Kamelots erste Live-DVD hat lange auf sich warten lassen - aber keinen Tag zu lange. Denn "One Cold Winter's Night" präsentiert die Band auf einem echten Karrierehöhepunkt. Für die Show am 11. Februar 2006 in Oslo wurden keine Kosten und Mühen gescheut, um ein ansprechendes Ambiente zu schaffen, das den episch bombastischen Metal-Kompositionen in jeder Hinsicht gerecht wird. Dazu gehören eine Vielzahl an Kameras, eine aufwändige Lichtshow und vor allem eine Menge Leute auf der Bühne, die nicht zur Band gehören und dabei helfen, die Theatralik der Songs in einem angemessenen Lichte darzustellen. Elisabeth Kjaernes, Khans Freundin, kommt bei "Nights of Arabia" passend gekleidet auf die Bühne und übernimmt die weibliche Stimme. Bei "March of Mephisto" lässt sie sich wie schon im dazugehörigen Video-Clip von ihrem Khan betören - und im Hintergrund gibt es als Höhepunkt der schauspielerischen Umrahmung der gesungenen Story sogar mir Snowy Shaw (u.a. King Diamond, Mercyful Fate) einen echten "Mephisto". Tom Youngbloods Frau Mari singt die weiblichen Parts bei "Center of the Universe" und "Abandoned" und räkelt sich bei "Elisabeth" noch passend zur Thematik des Songs auf der Bühne vor einem märchenhaften Spiegel. Und die bezaubernde Epica-Frontfrau Simone Simons komplettiert wie schon auf der Kamelot-Tour zuvor auch hier live das Duett mit Khan von der Studio-Version. Dadurch wird "The Haunting" zu einem der absoluten Höhepunkte der Show, denn die Stimmen ergänzen sich wunderbar.
Und auch sonst ist Khan exzellent drauf. Von Up-Tempo-Krachern wie "Center of the Universe", "Karma", "When The Lights Are Down" und "Farewell" lässt er sich zu keinem Zeitpunkt ermüden, bei der Gänsehaut-Ballade "Abandoned" (effektvoll rieselt dabei sogar Schnee auf die Bühne!) singt er mit der emotionalen Intensität eines Geoff Tate, und beim bedrohlichen "March of Mephisto" könnte man glatt Angst vor ihm bekommen. Das Intro von "The Edge of Paradise" veredelt er mit wehmütigem Klagegesang und bei "Forever" spielt er gekonnt mit dem Publikum und lässt die von ihrem Landsmann mit ein paar Worten Norwegisch gern zu Euphorie hingerissenen Fans in der gut gefüllten "Rockefeller Musichall" ein paar Takte nachsingen. Khan sorgt mit Powerstimme, dramatischer Gestik und leidvoller Mimik ohne eine schwache Sekunde dafür, dass keiner der 14 Songs weniger dramatisch rüberkommt als auf den Alben - im Gegenteil! Unterstützt wird er vom "Halo Choir" - zwei Frauen und einem Mann im Hintergrund - der für kraftvolle Mehrstimmigkeit sorgt, ohne dass man auf viele Vocal-Samples zurückgreifen muss.
Die Band spielt sensationell gut. Casey Grillo (Drums), Bandchef Tom Youngblood (Gitarre) und Glenn Barry (Bass) schnüren ihre Mischung aus Speed-Metal in Slayer-Tempo, traumhaften Melodien und allerhand progressiven Technik-Kabinettstückchen zu einem tadellos tighten Rhythmus-Paket zusammen, dem der sehr gute Mix und der lupenreine Sound der Aufnahmen gerecht wird. So wird auch die komplette Fülle an Details hörbar, für die zu einem nicht unwesentlichen Teil auch der deutsche Keyboarder Oliver Palotai verantwortlich ist, der die Band gerade erst vor der "The Black Halo"-Tour komplettierte und sich bereits prima einfügt. Mit ihm können Kamelot auf etliche Samples verzichten, die früher vor allem Casey Grillo an einem Laptop neben seinem Drumset bediente. Zudem zeigt Palotai mit einem virtuosen Solo, dass seine Wurzeln im klassischen Klavier liegen. Bei "Moonlight" hat dann noch Sascha Paeth, bei dem die Band in Deutschland ihre Alben produziert, einen Gastauftritt und spielt Rhythmusgitarre und ein Solo.
Die Setlist konzentriert sich ganz stark auf die aktuelleren Alben der Bandgeschichte: allein 7 Songs stammen vom zu jener Zeit aktuellen Album "The Black Halo", weitere 3 vom Vorgänger "Epica" und ebenso 3 von "Karma" von 2001, darunter mit dem epischen und vielschichtigen Dreiteiler "Elisabeth" auch eine gelungene Überraschung in der Songauswahl.
Es passt einfach alles zusammen auf dieser Konzert-DVD. Weil Musik immer Geschmackssache ist, sollte man das Adjektiv "perfekt" nicht so oft in den Mund nehmen. Aber Kamelot lassen mit dieser Show keine Wünsche offen und man muss schon lange überlegen, bis einem etwas einfällt, was sie hätten besser oder anders machen können - vielleicht hätte die Show ein wenig länger als 90 Minuten ausfallen dürfen.
Noch Mal 87 Minuten packt die Bonus-DVD obendrauf. "Halo Vision" blickt hinter die Kulissen der Show, und die Bandmitglieder beantworten Fragen von Fans. Tom Youngblood und Casey Grillo kann man zu Hause in Florida besuchen, Hunde und Katzen gleich mit. Ihre Herrchen gewähren Einblicke in Familienfotos, DVD-Sammlungen, CD-Regale und ihre privaten Musikstuben. Oliver Palotai grüßt die Fans aus einer Musikschule, "somewhere in Germany" (Jemand müsste ihm allerdings mal sagen, dass es das Wort "Keyboarder" im Englischen nicht gibt...). Zudem gibt es ein Interview mit Simone Simons und Casey Grillos Abstecher zum Ausrüster ddrums. "Serenade" ist ein Zusammenschnitt aus Casey Grillos Videos, die er auf der "Black Halo"-Tour hinter den Kulissen gemacht hat; aber auch ältere Szenen, z.B. von der Mexiko-Tour zusammen mit Keyboarder Günter Werno sind mit dabei. "March of Mephisto" gibt es gleich drei Mal als Video, einmal live vom Sweden Rock Festival 2006 und dann noch zwei Versionen des schaurig düster inszenierten Videoclips - "normal" und unzensiert: Dimmu-Borgir-Grunzer Shagrath, der den Mephisto spielt, lässt sich ein bisschen Blut aus einem Schädel in den Mund fließen und anschließend quillt es ihm wieder raus... man hat schon Schlimmeres gesehen. Das ebenfalls aufwändig gedrehte "The Haunting"-Video ist zusammen mit Simone Simons entstanden - dazu gibts auch gleich ein Making of. Zwei Fotogalerien mit Schnappschüssen des Gigs und privaten Backstage-Aufnahmen sowie Steckbriefe der Musiker mit amüsanten Antworten auf persönliche Fragen runden das Bonusmaterial ab.