Neue Zürcher Zeitung
Erotik als Gratwanderung - Das Kamasutra in neuer Edition Von Claudia Wenner Das Kamasutra entstand höchstwahrscheinlich im 3. Jahrhundert in Nordwestindien und ist das älteste überlieferte hinduistische Lehrbuch der erotischen Liebe. Es ist ein auf Sanskrit verfasstes Buch über die Lebenskunst: über Partnerwahl, Machterhalt in der Ehe und Ehebruch, über das Leben als Kurtisane und mit einer Kurtisane, über den Gebrauch von Drogen und über die Stellungen beim Geschlechtsverkehr, auf die es unseligerweise immer noch reduziert wird, obwohl die entsprechenden Passagen nur einen Bruchteil des Textes ausmachen. Die über zwei Millionen Einträge, die sich im Internet unter dem Stichwort «Kamasutra» finden, legen nahe, dass der «Leitfaden der Sinneslust» so die wörtliche Übersetzung zu einer Art ungeschütztem Markennamen geworden ist, der mit dem Buch des Autors Vatsyayana nur wenig gemein hat. Wer es kennen lernen wollte, musste sich bisher in die zwar seriösen, jedoch tendenziell trockenen Editionen indologischer Philologie einarbeiten (Richard Schmidt 1887; Klaus Mylius 1987) oder aber mit Ausgaben vorlieb nehmen, die den Text vernachlässigen und stattdessen durch Illustrationen aller Couleurs zu bestechen versuchen. Es ist daher kein geringes Verdienst, dass der Wagenbach-Verlag dem deutschsprachigen Leser nun die vor zwei Jahren bei der Oxford University Press erschienene kommentierte Neuübersetzung der Chicagoer Sanskritologin und Religionswissenschafterin Wendy Doniger und des indischen Psychoanalytikers und Autors Sudhir Kakar zugänglich macht. Zwar nimmt die Übersetzung ins Deutsche den Umweg über das Englische, wodurch sich, philologisch gesehen, neue Ungenauigkeiten eingeschlichen haben mögen, sie bietet aber andererseits den Vorteil einer glänzend geschriebenen und höchst interessanten fünfzigseitigen Einleitung, die den Zugang zum Text nicht nur erheblich erleichtert, sondern auch seine Relevanz für die heutige Zeit darlegt. Doniger und Kakar der eine 1999 auch auf Deutsch erschienene fiktive Biografie Vatsyayanas geschrieben hat lassen eine Epoche des alten Indien lebendig werden, deren urbane Weltoffenheit die erotische Liebe gegen eine moralisierende Reduktion auf die Fortpflanzung ebenso verteidigte wie gegen den unkultivierten Zugriff rohen sexuellen Begehrens. Ausgestattet mit Auszügen aus Yashodharas «Jayamangala», dem ältesten Sanskritkommentar aus dem 13. Jahrhundert, sowie aus dem «Jaya» des Hindi-Kommentators Devadatta Shastri von 1964 bietet diese Ausgabe zusammen mit den kenntnisreichen Anmerkungen Donigers und Kakars einen multiperspektivischen Blick auf das Kamasutra, der zum Nachdenken anregt: Altindisches, Neuindisches und Westliches treffen aufeinander und ergänzen Vatsyayanas enzyklopädische Grundhaltung, die in den zahlreichen Auflistungen zum Ausdruck kommt. Bedauerlicherweise fehlen in der deutschen Einleitung die Ausführungen zum wissenschaftlichen und mystischen Aspekt der Zahlen, so dass deren Funktion und Bedeutung im Dunkeln bleiben. Auch wird nicht einsichtig, warum eine Neuübersetzung ins Englische dringend nötig war, denn über Richard Burtons Erstübersetzung von 1883, eine Pionierleistung, die das Kamasutra ausserhalb Indiens bekannt machte, erfährt man nur Lobendes nämlich dass Burton in prüden viktorianischen Zeiten den Mut besass, unverblümt über Sexualität zu schreiben, und nicht wie der deutsche Übersetzer Richard Schmidt ins Lateinische auswich. Dass Burton dabei den Tenor des Originaltexts verfälschte, indem er die von Vatsyayana betonte, höchst modern anmutende Eigenständigkeit weiblicher Sexualität herunterspielte und seinen Text zudem mit Yashodharas tausend Jahre später entstandenem Kommentar vermischte, hätte erwähnt werden können. Die Einleitung wurde also nicht überarbeitet, wie es in der editorischen Notiz heisst, sondern schlicht gekürzt, was schade ist, der Qualität dieser vorzüglichen Ausgabe aber letztlich nichts anhaben kann.
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Kurzbeschreibung
Das Kamasutra ist weit mehr als das simple Sexuallehrbuch, als das uns der komplexe Text landläufig bekannt war. Wendy Doniger und Sudhir Kakar präsentieren in ihrer Neuübersetzung das Kamasutra als psychologischen Unabhängigkeitskrieg für die Frau, der vor rund zweitausend Jahren in Indien stattfand.
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Autorenportrait
Prof. Dr. Klaus Mylius ist emeritierter Ordinarius für Indologie an der Universität Leipzig und gilt als einer der besten Kenner und Übersetzer der alten indischen Literatur.
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