Vor ein paar Wochen landete ich im WDR beim Kölner Treff: Eine junge Afrikanerin erzählte unaufdringlich von ihrem Leben, wirkte etwas scheu, aber ganz bei sich. Eine ungewöhnliche Person, dicke schwarze Zöpfe, große sprechende Augen und gemütlich vollschlank. Sie berichtete davon, dass sie in der DDR geboren worden war, weil freundliche Menschen ihr das Leben retteten und dass das irgendwie mit einem Bürgerkrieg in Afrika zusammenhing.
Das alles ging mich nichts an. Ich bin aus dem Süden Deutschlands und war nie in Afrika. Aber ich hatte schon einige Bücher darüber gelesen, viel Sehnsuchtskram, aber auch Vernünftiges. Vielleicht lag es auch daran, dass die junge Schwarze ihre - wie es hieß - Schwester in die Show mitgebracht hatte und die war das genaue Gegenteil. Blond, zart, blaue Augen. Schwestern? Und die beiden sprachen sehr liebevoll voneinander.
Ich vergaß diesen kurzen Eindruck, aber irgendwann musste ich an dieses seltsame Paar denken und guckte mal nach, was es Neues zum Thema Afrika gibt. Und da war sie: Stefanie-Lahya Aukongo hieß sie. Inzwischen haben ich "Kalungas Kind", ihr Buch, gelesen. Genau genommen einmal ganz und dann immer wieder Stücke daraus. Mein Gott, was für eine Geschichte! Und wie die erzählt ist! Phantastisch! Nein, es ist phantastisch, dass ein Mensch so viel Schreckliches erleben kann und dennoch so viel Bodenständigkeit hat und Verständnis für andere Menschen zeigen kann.
Die Story geht so: Die DDR flog Ende der 70er Jahre verletzte Afrikaner nach Berlin aus. Darunter Stefanies Mutter, die etwa im 5. Monat schwanger war. Das Baby wird geboren, die Mutter kann erst nach der Entbindung operiert werden. Eine Familie nimmt die Kleine auf, es stellt sich heraus, dass sie behindert ist. Trotzdem stehen diese Leute zu dem Sorgenkind. Und nach etwas über einem Jahr müssen sie Stefanie hergeben, denn Mutter und Kind müssen in den Bürgerkrieg zurück. Beim Lesen wurde ich an der Stelle richtig wütend, weil ich plötzlich begriff, wie das System DDR wohl funktionierte. Es zählte nicht das einzelne Schicksal, sondern die offizielle Linie. Und gegen die lehnte sich die Pflegefamilie auf. Im Buch wird das sehr anschaulich dargestellt. Diese Menschen bekamen die Kleine tatsächlich zurück, obwohl man ihnen sagte: Holen Sie doch ein gesundes Kind. Welch eine Menschenverachtung - und das nannte sich Solidarität mit unterdrückten Völkern! Und dann haben sie Stefanie wieder - und die ist noch viel schlechter dran als zuvor. Krank und zerbissen von Menschen, niemand weiß wieso.
Stefanie lebt von nun an bei ihrer deutschen Familie. Aber immer wird ihr gesagt: Irgendwann musst du wieder nach Afrika. Dadurch wird sie niemals heimisch. Die Mauer fällt, der Westen kommt, die Kleine reist mit 14 nach Afrika, um ihre Eltern kennen zu lernen. Ein Teenager, etwas zurück in seiner Entwicklung, ganz allein im fremden Namibia, das ihre Heimat sein soll. Und niemand hat sie auf das vorbereitet, was sie erwartet. Sie trifft auf ihre leibliche Mutter, die ihr allen Ernstes empfiehlt Würmer zu essen, wenn sie die geschlachtete Ziege nicht mag. Ein Kulturschock. In ihrem Buch schreibt Stefanie, sie hätte das Gefühl gehabt, bei den Urmenschen gelandet zu sein. Aber auch, mit welcher Naivität sie durch das Abenteuer des eigenen Lebens stolpert.
Es ist dieser sanfte Humor, mit dem die heute 30-jährige auf ihr Leben zurückblickt, der mich für das Buch eingenommen hat. Und die Ehrlichkeit mit der sie von sich sagt, sie wünschte sich manchmal unsichtbar zu sein, weil sie als schwarze, behinderte und (so sagt sie es) zu dicke Frau überall auffällt. Sie schreibt von dem langen Weg, bis sie sich selbst akzeptieren konnte. Der Höhepunkt, ja, da brauchte ich ein paar Taschentücher, ist erreicht, als sie jene Ärzte aufsucht, die ihre Mutter 30 Jahre zuvor entbanden. Und so erfährt sie schließlich, warum sie die ist, die sie ist. Sie ist komplett anders als "wir". Ich wünschte, "wir" könnten mit solcher Freundlichkeit das Leben ansehen wie diese ungewöhnliche Frau. Und um wieder zu dieser "Schwester" aus der Talkshow zurückzukommen: Von der schreibt Stefanie zwar nicht viel, aber es wird klar, dass in dieser Pflegefamilie eine große Liebe geherrscht haben muss. Für mich eine der Aussagen des Buchs überhaupt: Nimm Menschen wie sie sind, nicht wir du willst, dass sie sein sollen. Dann ist eine blonde Frau die Schwester ihres Gegenteils.
Ich habe noch nie Vergleichbares gelesen und empfehle Kalungas Kind aus ganzem Herzen.