"Hard Reset", dies gleich mal vorweg, ist für mich was gutes PC-Shooter-Gameplay der späten 2000er und frühen 2010er Jahre angeht, die momentane Referenz. Schon sehr, sehr lange hat mir das Ballern in einem aktuellen Titel nicht mehr so viel Spaß gemacht. Wegen solcher Spiele mag ich dieses Genre. So soll sich das bitte anfühlen.
Anfühlen meine ich dabei durchaus wörtlich. Gute Shooter werden für mich in erster Linie durch ihr Handling, ihr Gameplay bestimmt. Ich finde es toll, wenn es noch dazu eine gute Geschichte gibt. Aber das ist für mich keine Bedingung. Die Geschichte von "Hard Reset" ist schnell erzählt: man nehme zu gleichen Teilen "Matrix" und "Blade Runner" und mixe eine Spur William Gibson und P.K.Dick hinein, befreie diese Zutaten von beinahe jeglichem Anspruch und simplifiziere sie auf ihr Grundgerüst, gut umrühren, fertig. Nicht weiter der Rede wert. Immerhin gibt es zwischen den Leveln eine kleine, nette Grapic Novel - die aber nicht an das Niveau von beispielsweise "Max Payne" geschweige denn "You are empty" heranreicht. Aber wie es sich spielt! Zum mit der Zunge schnalzen.
"Hard Reset" ist der Erstling von Flying Wild Hog, einer Neugründung ehemaliger Mitglieder der Teams von CD Project und People Can Fly. Bei letztgenannten merkt der FPS-Kenner natürlich auf: "Painkiller". Der beste Arena-Shooter der 2000er Jahre. Bis heute unerreicht (auch "Hard Reset" kommt da nicht ran). Die Verwandtschaft zum Vorgänger ist ihm jederzeit anzumerken. Knackige Arenen-Kämpfe gegen überfallartig und brachial anrückende Gegnerwellen ohne allzu ausgereifter K.I. - versteckte Bereiche - Munitions-Pick-Ups - Healthpacks - gigantische Levelbosse - Dauerfeuer aus sämtlichen Rohren bei herausragendem Waffenhandling. Hinzu kommt ein mehr als vorzeigbares Design von hoher grafischer Qualität und eine tadellos schnell arbeitende Engine ohne jegliches Tearing. So sieht PC-Optimierung aus. Als Zugabe spendiert das Spiel ein Effektgewitter, dass einem Hören und Sehen vergeht. Die Level von "Hard Reset" sind auf Environmental Kills ausgelegt - und wenn hier die gegnerischen Roboterhorden von elektrischen Schlägen gegrillt und durch Explosionen laut scheppernd in ihre Einzelteile zerlegt werden - dann ist das ein überwältigendes und intensives Schauspiel. Das ursprünglich nur digital veröffentlichte Spiel bot allerdings lediglich sechs Level in einer auf die Dauer etwas zu monoton und insgesamt auch zu schlecht ausgeleuchteten Stadtdystopie im Dauerregen. Die hier besprochene Extended Version spendiert nun fünf weitere Level mit neuen, flugfähigen Gegnern (was eine schöne Erweiterung des ebenfalls zuvor nicht besonders vielfältigen Gegnerrepertoirs darstellt). Diese Level sind eine gestalterische Steigerung um mehrere Grade und sehen so aus, wie "Rage" gerne ausgesehen hätte. Außerdem sind sie weitläufiger, was der Arena-Struktur der Kämpfe sehr zu gute kommt, die sich in den Ursprungsleveln manchmal aufgrund eines zu geringen Platzangebotes etwas beengt anfühlen. Auch die Kritik an der zu kurzen Spiellänge hat sich bei nun reichlich zehn Stunden in Relation zum Preis erledigt.
Außerdem muss man "Hard Reset" sowieso zweimal spielen. Denn nur dann entfaltet es seine ganze Wirkung. Das liegt daran, dass einem das Spiel beim ersten Durchlauf, den man um Himmelswillen bitte nicht jenseits von "Mittel" angehen sollte, gehörig in den A... tritt. Endlich stirbt man in einem FPS mal wieder regelmäßig und benötigt Skill für seine Absolvierung! Nach und nach schaltet man an Upgrade-Stationen mit aufgesammelten Nano-Modullen sämtliche Funktionen seiner beiden Waffen frei, die sich auf zehn, mit der Zweitfunktion zwanzig Varianten von Shotgun bis Railgun summieren. Alle Werte auf Max bekommt man in einem Durchgang nicht, was Taktik und Auswahl nach sich zieht. Ist man dann vollständig ausgerüstet und in allen Statistikwerten auf Max, kann man sich an einen Durchlauf auf "Hart" wagen - eine komplett andere Spielerfahrung. Macht zwanzig Stunden glückliches Ballern in toller Kulisse.
Die Idee mit den beiden Waffen (einmal Energie, einmal Blei) ist übrigens ganz großartig, weil sie auf die Möglichkeiten des Gamepads klug eingeht, ohne dabei die Freunde von Tastatur und Maus zu vernachlässigen. Und auch beim Speichern versöhnen die Entwickler Väter und Söhne: wer lieber frei speichert - der ruft die Konsole auf und macht einen Tastatur-Bind. Nur in den knackigen und dabei intuitiven Bosskämpfen arbeitet dieser nicht. So ist allen gedient.
Wieso bei all der Begeisterung trotzdem nur vier Sterne? Weil man die Level nur an den dafür vorgesehenen Punkten behüpfen darf. Kein freies Erkunden und teils absurde Barrieren. Hat mich gemeinsam mit der fehlenden Duckfunktion immer wieder sehr rausgerissen. Wen das nicht stört, der gibt noch den fünften Stern dazu.
Eins noch: Mögen sich doch bitte alle an Kalypso Medias Umgang mit DRM ein Beispiel nehmen.
Und jetzt: Kaufen.