum ein ganz anderes Konzept erarbeitet und zum dritten Mal an einem neuen Stil erprobt. Wenn an diesem jungen Romancier sonst nichts zu loben wäre, dann blieben immer noch sein staunenswertes handwerkliches Können und dieses energische Selbstbewusstsein, mit jedem Buch einen neuen Weg einzuschlagen.
Unerbittliche Konsequenz
«Der Kameramörder» ist ein in Ich-Form abgefasstes Protokoll, das anfangs mit seiner kuriosen, zwischen bürokratischer Pedanterie und umgangssprachlicher Unbeholfenheit changierenden Sprache erheitert und nach und nach jedes heitere Empfinden gnadenlos zerstört. Ein junger Mann hat sich mit seiner stets nur so bezeichneten «Lebensgefährtin» kurz vor Ostern aufgemacht, um ein befreundetes Paar, Eva und Heinrich, in einem steirischen Dorf zu besuchen. Von einer anonymen Instanz aufgefordert, «alles aufzuschreiben», berichtet er von dem, was auf der kleinen Ferienfahrt geschieht, so akribisch wie auf kunstvolle Weise umständlich: «Ab und zu verschaffte sich eine Katze Zutritt zum Haus. Dies veranlasste Heinrich aufzustehen und das Tier hinauszujagen. Dazu äusserte er sich dahingehend, dass die Katzen eine echte Plage seien und man sie nicht ins Haus lassen dürfe, weil sie hier alles verschmutzen und Unhygiene hereinbringen würden.» Die zwei Paare vertreiben sich die Zeit mit Karten- und Tischtennisspielen, dem Kochen und Verzehren von Spaghetti bolognese, dem Konsum grösserer Mengen alkoholischer Getränke und mit dem Fernsehen. Am Karfreitagabend wird dort das erste Mal davon berichtet: Ganz in der Nähe sind zwei Kinder bestialisch ermordet worden, während es ihrem älteren Bruder gelang, seiner offenbar geplanten Tötung zu entkommen. Ein Unbekannter hatte die Geschwister beim Spielen aufgegriffen, in den Wald geführt und zwei von ihnen, indem er ihnen drohte, sonst den in seiner Gewalt befindlichen Bruder grausam zu foltern und die Eltern hernach zu ermorden, dazu genötigt, von einem hohen Baum in den Tod zu springen. Die sadistischen Verhöre der Kinder hat er ebenso wie ihren Todessprung auf Video aufgezeichnet.
Von diesem Ausgangspunkt, der an die reissbrettartigen filmischen Konstruktionen Michael Hankes erinnert, entwickelt Glavinic seinen Roman mit unerbittlicher Konsequenz. Da sind die Medien, die darin wetteifern, den schauerlichen Kriminalfall quotensteigernd zu verwerten. Bald fallen, wie vor wenigen Monaten in Kaprun, Hundertschaften von Fernsehteams in die österreichische Provinz ein, und ein deutscher Privatsender, dem die Videobänder zugespielt wurden, beginnt in der Nacht auf Ostersonntag gar damit, die Aufzeichnungen auszustrahlen. Die Situation eskaliert, Demonstrationen suchen den Sender zu blockieren, Gegendemonstrationen fordern das Recht auf Information, Kardinal, Kanzler und Oppositionssprecher verlautbaren das Ihrige, und die Bauern der Gegend holen ihre Gewehre aus dem Schrank.
Die Fernsehübertragung eines Doppelmords legt den Verdacht nahe, dass dieser Mord vielleicht überhaupt nur verübt wurde, damit er medial verwertet werde. Der Protokollant gibt einige Hinweise dafür, dass sich zumindest bei ihm die mediale Vermittlung schon über die Realität selbst gelegt hat. Am Ende durchkämmen helikopterunterstützte Polizeitrupps die Gegend und kommen dem Haus, in dem sich die zwei Freundespaare befinden, immer näher. Diese beobachten im Fernsehen, was unmittelbar vor ihrem Haus geschieht: «Heinrich wandte sich vom Fenster ab. Er verkündete, wir seien im Fernsehen, allerhand . . . Nebenbei finde er es ärgerlich, dass durch das Getöse der Hubschrauber nicht zu verstehen sei, was das Fernsehen berichte.»
Glavinic bleibt aber bei der Kritik der Medien, die die Gewalt, vor der sie warnen, selbst hervorbringen, nicht stehen. Der letale Fall von Reality-TV ereignet sich nämlich nicht im Irgendwo von Studio oder Container, sondern im tiefen Österreich, dort, wo es noch besonders katholisch ist. Der Mord, der als Opferung zweier Kinder zur Errettung des Bruders angelegt ist, findet am Karfreitag statt, zu einem Zeitpunkt, da in den Kirchen die Selbstopferung Jesu Christi jedes Jahr symbolisch wiederholt wird; die Nachrichten des Grauens kulminieren am Karsamstag, da die Bäuerinnen in die Kirche zur «Fleischweihe» gehen, und der Mörder wird am Ostersonntag gefasst, wenn nicht mehr die Opferung betrauert, sondern die Auferstehung gefeiert wird.
Religion und Aktionismus
Dieser Mörder, wiewohl er den Medien geradezu verfallen ist und seine Mordtaten als Videoübertragungen anlegt, ist doch zugleich ein sehr traditionsverhafteter Österreicher, der sich irgendwo zwischen barocker Volksfrömmigkeit und aktionistischer Selbstüberschreitung wohl fühlen mag. Der Rahmen, in dem er mittels Schlachtung seine kathartische Reinigung sucht, ist aber weder das katholische Messezeremoniell mit der sonntäglich vollzogenen Verwandlung von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi noch die künstlerische Aktion, die eine gelangweilte, abgebrühte Klientel mit dem blut- und farbentriefenden Spektakel vermeintlich frühgriechischer Original-Orgien unterhält. Der sakrale Raum, der heute die Kommunion mit dem Leiden der vielen suggeriert, ist vielmehr das Fernsehen, in dessen Talkshows unablässig die Tränen und die Bekenntnisse fliessen. Der Folterer zwingt einem der von ihm malträtierten Kinder im Video denn auch die Frage auf: «Herr Bub, Sie sind im Fernsehen, sagen Sie unseren Zuschauern doch bitte, was Sie dabei fühlen.» Hat die Fernsehstation die Morde wohl auch nicht direkt in Auftrag gegeben, wären diese für den Mörder ohne die Dokumentation auf Video und ohne die Aussicht auf mediale Veröffentlichung doch gewissermassen unvollständig geblieben. Es ist nämlich der Zweck solcher Morde, Fernsehen zu werden.
Die Lösung des Kriminalfalles kommt nicht ganz unerwartet. Doch hat Glavinic seinen eiskalt komponierten Roman mit solcher inneren Konsequenz zu Ende gebracht, dass wir nicht im fernsten glauben, es sei damit etwas gelöst.
Karl-Markus Gauss